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Fra Angelico, „„Die Vorläufer Christi, Patriarchen und Propheten, mit den Märtyrern und Jungfrauen“.

Museo del Prado

Fra Angelico: Gruppenbild einer Erwartung

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Zu einem Gemälde von Fra Angelico, derzeit im Prado in Madrid.

Die zwischen 1430 und 1445 entstandene Schilderung von Guido di Pietro (nach dem Eintritt als Zwanzigjähriger in ein Kloster der Dominikaner Fra Beato Angelico) der Szene, in der ein Engel Maria verkündet, sie werde Gottes Sohn gebären, ist ein Wunderwerk der Malerei des 15. Jahrhunderts. In drei Zonen gegliedert, ereignet sich die Begegnung des Engels mit Maria in dem für den Blick des Betrachters weit geöffneten, zweigeteilten Innenraum einer Art von Pavillon, während außerhalb in der Umgebung eines Gartens, in Felle gehüllt, Adam und Eva zu sehen sind als aus dem Paradies Vertriebene. Auch für sie könnte die Geburt Jesu Erlösung bedeuten – das ist hier die Botschaft, in den bildlichen Darstellungen der Verkündigung so zuvor nie erzählt.

Das Gemälde, erworben 1861, gehört, zu den Glanzstücken der Sammlungen des Prado in Madrid. Das Museum hat es jetzt in das Zentrum einer Ausstellung gerückt, die mit internationalen Leihgaben vor allem aus Florenz – beteiligt hat sich aber auch das Frankfurter Städel mit einem Hauptwerk Angelicos, „Maria mit Engelschor“ – die Bedeutung des Malers im Kontext der stilistischen Umbrüche der florentinischen Renaissance thematisiert. Und den Maler damit ein wenig zu lösen von der Bewunderung für die Lieblichkeit seiner Madonnen und Engel, wie für die Frömmigkeit seiner Heiligen. Das ist keine besonders originäre Idee: Die dokumentierten Beziehungen Angelicos zu den, sagen wir: der unmittelbaren Realität näheren Protagonisten der Renaissance wie Lorenzo Ghiberti, Donatello, Brunelleschi, Masaccio, Uccello sind intensiv gewesen. In Madrid resultiert aus der thematischen Vorgabe jedoch der Vorzug der Ausstellung, großzügig Bilder aus dem Umfeld präsentieren zu können, die für das spanische Projekt oft von weit her beschafft werden konnten, dem europäischen Publikum sonst schwer erreichbar.

Zu den erstaunlichsten Werken des Fra Angelico selbst gehört jetzt im Prado eine Leihgabe der National Gallery in London: „Die Vorläufer Christi, Patriarchen und Propheten, mit den Märtyrern und Jungfrauen“ (siehe unsere Abbildung). Das Bild war ursprünglich ein Abschnitt der dreiteiligen Predella, also des Unterbaus von Angelicos erstem Altar, „Jungfrau mit Kind und Heiligen“, dem nach Verlust der Darstellung wesentlicher Figuren als Ganzes nicht mehr existierenden Hochaltar für die Klosterkirche San Domenico in Fiesole.

Das Gemälde (Eitempera auf Holz), begonnen wohl bald nach 1419, Angelico war gerade dreißig, ist eines der an Personen reichsten der Malerei seiner Epoche. Fünfundsechzig sind es, erfasst in drei Reihen, zwei davon zu je zweiundzwanzig, die oberste zeigt eine Gestalt weniger. Es ist die Riege der Patriarchen und Propheten, eröffnet ganz links von Adam, mit Moses als siebter und Johannes dem Täufer als elfter Figur. Die Reihe darunter ist diejenige der für ihren Glauben zu Tode gekommenen Märtyrer, im Zentrum, hervorgehoben durch den schwarzen Umhang der Dominikaner, Peter von Verona, zu seiner Rechten Thomas Becket, zur Linken die Heiligen Cosmas und Damian, deren Kreuzigung Motiv eines späteren Werks des Malers wurde, heute im Bestand der Münchner Alten Pinakothek.

Die unterste, damit auch vorderste Reihe ist den weiblichen Märtyrern gewidmet, hier ist die Identifikation der einzelnen am schwierigsten. Obwohl Angelico, wie er allen männlichen Heiligen mindestens ein für sie markantes Attribut zugeordnet hat, auch jeder der Frauen ein Zeichen der für seine Zeitgenossen möglichen, heute oft verlorenen Erkennung mitgegeben hat. Formal auffällig an dem Gruppenbild ist die Ausrichtung nahezu aller Dargestellten, vom Betrachter aus gesehen, nach links. Das Mittelstück der Predella des Hochaltars bildete der triumphierende Christus – dahin richten sich die Blicke des Personals der rechten wie der linken Tafel der Predella.

Ästhetisch akzentuiert Blau, die Farbe der Dominikaner, das Gemälde. Es stützt die Lebendigkeit, eine fast dynamische Bewegtheit der nie wie nur aufgereiht wirkenden Heiligen ebenso wie deren verblüffend bis ins gestische Detail vielfältigen Haltungswechsel. Auch lässt der Maler durch eine sachte Staffelung der Figuren innerhalb der Reihen, wenn etwa eine leicht zurücktritt hinter eine andere, wie selbstverständlich den Eindruck einer Räumlichkeit entstehen, die dem Bild bei zugleich aller Entrückung der Propheten und Märtyrer zu einer fast modernen Lebensnähe verhilft. Wie sie die Gruppenfotos zum Beispiel der Beteiligten an der jüngsten Klimakonferenz so nicht haben.

Dabei ging es Angelico bei den so zahlreich Porträtierten nicht um noch Lebende. Was er vielmehr seinen Zeitgenossen vor Augen führte, war die in den Schicksalen und im Glauben der Toten personifizierte Erwartung auf die Erfüllung des Versprechens im Bekenntnis des christlichen Glaubens, der gekreuzigte Sohn Gottes werde auferstehen als Erlöser, „zu richten die Lebendigen und die Toten“. Das Gemälde zitiert Vergangene und überhaupt Vergangenheit – aber zum Zeichen der Aussicht, der Tod werde das Ende nicht sein. Wir sehen das irritiert. Wohl auch zweifelnd. Jedenfalls aber bewundernd beeindruckt.

Ausstellung

Museo del Prado, Madrid: bis 15. September. www.museodelprado.es

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