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Antisemitismus-Vorwürfe gegen Documenta – Indizien und Spekulationen häufen sich

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Von: Harry Nutt

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Das gemeinschaftliche ruruHaus in Kassel, das als Labor für die Documenta 15 dient.
Das gemeinschaftliche ruruHaus in Kassel, das als Labor für die Documenta 15 dient. © epd-bild/Andreas Fischer

Sind die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Documenta-Leitung gerechtfertigt? Ruangrupa und das Vertrauen in die Sprache der Kunst.

Kassel - Der illiberale Geist der internationalen Boykottbewegung BDS, die sich die politische, wirtschaftliche und kulturelle Isolation des Staates Israel zum Ziel gesetzt hat, kann nicht in Zweifel gezogen werden. 2018 diente ein Reisekostenzuschuss der israelischen Botschaft von wenigen Hundert Euro zur Begründung für die Absage mehrerer Beteiligter am Berliner Festival Popkultur.

Bereits zuvor hatte die britische Band Radiohead einen sich über Monate hinziehenden Shit-storm über sich ergehen lassen müssen, weil sie auf der Durchführung eines geplanten Konzertes in Tel Aviv bestand. An der Kampagne gegen Radiohead beteiligten sich auch zahlreiche prominente Musikerkollegen, der BDS konnte in den vergangenen Jahren gerade auch auf starke Unterstützung aus Künstlerkreisen rechnen. Ein wesentliches Merkmal der BDS-Aktivitäten besteht denn auch in der Verschließung von Diskursräumen, der Aufruf zum Boykott kann jedenfalls kaum als Einladung zum ergebnisoffenen Gedankenaustausch missverstanden werden.

Kassel: Antisemitismus-Vorwurf gegen die Documenta-Leitung Ruangrupa

Aber sind derlei Kampagnen auch antisemitisch? Wer so fragt, hat sich bereits den Fliehkräften einer Hermeneutik des Verdachts ausgesetzt, unter deren Einfluss man sich kaum mehr unvoreingenommen anderen Lebensweisen und Gedankenwelten zuwenden kann. Genau das aber war die Idee, als die Documenta-Kommission das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa mit der künstlerischen Leitung der Documenta 15 in Kassel betraute. Es war auch als Blick über den Tellerrand eines nicht zuletzt marktgetriebenen Kunstverständnisses aufgefasst worden.

Ruangrupa, die auch innerhalb des Kunstbetriebs bis zu ihrer Berufung weitgehend unbekannt waren, stehen seither nicht mehr allein für sich und ihre vom Prinzip der sozialen Intervention angetriebene Arbeit. Auf ihnen lastet vielmehr die Erwartung einer geopolitischen Erweiterung des Kunstsystems. Gemeinschaft und solidarisches Handeln anstelle eines auf Konkurrenz in der westlichen Welt ausgerichteten Betriebs lauten dazu die an Ruangrupa herangetragenen Formeln. Ein neues Spiel des alten Kapitels einer eingreifenden Kunst gegen puren Ästhetizismus?

Arnold Bode mit Bundespräsident Theodor Heuss (r.) 1955 auf der Documenta vor einer Plastik Henry Moores.
Arnold Bode mit Bundespräsident Theodor Heuss (r.) 1955 auf der Documenta vor einer Plastik Henry Moores. © epd-bild/akg-images

Documenta 15 in Kassel: Vorwurf des Antisemitismus gegen Kunstmesse und Ruangrupa

Mit dem Vorwurf des Antisemitismus aber werden die Macher der Documenta fifteen, wie es nun in weltsprachlicher Anmutung heißt, von der Schärfe einer Debattenkultur erfasst, in der Indizien und Spekulationen scheinbar genügen, um das gesamte Unterfangen zu diskreditieren. Damit soll nicht abgelenkt werden von möglichen ideologischen Motiven, vor denen Künstlerinnen und Künstler gewiss nicht gefeit sind. Es ist beinahe naheliegend, dass in den Weltregionen, aus denen Ruangrupa künstlerische Impulse für die Documenta zu beziehen beabsichtigt, antiisraelische Einstellungen keine Seltenheit sind und erst recht nicht ohne Weiteres von antisemitischen Affekten unterschieden werden können.

Für die Documenta aber ist das Thema Antisemitismus von existenzieller Natur. Noch weitgehend unverarbeitet ist die erst kürzlich ins Bewusstsein getretene Entdeckung, dass die Geschichte der Weltkunstausstellung keineswegs jener ausschließlich von der Reinheit des demokratischen Aufbruchs geprägte Gründungsakt der jungen Bundesrepublik war, für den sie sich auch selbst gern hielt. Inzwischen hat der lange Schatten des Nationalsozialismus die Documenta eingeholt.

An der Seite des redlichen Kunstmanagers und von den Nazis verfolgten Malers Arnold Bode agierte in den Anfangsjahren der Documenta der scharfsinnig-umtriebige Kunsthistoriker Werner Haftmann, der es elegant vermochte, die hiesige Kunstwelt lange hinsichtlich seiner biografischen Abgründe zu täuschen. Haftmann, seit 1933 in der SA und ab 1937 in der NSDAP, war 1944 als Verbindungsoffizier der Wehrmacht in Italien ganz unmittelbar an Folterungen von Partisanen beteiligt, und er schwor auch nach 1945 der NS-Ideologie nicht ab.

Vorwurf des Antisemitismus: Kunstmesse Documenta in der Kritik

An der Geschichte Haftmanns ließe sich studieren, wie das beherzte Eintreten für abstrakte Kunst einhergehen kann mit der inhumanen Modernität des NS-Regimes. In einer umfangreichen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums wurde im vergangenen Jahr unmissverständlich dokumentiert, wie beflissen Werner Haftmann darin war, auf den ersten drei der von ihm kuratierten Schauen jüdische Künstler und Künstlerinnen außen vor zu lassen. Der mutwillig-ausschließende Charakter der Documenta in den Anfangsjahren ist keineswegs eine Randnotiz, sondern richtet immer auch Fragen an die Zukunft der weit über das Nordhessische hinaus bedeutenden Kunstschau.

So gesehen sind die seitens der politisch Verantwortlichen aus Kassel und dem Land Hessen eilig verteilten Bekenntnisse zur Freiheit der Kunst vorerst nichts weiter als ein Versuch der Schadensbegrenzung. So wünschenswert ein internationales Forum sein mag, auf dem über Rassismus, Antisemitismus und Islamophobie im Kontext der Kunstfreiheit diskutiert werden soll, scheint es angesichts der aufgeladenen Stimmung einen primär beschwichtigenden Charakter zu haben.

So wie sich die hiesige Debattenkultur in den letzten Jahren dargeboten hat, besteht die Hoffnung für die Documenta 15 auf einen Ausweg aus dem Dilemma kaum in den Früchten guter Gespräche. Zu arg hat das Prinzip, zumindest versuchsweise die Positionen der anderen einzunehmen, zuletzt Schaden genommen. Aber war es nicht so, dass der Documenta noch ein anderes Medium zur Verfügung steht? Das Vertrauen in die Ausdrucksformen der Kunst, so lässt der anschwellende Documenta-Streit vermuten* ist derzeit nicht sonderlich groß. Aber sollte man nicht versuchen, ihnen Geltung zu verschaffen? Ruangrupa, übernehmen Sie! (Harry Nutt) *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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