Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Anna Dorothea Therbusch: Selbstporträt mit Monokel, 1777.
+
Anna Dorothea Therbusch: Selbstporträt mit Monokel, 1777.

Kunst

Anna Dorothea Therbusch: Genau nach der Natur

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
    schließen

Zum 300. Geburtstag der Malerin, die den nackten Diderot gesehen und gemalt hatte.

Am 23. Juli 1721 wurde in Berlin Anna Dorothea Therbusch geboren. Ihr Vater war der polnische Maler Georg Lisiewski (1674-1750), der vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. wegen seines unhöfischen – man ist versucht zu sagen: bürgerlichen – Realismus sehr geschätzt wurde. Georg Lisiewski, ein polnischer Lutheraner, kam um 1700 nach Berlin. Über seine genaue Herkunft ist so gut wie nichts bekannt. Desto mehr über seine überaus erfolgreiche Tätigkeit am preußischen Hof und für die vermögende Bürgerschaft in Potsdam und Berlin.

Zusammen mit seiner Frau Maria Elisabeth, die 1733 starb, hatte er neun Kinder. Drei von ihnen wurden mit ihrer Malkunst bekannt: 1. Die Porträtmalerin Barbara Rosina (1713-1783) heiratete nach dem Tod ihrer Schwester Dorothea Elisabeth 1741 deren Witwer, den Maler David Matthieu. Auch eine ihrer Töchter war eine namhafte Malerin. 2. Um Anna Dorothea, verheiratete Therbusch (1721-1782), wird es in diesem Artikel gehen. 3. Christoph Friedrich Reinhold Lisiewski (1725-1794), dessen Tochter die Malerin Friederike Julie Lisiewska war. Dies alles scheint mir deutlich zu machen, dass die im Zusammenhang von Anna Dorothea Therbusch gerne gebrauchte Bezeichnung „Ausnahmeerscheinung“ doch relativiert gehört.

Als die Kunsthistorikerin Linda Nochlin 1971 – vor 50 Jahren also – ihren epochalen Aufsatz veröffentlichte „Warum es keine großen weiblichen Künstler gab“, da wies sie ganz zu Recht auf alle die Hindernisse hin, die Frauen in den Weg geworfen wurden, die Künstlerinnen werden wollten, und sie öffnete uns die Augen für den misogynen Blick der Kunstkritik. Zugleich aber war der Aufsatz der Startschuss für die Durchforstung von Sammlungen und Archiven nach der Kunst von Frauen. Ergebnis: Es gab sehr, sehr viele Künstlerinnen. Die meisten von ihnen waren die Töchter von Künstlern. Allerdings waren es wohl auch über die Jahrhunderte meistens die Söhne, die Künstler wurden.

Kunst war ein Handwerk, das von Handwerkerfamilien ausgeübt wurde. Die Lisiewskis waren eine davon. Wer sich diese Familie näher anschaut, der sieht, wie sie über drei Generationen hinweg vor allem in Berlin, Stettin und Zerbst die Gesichter des deutschen Adels und des gehobenen Bürgertums über die Jahrhunderte gerettet hat. Die Lisiewskis prägen unser Bild von den Menschen des 18. Jahrhunderts. Sie tun das auch, weil der Verzicht auf Pomp, auf Eleganz, die Hinwendung zur Wirklichkeit gewissermaßen zur DNA der Lisiewskis gehört.

Das großartige Selbstbildnis der Anna Dorothea Therbusch, das wir hier zeigen, stammt aus dem Jahre 1782. Man hat den Eindruck, die 60-jährige Malerin sehe auf sich mit den neugierigen Augen des Kindes, das sie im Innern immer geblieben ist. Oder im Laufe der Jahre wiederfand?

Anna Dorothea Therbusch war als junge Frau schon eine im Umkreis der Kunden ihres Vaters bekannte Malerin. Damit war erst einmal Schluss, als sie 1742 den Berliner Gastwirt Ernst Friedrich Therbusch (1711–1773) heiratete. Fünf Kinder kamen. Dann der Paukenschlag: 1761 ruft Herzog Carl Eugen von Württemberg Therbusch nach Stuttgart, 1762 wird sie Ehrenmitglied der Académie des Arts. 1764 ernennt Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz Therbusch zur Hofmalerin in Mannheim. Das ist eine Karriere.

Anna Dorothea Therbusch will noch höher hinaus. Sie geht nach Paris. In seinem Bericht über den Salon von 1767 schreibt Denis Diderot, das begabte Lästermaul der Aufklärung über seine Begegnung mit ihr. Man kann das sehr schön nachlesen im zweiten Band seiner von Friedrich Bassenge herausgegebenen „Ästhetischen Schriften“. Wer Diderot liest, ist nie ganz sicher, was er ernst und was er ironisch meint. Bei der Betrachtung eines Porträts schreibt er: „Drei Viertel der Künstler unserer Akademie könnten es nicht so gut malen. Die Künstlerin ist Autodidaktin.“ Das ist wohl eher ein Hieb gegen die Akademie als einer gegen Frau Therbusch, die – wir wissen das – ganz entschieden keine Autodidaktin war. Diderot macht ihr die Genauigkeit ihrer Naturbeobachtung – also das, was wir zusammen mit Friedrich Wilhelm I. an ihrer Malweise schätzen – zum Vorwurf. Nun ja, wir wissen, wie sehr Diderot den süßen Greuze verehrte.

Über Therbusch schreibt Diderot, er habe sie angetroffen, als sie von der Ablehnung eines Bildes erfuhr: „Darüber geriet sie in Verzweiflung. Sie wurde ohnmächtig. Wut folgte auf Niedergeschlagenheit; sie stieß Schreie aus, raufte sich die Haare, wälzte sich auf dem Boden, hielt in der Hand ein Messer und wusste nicht, ob sie sich damit selber erstechen oder es in ihre Gemälde stoßen sollte. Sie hatte Mitleid mit beiden. Ich geriet mitten in diese Szene. Sie umschlang meine Knie und beschwor mich im Namen von Gellert, Gessner, Klopstock und allen teutschen Brüdern in Apoll, ihr zu helfen. Ich versprach es ihr.“

Diderot liebte das Theater. Mag sein, dass er dem Publikum der „Grimmschen Korrespondenz“, des zentralen Klatschblattes der französischen Aufklärung, einfach eine furiose Szene hingeschrieben hatte. Aber das war noch nicht alles. Er erzählt, dass bei einer anderen Gelegenheit, als nämlich die Künstlerin ein Porträt von ihm malte, er hinter einen Vorhang getreten sei, sich dort entkleidet habe und ihr „als Akademiemodell“ entgegengetreten sei. „Ich war nackt – völlig nackt. Sie malte mich, und wir plauderten mit einer Unbefangenheit und Unschuld, die der ersten Jahrhunderte würdig gewesen wäre. Da wir seit dem Sündenfall nicht allen Körperteilen ebenso gebieten können wie den Armen, da es unter ihnen einige gibt, die gerade dann wollen, wenn der Sohn Adams nicht will und die gerade dann nicht wollen, wenn der Sohn Adams sehr gern wollte ...” Ich breche das Zitat ab. Leser und Leserinnen mögen nachschlagen.

Er habe ihr helfen wollen, hatte Diderot erklärt. In Paris tat er es, soweit ich weiß, nicht. Jedenfalls nicht erfolgreich. Aber die hier zitierten Zeilen wurden in ganz Europa verschlungen. Und Friedrich II. von Preußen, der einige der Hauptvertreter der französischen Intelligentsia nach Potsdam engagiert hatte, engagierte jetzt auch Madame Therbusch, die den nackten Diderot gesehen und gemalt hatte. Die Vorstellung, von dieser Frau gemalt zu werden, wird die Fantasie vieler Herren beflügelt haben.

Auf dem Bild, das wir hier betrachten, ist von Frivolität nichts zu sehen. Hier scheinen weise Wissenschaft und kindliche Unschuld zu herrschen, eine – wir wissen das – unwahrscheinliche Kombination. Aber es gibt Augenblicke, da gelingt sie. Anna Dorothea Therbusch sind sie immer wieder geglückt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare