Andy Warhols Mao und Totenköpfe in der Tate Modern.
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Andy Warhols Mao und Totenköpfe in der Tate Modern.

London

Andy Warhol: Glamouröse Denkmäler

  • vonKatrin Pribyl
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Die Londoner Tate Modern zeigt eine Andy-Warhol-Retrospektive.

Es war die wohl außergewöhnlichste Werbung, die die rund 100 Millionen US-Zuschauer jemals während einer Pause des Super Bowl zu sehen bekamen. Die Fast-Food-Kette Burger King zeigte dem Sportpublikum einen Clip, in dem Andy Warhol am Tisch sitzt und einen Whopper verspeist. 45 Sekunden lang. Keine Musik, keine Aufreger, nicht einmal eine Pointe. Nur das Rascheln des Papiers, während die Pop-Art-Ikone den Burger auspackt, zudem ein kurzer Kommentar Warhols über die Schwierigkeit, den Ketchup aus der Flasche zu schütteln. Dann isst er seinen Whopper.

Was hat ein ohne jegliche Überreizung auskommendes, 37 Jahre altes Video 2019 bei einer der größten und für Werbeagenturen teuersten Sportveranstaltungen der Welt zu suchen? „Wenn dies eines zeigt, dann, dass Andy noch immer sehr stark bei uns ist“, sagt Gregor Muir, Co-Kurator der neuen Ausstellung über Warhol in der Londoner Tate Modern. Sie wurde gemeinsam mit dem Museum Ludwig in Köln organisiert und soll bis zum 6. September laufen, bevor sie am 10. Oktober nach Köln wandert. Der Pop-Art-Mitbegründer sei „eine zeitlose Figur“, ein Künstler, der „sich heute relevanter und einflussreicher anfühlt als je zuvor“, so Museumsdirektor Frances Morris.

Anhand von rund 100 Exponaten, darunter Zeichnungen, Videos, Prints, Fotografien und Gemälde, will die Schau das demonstrieren. „Wer alles über Andy Warhol wissen will, braucht nur die Oberfläche meiner Bilder und Filme und von mir anzusehen, und das bin ich. Da ist nichts dahinter“, lautet eines der berühmten Zitate von jenem Mann, der doch so vieles war: Pop-Art-Künstler, Filmemacher, Werbegrafiker, Geschäftsmann, Superstar, Vermarkter und insbesondere ein Verkaufsschlager. Die Tate Modern aber nahm seine Empfehlung ernst.

Herausgekommen ist eine intime Retrospektive, die sich an der Autobiografie des schüchternen homosexuellen Mannes abarbeitet. Es geht um Familie und Identität, Lust und Sexualität, Hoffnungen und Ängste, Religion und Tod. Hier wird der Mensch präsentiert, nicht der Mythos Warhol, den der Künstler selbst miterschaffen hat, etwa mit Hilfe seiner Perücken. Bereits in seinen 20ern verlor er seine Kopfbehaarung, fortan trug er auch als Mittel der Selbstinszenierung falsche Haare. Drei von mehr als 100 selbst designten Perücken, die er in Pappkartons mit falschem Schlangenlederbezug verpackt hinterließ, werden gezeigt.

Geboren 1928 als Sohn slowakischer Einwanderer in der US-Industriestadt Pittsburgh wurde Andrew Warhola streng katholisch erzogen. Über dem Esstisch des Familienheims etwa hing eine Kopie von Leonardo da Vincis berühmtem „Abendmahl“. Viele Jahrzehnte später griff Warhol in einer Serie die Szene auf, er eignete sie sich an, wie er das zuvor schon so oft getan hatte mit Motiven aus den Massenmedien, aus der Konsum- wie auch aus der Glitzerwelt Hollywoods.

So schließt die Ausstellung mit einem zehn Meter breiten Seidendruck namens „Sixty Last Suppers“, nach dem Tod seines an Aids erkrankten Partners Jon Gould kreiert. Er besteht aus sechs Reihen mit jeweils zehn schwarz-weißen Replika von da Vincis Bild, „eine Meditation über Glauben, Tod und Sterblichkeit“, wie Muir erklärt. Gleichzeitig ist der Druck ein riesiges wie auch glamourös erscheinendes Denkmal für all jene, die ihr Leben lassen mussten wegen Aids. Einen religiösen Bezug hat auch das runde Werk „Round Marilyn“, auf dem Warhol Marilyn Monroe wie eine Heilige auf goldenem Hintergrund darstellt und auf diese Weise „Promi-Status und Religion in der amerikanischen Kultur verbindet“, so Kurator Gregor Muir.

Natürlich sind neben den poppig bunten Porträtserien von Monroe und Elvis Presley, Mao und Liz Taylor auch die Totenköpfe, Campbell-Suppendosen, die dreidimensionalen Brillo-Boxen und grünen Coca-Cola-Flaschen zu sehen. Niemand hat Alltagsgegenstände so nachhaltig zu Kunst gemacht wie Warhol. Fast überwältigen die Werke durch ihre Größe und leuchtenden Farben – und doch erdrücken sie den Besucher nicht. Vielmehr wird deutlich: Für Warhol, der im Alter von 58 Jahren an Komplikationen nach einer Gallenblasen-Operation verstarb, galten in einer Konsum-Gesellschaft Promis als ebenso allgegenwärtig und wegwerfbar wie Suppendosen und Coca-Cola-Flaschen – und das, obwohl er ein Vermögen verdiente durch gut betuchte Kunden.

Hätte das schillernde Enfant terrible der Kunstszene seine Freude am Selfie-Zeitalter gehabt, an Instagram und YouTube? An der heutigen Wertschätzung von einem interdisziplinären Ansatz von Kunst? Er war „äußerst prophetisch“, so Muir und verweist auf die berühmten Worte von Warhol, nach denen in Zukunft jeder „15 Minuten lang berühmt“ sein werde. Reality-TV und sogenannte Influencer in den sozialen Medien lassen grüßen. „Er kannte die Welt, bevor er sie verlassen hat.“

Der Kurator verweist auf die weniger bekannte Serie „Ladies and Gentlemen“ aus dem Jahr 1975, in der Warhol Dragqueens und Transfrauen darstellt. Der Künstler hat bereits damals Minderheiten zu Sichtbarkeit verholfen. Gleichwohl mutet es angesichts der aktuellen Nachrichten traurig an, wie brisant auch heute noch beispielsweise jenes Werk erscheint, auf dem Hunde von mit Schlagstöcken ausgestatteten Polizisten schwarze Demonstranten attackieren. „Es wird oft gesagt, dass Warhol einer der wichtigsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war“, sagt Muir. „Doch man könnte den Standpunkt vertreten, dass er auch der wichtigste Künstler des frühen 21. Jahrhunderts ist.“

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