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Installationsansicht der Ausstellung. 2021 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc
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Installationsansicht der Ausstellung. 2021 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc

„Andy Warhol Now“

Andy Warhol: Wie in einem Spiegel

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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„Andy Warhol Now“, die große Retrospektive im Kölner Museum Ludwig, ergänzt Ikonisches um überraschend Persönliches.

Andy Warhol soll sich einmal über den Erfolg einer seiner Eröffnungen mit den Worten gefreut haben: „Es war so gut besucht, dass wir alle Bilder abhängen mussten.“ Nun wird umgekehrt ein Schuh daraus. Ausgerechnet der populärste Künstler der amerikanischen Pop-Art, jener Bewegung, die wie keine andere zur Popularisierung der zeitgenössischen Kunst beitrug, ist nur nach Anmeldung zu besichtigen. Das heißt, solange die Corona-Öffnungen halten. Wer in den letzten Tagen eines der wieder geöffneten Museen in Deutschland besucht hat, konnte erleben, wie dankbar das ausgehungerte Kunstvolk jedes Alters darauf reagiert. Man sieht wieder leuchtende Augen.

Es ist schon erstaunlich, was die Corona-Krise gerade mit der Kunstwelt anstellt. Anders als die Kinos, in denen es seit dem Herbst wirklich nichts mehr zu sehen gibt, kam das Geschäft in vielen Galerien keineswegs zum Stillstand. Einzelnen stehen sie nach Anmeldung weiterhin offen, was eine empfehlenswerte Möglichkeit darstellt, den Kunsthunger auf besonders exklusive Art zu stillen. Die großen Museen befanden sich hingegen wirklich im Dornröschenschlaf. Seit dem 12. Dezember ist die große Ausstellung „Andy Warhol Now“ im Kölner Museum Ludwig installiert und blieb doch bis vor kurzem unsichtbar. Nun ist sie verlängert bis zum 13. Juni, schon der Titel verspricht einen neuen Blick auf den 1987 verstorbenen Multimediapionier.

Wie wohl kein Künstler vor ihm negierte er seine kreative Einzelleistung – und beförderte doch gerade dadurch den Geniekult um die eigene Persona weit über seinen Tod hinaus. Wenn man in den letzten Jahren mit einem seiner engsten Mitarbeiter sprach, dem Filmemacher Paul Morrissey, nahm der seinen einstigen Auftraggeber freilich wörtlich: „Eines muss man Andy lassen, er sagte den Leuten immer die Wahrheit. Er konnte überhaupt nichts.“

Jede Warhol-Ausstellung, und diese mehr als 100 Werke umfassende Retrospektive ganz besonders, beweist freilich das Gegenteil. Einerseits verraten gerade seine frühen, hier bis in die 1940er Jahre dokumentierten Gemälde und Zeichnungen sehr wohl eine charakteristische Handschrift, doch gerade in deren späterer Zurücknahme fand Warhol zu sich selbst. Und zu einer anderen Art des „signature style“, der industrielle Arbeitsweisen über die Idee des individuellen Duktus stellte.

Ein Einfluss Paul Klees

Erste, selten gezeigte Werke aus Familienbesitz zeigen den 19-, 20-jährigen Arbeitersohn, verraten einen Paul-Klee-Einfluss im Umgang mit dem Verhältnis von Linie zu Fläche. Prägender aber war wohl die Begegnung mit Jean Cocteaus Werken, wie frühe erotische Männerbildnisse aus den Fünfzigerjahren suggerieren. Allein die Begegnung mit dem persönlichen Frühwerk lohnt bereits den Besuch der Kölner Schau.

Umso radikaler der Wechsel zu Warhols Factory-Style in den 60ern: Eine kinderleichte grafische Technik wie der Siebdruck, der Legionen von Nachahmern anregte, war dafür das ideale Mittel. Bis heute streiten Puristen (und Steuerbehörden) darüber, ob seine „silkscreen paintings“ nun Gemälde oder Grafiken sind. Das Sieb war buchstäblich das Raster, durch das er auf seine von der Wirkungsmacht der Massenmedien getriebene Zeit blickte. Das Spektrum seiner Motivik schien unbegrenzt, was Warhol noch in späten Jahren betonte, indem er ohne großes Federlesens kommerzielle Aufträge annahm.

Während Warhol der New Yorker Subkultur und gesellschaftlichen Randgruppen in der Factory eine Heimat bot und in filmischen Arbeiten die Talente des Untergrunds zum Strahlen brachte, porträtierte er später wahllos die zahlende Oberschicht. Doch schon das immer gleiche Format verriet einen subtilen Sozialismus: Noch nie hat ihm ein Museum seinen Traum gefüllt, die quadratischen Porträts hundertfach zu einem monumentalen Society-Porträt zusammenzusetzen.

Todesthemen, das Abstrakte im Alltäglichen

Immer wieder haben Warhol-Ausstellungen aus dem schier unendlichen Korpus seines Schaffens bezwingende Leitmotive abseits der Glamour- und Konsumkultur destilliert: die Todesthemen, die weit über die Disaster Paintings hinausreichen, oder das Abstrakte im Alltäglichen – in der Ausstellung gut dokumentiert mit Werken aus den Serien der „Shadows“, „Camouflage“ und „Rorschach“. Die Kuratoren Stephan Diederich und Yilmaz Dziewior setzen aber auch einen eigenen Akzent, der Warhols Aktualität betont. Sie beleuchten die Einflüsse von Warhols Migrationshintergrund als Sohn russinischer Eltern (eine ostslawische Volksgruppe) in Pittsburgh, worin sie eine Wurzel für die späteren religiösen Themen und Motive sehen.

Neben einer Sammlung von Familienbildern aus der Warhol Foundation ist hier vor allem ein Videofilm eine besondere Entdeckung – „Julia Warhola in Bed, Talking“ gehört wohl zu den persönlichsten Werken, die Warhol hinterlassen hat. Anders als sein in seinem Minimalismus bahnbrechendes 16-mm-Filmwerk tritt die Form hier vollkommen zurück; es ist ein privates Dokument der engen Bindung, die er zu seiner Mutter pflegte.

Große Warhol-Sammlung im Museum Ludwig

Das Museum Ludwig besitzt eine der weltweit besten Sammlungen von Warhols Gemälden aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Man würde sich wünschen, dass einige der Bewegtbildarbeiten, die nun zu sehen sind, zur Ergänzung angekauft werden könnten. Besonders eindrucksvoll ist die Rekonstruktion der Multimediaarbeit „Exploding Plastic Inevitable“, einer psychedelischen Film- und Lichtinstallation, mit der Warhol 1966/67 auf Tournee ging. Reich vertreten ist dabei die von Warhol produzierte und geförderte Band The Velvet Underground.

Gern hätte man auch Warhols späte Videoclips etwa für die Band The Cars aus den 80ern in der Ausstellung gesehen. Dafür gibt es die seltene Gelegenheit, Warhols Fernsehshows aus dieser Zeit in kompletten Episoden zu besichtigen – ein ganzer Saal des Museums lädt dazu ein. Noch immer zeigt sich Warhol darin als Vermittler zwischen Pop und Underground. Auch jenseits des Kunstkontextes fiele es schwer, jemanden mit Warhols Geschmackssicherheit zu finden.

Er selbst nannte sich einen Spiegel. Was er zurückwarf, wird die visuelle Kultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch lange definieren. Wie kein zweiter Künstler war er ein Kunstvermittler, der das Individuelle gerade im Abseitigen als Quelle unendlicher Schönheit begriff.

Museum Ludwig, Köln: bis 13. Juni. www.museum-ludwig.de

Warhol, „Marilyn“, 1962. 2021 Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

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