Anastasia Samoylova, „Pink Sidewalk“, 2017, aus der Serie FloodZone. 
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Anastasia Samoylova, „Pink Sidewalk“, 2017, aus der Serie FloodZone. 

Galerie Peter Sillem

Anastasia Samoylova, Fotografien: Pastellfarbener Verfall

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Anastasia Samoylovas Miami-Fotografien in der Frankfurter Galerie Peter Sillem zeigen den Einfluss des Klimawandels.

Mitte der 1980er machte eine TV-Serie Furore, weil sie das Verbrechen und die Verbrechensbekämpfer modisch top und in den schönsten Bonbonfarben zeigte: „Miami Vice“. Man konnte das für einen – aufwendigen – Schachzug der Filmemacher halten. Die Wahrheit ist: die Stadt wurde einst so gestylt, sie besitzt rosafarbene Bürgersteige, sie hat den größten noch erhaltenen Art-Deco-Distrikt der Welt. Fotografien der seit 2016 in Miami lebenden Anastasia Samoylova betonen das „noch erhalten“: Miami ist längst vom steigenden Meeresspiegel und von Stürmen bedroht.

„Treppe während der Königsflut“: Eine pinkfarbene Hauswand spiegelt sich im überfluteten Boden. Eine silbrige Metalltreppe setzt einen Farbakzent in der rosa Fläche. „Pool nach dem Hurrikan“: Hellgrün sind die Blätter auf einer hellblauen Wasserfläche, beigefarbene Kacheln umgeben den Pool.

Die Bilder der 1984 in Moskau geborenen Anastasia Samoylova sind trügerisch in ihren sanften Pastellfarben, denn auf allen sieht man auf den zweiten Blick irgendeine Art von Beschädigung oder Verfall. Sei es Schimmel, seien es Schlieren, mineralische Ablagerungen von Rinnsalen, sei es Moos in Gebäuderitzen. Ein Bäumchen wächst hartnäckig aus einem Metallrand an einem Gebäude, obwohl man einen Teil seiner Wurzeln mit der Wand zusammen weiß übertüncht hat. Die Fotografin zeigt nicht den Sturm, sondern die Ruhe danach. Sie zeigt nicht den kompletten Kollaps, sondern das stetige Knabbern der Meeresgezeiten und anderer Naturphänomene an Bauten und Straßen.

Die Galerie Peter Sillem in Frankfurt stellt derzeit die Fotografien Anastasia Samoylovas aus – in ihrer trügerischen, wohlkomponierten Stille sind sie nicht nur künstlerisch überzeugende, sondern auch beunruhigende Dokumente. Die Natur greift über aufs Menschenwerk, und wer sich nicht blind und taub stellt, kann sich allemal denken, dass sich die auf diesen Bildern so diskret erfasste Entwicklung beschleunigen wird.

Der Rinnstein ist voll Pflanzenmaterial, der Sturm hat die Palmen an der Straße umgeworfen, aber die Hauswand, an der sie sich abstützen, ist strahlend weiß; und der Bürgersteig in diesem kitschigen Miami-Rosa, das eine heile, eine idyllische Welt suggeriert.

Freilich wartet man vergeblich auf Passanten, silberhaarige alte Damen, smarte Detectives in cremeweißen Anzügen. Anastasia Samoylovas Miami ist fast durchweg menschenleer, als sei die Stadt schon aufgegeben worden.

Galerie Peter Sillem,  Frankfurt: bis 23. August. www.galerie-peter-sillem.com

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