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Georg Baselitz: „Der Hirte“, 1966.

Hamburger Bahnhof

Alles wird besser, aber nichts wird gut

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In Berlin zeigt der Hamburger Bahnhof, was für eine immense und wertvolle Sammlung er inzwischen hat.

Selbstredend ist der Titel antithetisch gemeint: „A Few Free Years“ (Ein paar freie Jahre) haben die Kuratoren der Nationalgalerie jene immense und wertvolle Bildversammlung im Hamburger Bahnhof überschrieben, die durchweg ein Geschenk ist.

Erstens bleiben die 120 ausgestellten Kunstwerke (von 268 bislang übereigneten) dem Haus für immer. Und zweitens hoffen die derart begünstigten Staatlichen Museen zu Berlin darauf, dass der Sammler Friedrich Christian Flick den Leihvertrag für den großen Rest seiner Kollektion auch über 2021 hinaus verlängern, künftig gar noch die eine oder andere Installation und Skulptur oder dieses und jenes Bild hinzuschenken werde.

Jetzt kann die Institution sich also nicht nur die hart erkämpfte Politiker-Zusage für eine Galerie der Moderne am Kulturforum ins Stammbuch schreiben, sondern auch die öffentliche Präsentation einer so endgültigen wie unschätzbaren Kunst-Übereignung. Flicks Zuwendung – und diese geschah zweimal hintereinander ohne Forderung einer Gegenleistung oder eine gestalterische Einmischung – schließt eine enorme Lücke im Bestand, was das Museum sich aus eigenen Kräften, bei schmalem Budget niemals würde leisten können.

Es handelt sich um museale Werke aus Nordamerika und Europa seit den 1960er Jahren, die weit weg von der Absicht entstanden, etwa nur schön und gut, gar illustrativ zu sein. Vertreten sind überdies Künstler von internationalem Rang, von Absalon bis Zobernig, von Baselitz zu Kippenberger, von Matta-Clark zu Raymond Pettibon, von Dieter Roth zu Thomas Schütte, von Bruce Nauman bis Cindy Sherman und Wolfgang Tillmans. Der Großindustrielle und Erbe Friedrich Christian Flick sammelte – und verschenkte – Werke, die man vielmehr als sperrige, ruppige, krude Körper-Einschreibungen von medialen und sozialen Strukturen und Zeichen der Zeit bezeichnen muss, gemacht mit scharfem, analytischem, auch sarkastischem und kuriosem Blick auf die Welt. Auf deren Zerrissenheit, den Konsumterror, Clash der Kulturen und auf die Folgen der Hightech-Versessenheit.

Ein bisschen erzählen Flicks Mäzenatentum und die inhaltlich engagierte Ausrichtung seines Sammelns auch eine Art Saulus-zu-Paulus-Geschichte. Denn dieser Industriellen-Spross geht offensiv mit der zwiespältigen Geschichte seiner Familie im Dritten Reich um. Er zahlte unlängst endlich auch in den Zwangsarbeiter-Fonds für Wiedergutmachung ein, hält es also für notwendig, diesen dunklen Punkt der Flick-Konzerngeschichte aufzuhellen. Und der Sammler Flick glaubt daran, dass Kunst etwas Aufklärung und vielleicht auch ein wenig Katharsis in die Welt bringen könnte.

Alles wird besser, aber nichts wird gut, scheint Jason Rhoades’ sperrige Großinstallation: „A Few Free Years“ zu sagen: Der jung verstorbene Kalifornier hatte 18 Spielautomaten, 18 Transformatoren, 18 Minidiscplayer und Minidiscs, 36 Lautsprecher, 18 Bewegungsmelder, 6 Monitore, 6 Videoplayer und VHS-Kassetten, Aluminiumrohre, Holz, Stromkabel, Putzlappen, Digitaldrucke und einen Stuhl zu einem weithin hörbaren Statement vereint. In Doppelreihe blinken, flackern, klingeln, orgeln Spielautomaten, verhackstücken, verwursten kakophonetisch Beethovens „Ode an die Freude“ aus dem vierten Satz der Neunten Sinfonie. Welche Hohn-Hymne auf die vermeintliche Freiheit, die das Reich der Spielautomaten verspricht.

Diese Installation der Verführung entstand Ende der neunziger Jahre in der Wiener Secession unter dem pathetischen Beethoven-Fries von Gustav Klimt. Nun in einer der Rieckhallen am Hamburger Bahnhof aufgebaut, hängen an dem Gestänge über den Automaten Klimtsche Gemälde-Reproduktionen als Bilderlappen, fast wie nasse Tierfelle oder alte Teppiche, die trocknen sollen.

Herzzentrum dieser Geschenke-Schau ist die historische Halle des Hamburger Bahnhofs. Paul McCarthys „Saloon-Theater“, ein Sperrholzaufbau mit schwingenden Türen für Cowboys und mit vertrackten Zugängen zu absurd-verruchten Videos, bietet eine abgründige Mischung aus Wildwest-Romantik und Peepshow. McCarthy enttarnt die Doppelmoral, hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Wenn das nicht Kunst mit Mehrwert ist.

Hamburger Bahnhof, Berlin: bis 13. März. www.smb.museum

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