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Anna Dorothea Therbusch: „Junge Frau im Negligé“, um 1768.
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Anna Dorothea Therbusch: „Junge Frau im Negligé“, um 1768.

Anna Dorothea Therbusch

Anmutige Wesen, aber nicht aus Porzellan

  • VonIngeborg Ruthe
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Berlins Gemäldegalerie erinnert an die Berliner Rokoko-Malerin Anna Dorothea Therbusch.

Sie war die Ausnahme von der Regel. Als sie von sich reden machte, dauerte es hierzulande noch fast zwei Jahrhunderte, bis Frauen in der Weimarer Republik offiziell in der Kunst eine Rolle spielten und an staatlichen Akademien studieren durften. Anna Dorothea Therbusch (1721–1782) fand schon Mitte des 18. Jahrhunderts einen Weg. In Künstler- und Intellektuellenkreisen von Berlin und Paris rühmte man ihren „durchdringenden Verstand und ihre außerordentliche Wissbegierde“. Ihretwegen ging es am 23. Juli 2021 auf der Museumsinsel laut zu. Eine Berliner Künstlerinnen-Initiative feierte hier wortstark Therbuschs 300. Geburtstag (FR v. 23. Juli). Als freischaffende Künstlerin und Mutter von fünf Kindern war sie eine Ausnahmeerscheinung in Preußen. Selbstredend hatte die Museumsinsel-Aktion einen feministischen Anspruch, der auf die im 21. Jahrhundert noch immer deutlich unterrepräsentierte Rolle von Frauen im Kunst-Geschehen verweist. Vor allem aber erinnerten die demonstrierenden Frauen daran, dass es Zeit sei, den Therbusch-Gemälden einen würdigen Auftritt zu verschaffen.

Berlins Gemäldegalerie, deren neue Direktorin Dagmar Hirschfelder sowie die junge Kuratorin Nuria Jetter sind dem nachgekommen. In zwei Räumen der Gemäldegalerie am Kulturforum sind jetzt Therbuschs in Berliner Sammlungen befindliche Gemälde zu sehen. Der kleine, feine Auftritt ihrer zwölf Bilder zwischen „bewegtem“ Rokoko und konzentriertem Realismus zeigt lebensnahe Porträts, Selbstporträts, Stillleben und Historien-Motive – mit erotisch nuancierten Frauenakten. Das Ganze in lockerer, für damals geradezu kühn zupackender Malweise und experimentierfreudigem Umgang mit Farbe. Dazu korrespondieren Bilder von Pariser und Berliner Malern ihrer Zeit sowie Motive von Malerinnen wie Elisabeth Vigeé-Lebrun oder Angelica Kauffmann.

Den Aktivistinnen schwebte ein größerer, repräsentativerer Auftritt vor, mit mehr Aplomb und schon zum Jubiläum selbst. Sie werfen den Staatlichen Museen Halbherzigkeit vor. Jetzt im Winter stellt allerdings ein größerer Leihgaben-Aufwand samt der Versicherungskosten und Transporte ein Risiko dar. Und so ist die bescheidenere Schau zumindest ein wichtiger Schritt, diese Malerin in den Blickpunkt zu rücken.

Denn Anna Dorothea Therbusch, das erzählt die Ausstellung, war eine ganz besondere Frau, mitten in der Zeit der Aufklärung. Sie kam aus einer Malerfamilie, sie wusste schon als Mädchen souverän mit Stift und Pinsel umzugehen. Ihre Ausbildung hatte sie privat beim Vater Georg Lisiewsky und durch Nachahmung des preußischen Hofmalers Antoine Pesne erhalten. Therbuschs „Bildnis der Marie de Rège“ ist jedoch keineswegs nur eine Kopie. Wie Pesne orientierte sie sich – dem Friderizianischen Rokoko entsprechend – an französischer und niederländischer Malerei. Ihr Mädchenporträt ist kein Porzellan-Püppchen, sondern das eines lebhaften, selbstbewussten, fast kessen Teenagers.

Mit mythologischen Historiendarstellungen fand Therbusch Anklang beim preußischen König Friedrich II., weitere Auftraggeber mochten ihre Porträts. Sie wagte es im 18. Jahrhundert, die Kunst zu ihrem Beruf zu machen. Das war zu jener Zeit höchst selten, doch sie setzte sich gegen alle Hindernisse durch. Nicht zuletzt war es, welche Seltenheit damals, ihr Ehemann, der Gastwirt Ernst Friedrich Therbusch, der ihren Weg unterstützte.

Den betrat sie erst mit 40: 1767 gelang ihr die Aufnahme in die damals bedeutendste Kunstakademie, die Académie Royale de Peinture et de Sculpture in Paris. Die Salons standen ihr offen, allein das Preisranking und der Akt-Saal blieben ihr verwehrt. Es folgte eine Karriere mit mehrjährigen Reisen an süddeutsche Fürstenhöfe und abermals nach Paris.

Da sehen wir in der Ausstellung das Gemälde „Junge Frau im Negligé“, um 1768, nach der Paris-Reise entstanden. Die bloßen Brüste, der sinnliche Blick der Dargestellten sind vermutlich von der erotischen Literatur Diderots inspiriert. Weniger dem galanten Zeitalter gemäß, also preußisch-nüchterner im Stil, aber nichtsdestoweniger anmutig und zugleich selbstbewusst, gelang ihr das Bildnis der Henriette Herz mit Blumenkranz. Zu den Bewunderern dieser Bilder zählten Maler wie Chardin und der Enzyklopädist Diderot. In Deutschland waren es Kollegen wie der sächsische Hofmaler Anton Graff und der Berliner Grafiker Daniel Chodowiecki.

Therbusch war eine gefragte Porträtmalerin. Sie drückte dabei weniger das Repräsentative oder Naturgetreue aus, vielmehr suchte sie das Wesenhafte. Sie hatte ihr Atelier Unter den Linden. Als ihr Mann früh verstarb, musste sie allein für das Auskommen der Familie sorgen. Und das schaffte sie. Wenige Tag vor ihrem Tod vollendete sie ihr Alters-Selbstbildnis im metallisch schimmernden Kleid. Darin findet sich nichts mehr vom verspielten Rokoko-Stil: Vor dunklem Bildgrund sitzt eine selbstbewusste Gelehrte mit Buch. Wach, interessiert, nahbar als Gesprächspartnerin. Sie blickt durchs Augenglas, sieht ihre Welt unbestechlich, wie sie ist.

Gemäldegalerie, Berliner Kulturforum: bis 10. April 2022.

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