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Jack Whitten: Apps for Obama, 2011.

Ausstellung

Die Apps für Obama

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Berlin zeigt die Europa-Schau des afroamerikanischen Künstlers Jack Whitten.

Der Spirit wirkt. Er dringt aus jedem Schwung, etwa in einem steingrauen Bild, das Cy Twomblys gewebeartigen Malstrukturen gewidmet ist und auf dem sich Rakel-Spuren finden, als sei der Wind über eine Eisfläche des Nordmeeres oder über das Hochplateau eines Basaltgebirgszuges gepeitscht. Das Geistige wie das Emotionale, das den Maler Jack Whitten (1939–2018) zu unverwechselbaren, abstrakten Bild-Experimenten antrieb, entströmt den Tafeln geradezu physisch. In seiner Malerei, hat Whitten gesagt, drehe sich alles um die „Leerstellen“ zwischen Form und Inhalt. Es geht bei Letzterem nicht um Bild-Erzählungen, nicht um Illustrationen, auch nicht um Symbolik, eher um Experimente und Prozesse.

Von irgendwo, das meint seine Tochter Mirsini Whitten, die mit anderen Familienangehörigen aus New York angereist ist, würde Jack jetzt zusehen. Und gewiss erfreut sein. Noch nie waren seine eigenwillig-schönen Mosaik-Gemälde nämlich in Europa ausgestellt. Der aus Alabama stammende Afroamerikaner ist hierzulande noch ein Unbekannter. Udo Kittelmann, Direktor der Berliner Nationalgalerie, hatte ihn 2007 in den USA getroffen, die Ausstellung stand seitdem auf seiner To-do-Liste. Doch Whitten, gerade noch mitten in der Arbeit, starb ganz plötzlich Anfang letzten Jahres.

„Self Portrait: Entrainment“, 2008.

Dreißig seiner meist großformatigen Tafeln aus 55 Jahren sind im Hamburger Bahnhof zu sehen. Der witzige Titel „Jack’s Jacks“ will sagen, dass alles, was wir sehen, ganz und gar sein Ding war und er es nie anders gewollt hätte. Nicht die bitteren Erfahrungen der Rassentrennung in den Südstaaten. Nicht die verrückten sechziger Jahre in New York, erst beim Studium an der Hochschule Cooper Union, dann die folgenreiche Begegnung mit der eher poetischen Fraktion der abstrakten Expressionisten wie Willem de Kooning, Arshile Gorki oder Franz Kline. Und später mit dem Who is Who der amerikanischen Nachkriegs-Klassik: Ellsworth Kelly, Rauschenberg, Warhol.

Whitten war ein Suchender, der die Mittel malerischer Abstraktion erweitern wollte. Das betraf die technisch-handwerklichen Aspekte und sein ausgeprägtes Materialempfinden ebenso wie die formal-ästhetischen und politischen Inhalte. Er war dem schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King begegnet, widmete ihm 1968 ein farbstrudelndes Bild wie aus Erde, Feuer, Wasser, Luft.

Und ein Engel für B.B. King

Whitten engagierte sich gegen den Vietnamkrieg, las die Schriften deutscher Philosophen und zugleich Bücher über Quantenphysik und Mathematik, interessierte sich für Sport und verwandelte, was er sah, hörte, erlebte in Formen, die schließlich zu den späten Experimenten, den Mosaiken, führten. Zudem liebte er Jazz, traf Musiker wie B.B. King – für ihn malte er auf schwarzem Bildgrund ein Engelchen –, Duke Ellington, John Coltrane, Miles Davis, Ornette Coleman.

In einem Video am Eingang der Ausstellung ist zu sehen, wie Whitten arbeitete: Er schnitt die Rechtecke der fast byzantinisch perfekt angeordneten Mosaikteile aus Papier und Pappe, bemalte, spachtelte, klebte, collagierte die Teilchen akribisch auf Leinwand und Holz. Er türmte Acrylfarbe auf Acrylfarbe; in den von Kanten aus Metall oder Gummi begrenzten Bildtableaus gibt es kein Stückchen buntes Glas, Stein oder Kunststoff. Alles ist nur verwandelte Farbe, etwa im Mosaik mit einem Oval voller Brustnippel. Die sinnlich-witzige Tafel ist der großen Bildhauerin Louise Bourgeois und dem ewig Weiblichen gewidmet.

In einer Hommage für Warhol drückte Whitten Bienenwaben und Lochraster-Bleche in die Farbmasse. Die ganze Leinwand sieht aus wie eine überflogene Landmarke, die nur für Außerirdische und deren Landeplätze bestimmt ist. Und da sind die „Apps for Obama“ von 2011, Whitten hat damit seine Hoffnungen auf Barack Obama ins Bild gesetzt und zwar mit viel Blau und Weiß, dazu grün-gelbe-rote Markierungen auf einer Hohlkerntür. Symbolisch dargestellt ist ein digitales Netzwerk. „Als ich an diesem Bild arbeitete, war Obama in Schwierigkeiten“, notierte Whitten damals. Es ging um dessen zweite Amtszeit als Präsident der USA. Dass am 20. Januar 2017 Donald Trump ins Weiße Haus einzog, hat Whitten noch erlebt. Dem unberechenbaren Twitterer widmete er keine App. Das wäre ihm gegen die Künstler-Ehre gegangen.

Hamburger Bahnhof, Berlin: bis 1. September. www.smb.museum

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