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Antisemitismus auf der documenta fifteen: Jetzt (fast) amtlich

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Von: Judith von Sternburg

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Die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff sitzt dem Gremium vor, das von den Gesellschaftern der Documenta GmbH beauftragt worden ist.
Die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff sitzt dem Gremium vor, das von den Gesellschaftern der Documenta GmbH beauftragt worden ist. © christoph boeckheler*

Antisemitismus auf der Documenta: Das Expertengremium unter der Leitung von Nicole Deitelhoff erklärt sich mehr oder weniger deutlich.

Vierzehn Tage vor Ende der documenta fifteen hat die Expertenkommission, die den Antisemitismusfällen auf der Kunstschau nachgehen soll, eine erste Erklärung, vielmehr zwei erste Erklärungen vorgelegt. Sie haben es in sich, gerade weil sie in der Sache an sich nichts Neues bringen.

Die Gruppe unter der Leitung der Politikwissenschaftlerin und Friedensforscherin Nicole Deitelhoff, eingesetzt von den Documenta-Gesellschaftern, spricht von einer „ersten Einschätzung“. Deitelhoff stellte am Wochenende zwei Presseerklärungen online. Die längere ist von fünf der sieben Mitglieder unterzeichnet, denen es offenbar wichtig war, auf strukturelle Mängel einzugehen.

Der erste von drei Punkten ist aber in beiden Erklärungen identisch: Als „dringlichste Aufgabe“ sieht es das Gremium an, die Vorführung der unter dem Namen „Tokyo Reels Film Festival“ gezeigten Filmkompilation des Kollektivs „Subversive Film“ zu „stoppen“: propalästinensisches Propagandafilmmaterial aus den Sechziger- bis Achtzigerjahren. „Hoch problematisch an diesem Werk sind nicht nur die mit antisemitischen und antizionistischen Versatzstücken versehenen Filmdokumente, sondern die zwischen den Filmen eingefügten Kommentare der Künstler:innen, in denen sie den Israelhass und die Glorifizierung von Terrorismus des Quellmaterials durch ihre unkritische Diskussion legitimieren.“ Das historische Material werde als „vermeintlich objektiver Tatsachenbericht affirmiert. Dadurch stellen die Filme in ihrer potenziell aufhetzenden Wirkung eine größere Gefahr dar als das bereits entfernte Werk ,People’s Justice‘.“ Viele der Filme, heißt es weiter, „präsentieren Israel und seine Streitkräfte ausschließlich als Täter:innen, die gezielt Zivilist:innen, insbesondere Frauen und Kinder, angreifen.“ Die „einseitig negative Darstellung Israels“ schlage „mehrfach in offenen Antisemitismus um“.

Problematisch sei zudem die Entstehungsgeschichte des Werks, bei dem ein japanischer RAF-Terrorist eine Rolle spielte. So weit die gemeinsame Erklärung aller sieben Gremiumsmitglieder. Dass das „Tokyo Reels Film Festival“ in Kassel ganz früh in den Fokus der Kritik geriet, wird nicht erwähnt. Es leitet jedoch natürlich über zu dem längeren Text der fünf. Sie erklären zunächst, dass das „Festival“ das „eklatanteste Beispiel für eine Einseitigkeit der documenta fifteen in Hinblick auf den arabisch-israelischen Konflikt“ sei. Diese zeige sich auch in anderen Werken, die Analyse dauere noch an. Die „Einseitigkeit der präsentierten Positionen“ bei diesem Thema sei jedoch nicht „den einzelnen Künstler:innen zuzurechnen, sondern Folge eines kuratorischen Konzepts der künstlerischen Leitung, das bewusst auf Kontrolle über die Zusammenstellung und Präsentation der Ausstellung verzichtet hat“. Dieser „im Prinzip begrüßenswerte dialogische und kooperative Ansatz“ ändere nichts an der „kuratorischen Gesamtverantwortung“ der Leitungsgruppe Ruangrupa. „Im Ergebnis“ habe sie eine Documenta „zu verantworten, in der antisemitische Werke ausgestellt wurden und Israel und Israelis ausschließlich als Täter:innen und Aggressor:innen in Erscheinung treten“. Auseinandersetzungen mit der NS-Zeit und dem Holocaust sowie „jüdischen Perspektiven auf den Nahostkonflikt“ gebe die Ausstellung hingegen keinen Raum. Eine Auseinandersetzung der künstlerischen Leitung mit den antisemitischen Vorfällen, deren Kritik als „Zensur“ diskreditiert werde, sei ausgeblieben.

Auf der Ebene der Documenta-Organisation sehen die Unterzeichnenden eine „unzureichend bis kontraproduktiv“ gestaltete Reaktion. „Für den Umgang mit problematischen Werken scheint die documenta kein Verfahren vorzuhalten, das über die Prüfung der Strafbarkeit eines Exponats hinausgeht.“ Die „gravierenden Probleme“ der Schau bestünden damit nicht nur „in der Präsentation vereinzelter Werke mit antisemitischer Bildsprache und antisemitischen Aussagen, sondern auch in einem kuratorischen und organisationsstrukturellen Umfeld, das eine antizionistische, antisemitische und israelfeindliche Stimmung zugelassen hat“.

Das ist nicht neu, wie gesagt, aber auf den Punkt. Und nun?

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