Caroline Creutzburg

Das amorphe Krabbeln

Caroline Creutzburg zeigt im Mousonturm eine Performance, bei der nichts bleiben will, was es eigentlich ist.

Was, wenn Biomasse und Subjektivität anders verteilt wären zwischen Natur und Mensch?“, fragt Caroline Creutzburg in ihrer Performance „Woman With Stones“. Dieses „Was, wenn“ vollzieht sich auf der Bühne des Frankfurter Mousonturms im figur-, orts- und handlungslosen Raum. Die Schauspieler mutieren immer wieder vom Menschen hin zu einer Art Ungeziefer. In erstaunlich gut nachgemachten Kriechbewegungen krabbeln die Tierchen über die Bühne. Jeder, der schon einmal die Bewegungen von Insekten beobachtet hat, bemerkt das Unheimliche, das ihnen anhaftet. Auf dem Boden ist eine große Abbildung von Kellerasseln angebracht, die die Assoziation vervollständigt. Das Krabbeln bekommt in dieser Inszenierung etwas sehr Grundsätzliches, als bilde man das erste Leben auf der Erde ab. Es bildet auch das Zentrum dieser Performance, da es zwischen kleineren Sequenzen immer wiederkehrt und dem Ganzen eine Form gibt. Das verleiht „Woman With Stones“ Tiefgang, auch wenn nie so ganz klar wird, wohin dieser führt.

Dieser Performance zuzusehen fühlt sich ein wenig so an, als würde man sich ein Feuer anschauen, wobei die Flamme hier durch Subjektivität ersetzt wurde. In einem von einem Schauspieler dem Stück geborgten Körper treffen mehrere Identitäten aufeinander, berühren sich, gleichen sich an, verlassen einander wieder. Alles Humanoide ist nur vorläufig und wird im nächsten Moment von einer anderen Form abgelöst. Bewegung ist diesem Stück mehr zueigen als Statik, auf eine Konstruktion folgt immer gleich dessen Dekonstruktion. Dem Zuschauer bleibt nicht viel anderes übrig, als sich diesem Spiel zu überlassen. Man tut der Performance unrecht, wenn man sie allzu heftig versucht in Verstandeskategorien zu pressen.

Was ist nun, wenn Biomasse und Subjektivität anders verteilt wären zwischen Natur und Mensch? So unspezifisch die Fragestellung, so vage fällt die Antwort aus. Allerdings ist nicht einmal ganz klar, ob Frage und Antwort überhaupt Kategorien sind, mit deren Hilfe man sich dieser Performance annähern kann. Da es weder Handlung noch konsistente Figuren oder Räume gibt, fällt es als Zuschauer schwer, sich an etwas festzuhalten. Alles verbleibt in der Andeutung, dem transmorphen Wechselspiel, dem bloßen Gefühl und der Irritation.

Diese Performance ist keine Hinführung zu einer bestimmten These, Fragestellung oder Position. Vielmehr geht es um einen situativ gebundenen Mitvollzug des Erfahrbaren. Die Ponto Performance Preisträgerin nimmt eine Expedition in unbekannte Gebiete vor, statt ein klar kartographiertes Land zu erobern.

Autor: Joshua Schößler

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