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Rekonstruktion eines Faustkämpfers.

Liebieghaus

Alles kehrt sich um

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In Frankfurts Liebieghaus wird "Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies" umsichtig rekonstruiert und mitreißend nacherzählt.

Beweisen, dass man ein ganzer Mann ist. Kein Wunder also in dieser an Wundern reichen Geschichte, dass der fabelhafte Grieche auf die Aussicht nach Ruhm unmittelbar anspricht. Wäre er sonst ein Held? In Frankfurts Liebieghaus zeigt er sich auf einem alten Wandbild allerdings nicht etwa hyperselbstbewusst. Dennoch, was verspricht mehr Prestige als das Goldene Vlies? Für den rechtmäßigen Thronfolger, Jason, ist das eine grandiose Perspektive, für den Thronräuber, Pelias, eine simple Rechnung. So sind beide gestrickt, so richtig direkt.

Bei der Rückkehr, so sagt es der verschlagene Herrscher zu, winke dem Heimkehrer die Krone. Doch die Aufgabe ist ein Himmelfahrtskommando, das ist das Kalkül. Vom arglistigen Plan des Pelias ist immer wieder erzählt worden – im Liebieghaus wird die Szene anschaulich gemacht durch ein Wandgemälde aus Pompeji.

Der Thronräuber, Pelias, steht vor dem Sohn seines Stiefbruders, Jason, dem Prinzen. Woher kommst du? Wie geweissagt, ist der zu erkennen an der verlorenen Sandale. In den alten Geschichten dauert es einige Zeit, bis der Usurpator seine Fassung wiedergewinnt – auf dem pompejanischen Wandgemälde wird die Dramatik in einer eher undramatischen Szene stillgestellt.

Dabei bleibt es nicht, denn zu abenteuerlich die Abenteuer der Argonauten, zu unbändig die Jagd nach dem Goldenen Vlies. Für die Griechen führte die Expedition ans Ende der Welt; dass sie die Handelnden nach Georgien führte, fügt sich in diesen Tagen trefflich, bereichert sie doch den diesjährigen Buchmesseschwerpunkt.

Im Katalog wird die Legende aufgeblättert, in der Ausstellung, wie so oft in Ausstellungen von Vinzenz Brinkmann, erzählt. Mit seinem Parcours schickt der Leiter der Antikensammlung am Liebieghaus den Besucher auf eine außergewöhnliche Promenade, angefangen mit der Vorgeschichte. Unglückselig der Ritt der beiden Kinder Phrixos und Helle auf einem Widder, dem flugfähigen Geschöpf mit dem goldenem Fell, durch die Lüfte. Die Vorgeschichte, eine Fluchtgeschichte, ist die Geschichte vom so tragischen wie nicht so ganz nachvollziehbaren Sturz der Helle ins Meer – in den dann nach ihr benannten Hellespont.

Flugs nach dem Vorspiel wird der Auftakt zur Argonautensage illustriert. Ein römisches Tonrelief (aus dem 1. Jhdt. v. Chr.) zeigt, wie Athena den Bau der Argo beaufsichtigt. Am Ende ist es eine römische Wandmalerei (aus dem 1. Jhdt. n. Chr.), die den Plan der Medea festhält, den Dolch im Gewande, in ihrem Rücken die spielenden Kinder. Die eine Darstellung stammt aus dem British Museum in London, die andere aus dem Archäologischen Nationalmuseum in Neapel. Auch diese beiden Objekte in Frankfurts Liebieghaus begegnen dem Interessierten als Abbildungen in einschlägigen Büchern zum Medea-stoff – und beweisen nachdrücklich, welche exquisiten Originale Vinzenz Brinkmann nach Frankfurt hat lotsen können.

Viel zu erzählen hat auch ein etruskischer Spiegel (um 300 v. Chr.), ein Bronzespiegel über den furchteinflößenden Boxkampf des Argonauten Polydeukes gegen den Bebrykerkönig Amybos, der auf einem Podest hockt, sich umwendend. Duo und Boxkampf haben Kunstgeschichte geschrieben, seit der Wiederentdeckung, 1885 auf dem römischen Quirinal, wird darüber spekuliert, ob die Widersacher (als Skulpturen) zusammengehören? Im Liebieghaus wurde wegen der Frage ein aufwendiger Nachguss realisiert. Gebeugt schaut der unterlegene König, dem es bis dahin eine Freude war, alle sein Reich erreichenden Fremden durch Hiebe zu töten, zu dem Gegner auf, der ihn besiegt hat – und zivilisiert. Denn niemals mehr, so jedenfalls eine Lesart der Legende, soll der Barbar einen Fremden im Faustkampf töten. Durch den Etruskerspiegel und die Anordnung der beiden vom Kampf Gezeichneten, nicht zuletzt durch Untersuchungen hinter den Kulissen, aufwendige Forschungen zur formalen Gestaltung der Bronzen, spricht sich die Liebieghaus-Ausstellung für deren Zusammengehörigkeit aus.

Brutal entwickelte sich auch das Zusammen von Jason und Medea. Nie und nimmer hätte der Grieche das Fell ohne Medea in die Hände bekommen. Als Zauberin legt sie den Drachen, der den Staatsschatz bewacht, lahm, als Kolcherin verrät die Königstochter ihr Land und ihre Leute. Rücksichtslos geht sie vor, es ist ein Vorgehen über Leichen. Der Medea-Stoff ist auch eine ungeheure Überforderung, seit über 2500 Jahren eine Ungeheuerlichkeit.

Unberechenbar obendrein: „Ich arme Sau.“ Der Ausruf der Medea, 1976, in der Frankfurter Euripides-Inszenierung von Hans Neuenfels, spukt heute noch durch die Theatergeschichte. Maßlos erniedrigt zeigte Constanze Becker die Medea in Michael Thalheimers Frankfurter Inszenierung, 2012. In der Dramaturgie der Ausstellung ist Medea nicht Opfer, sondern Täterin, die Belege, die für die Liebieghaus-Medea aus alten Quellen zusammengetragen werden, zeigt sie als Mehrfachmörderin. Als eine Frau aus einer anderen Welt?

In acht Stationen erzählt die Liebieghausausstellung ihre Medea-Geschichte. Vasen, Reliefs und Wandgemälde illustrieren das Abenteuer, bei dem die Abenteurer aus Griechenland allen Grund haben, im fernen Georgien die Fremde schlechthin zu vermuten. Mochte Jason mit der Argo auch ein Superschiff gebaut haben (und die Argo war tatsächlich ein Superschiff), mochte der Seefahrer auch eine Supertruppe zusammengestellt haben (und die Mannschaft war eine Supertruppe), so lag Kolchis doch am Ende der Welt.

Tatsächlich, so haben Ausgrabungen während der letzten Jahrzehnte bewiesen, war  Kolchis eine Goldgrube, auch im Liebieghaus. Für die Schau schickte das Georgische Nationalmuseum seine Goldobjekte auf die Reise, Ohrringe, Schläfenschmuck, Fibeln, ein Schreibset. Unter den Anhängern immer wieder Widderdarstellungen. Der Liebieghausbesucher beugt sich über Zylinder, darin präsentiert ein Siegelring oder ein Diadem mit Tierkampfszenen. 2500 Jahre alt ist die Halskette mit Anhängern in Form von Schildkröten, phantastisch die Fertigkeiten der Vanikultur, millimeterfein etwa die Behandlung der Schildkrötenpanzer der nicht einmal fingernagelgroßen Objekte.

Das Königreich Kolchis kann man sich gar nicht reich genug vorstellen, aber auch nicht mächtig genug. Auch bei den Griechen gefürchtet waren Äxte und Schwerter, in deren Design um 600 v. Chr. ungemein kunstfertig investiert wurde.

Eingefasst von eingestellten grauen Wänden, einem Sinnbild für das mächtige Kolchis, gerahmt von Herrlichkeiten aus der eigenen Sammlung, einer Athena (der römischen Nachbildung der berühmten Athena des Myron) und dem Fragment einer Aphrodite, wird der Besucher auf die letzten beiden Stationen der Argonautensaga geschickt, die Heimkehr des Jason, an der Seite der Medea, schließlich nach Korinth, wo der König ihre Liebe verrät zugunsten einer anderen.

Schon die Hinfahrt, um kurz zurückzublicken, war ein alles andere als friedliches Unternehmen. Die Argonauten bezwangen nicht nur die schrecklichste Meerenge der Welt, den Bosporus, sie zwangen nicht nur schreckliche Titanen in die Knie, sie räumten nicht nur Hindernisse aus dem Weg, die ihnen die Götter in den Weg gelegt hatten (zur Prüfung). Sie waren verwickelt in Händel, brachen Scharmützel vom Zaum, Kleinkriege. Sie zeugten Nachkommen, vergewaltigten. Den blinden Seher Phineus befreiten sie von so gefräßigen Mischwesen wie den Harpyien, die sich, mit ihren Schwingen, Krallen und Schnäbeln wie die Raubvögel täglich über dessen üppiges Mahl hermachten. Im Liebieghaus stoßen die verfluchten Ungeheuer herab.

Von der Fahrt der Argonauten gibt es zahlreiche Legenden, erst recht von deren Rückfahrt außerordentliche Routen. Mal den Don hinauf, ins Baltische Meer, herum um Britannien, durch die Säulen des Herakles (Gibraltar), zurück ins Mittelmeer. Mal die Donau aufwärts. Bei seiner Rekonstruktion faszinierend weit ausgegriffen hat zuletzt, 2011, der Ethnologe Hans Peter Duerr, bis an die Küste Nordfrieslands die Keramikspur verfolgt, bis in die im Mittelalter in der Mordsee sagenhaft versunkene Stadt Rungholt.

Es gibt keinen wahren und keinen falschen Mythos, auch wenn der Köhlerglaube es so will. Für den historischen Hintergrund der Argonautensage haben Archäologen zahllose Belege aus der Bronzezeit bergen können, angefangen mit dem ältesten Goldbergwerk der Welt, in der Kolchis. Die Argonauten waren Abenteurer während der griechischen Expansion, um 1300 v. Chr. Rund 600 Jahre später, zur Zeit Homers, war der Stoff in Griechenland präsent. Die Tragödie des Euripides siedelte 431 v. Chr. die Sage in Korinth an. Seitdem weitere Lesarten, denn das ist das Recht des Mythos, immer neue Legenden zu erfinden, immer schillerndere Geschichten, immer schrillere auch.

Medea zerstückelt einen Verfolger, ihren Bruder. Ihrem Zorn sind nur ihre Zauberkräfte gewachsen. Schließlich ist es im Liebieghaus ein kolossales Gefäß aus der Alexanderzeit (um 330 v. Chr.), das die Legende zum Ausgang der Ausstellung noch einmal spektakulär verdichtet. Ach Kinder, was schaut ihr mich so an? Schauderhafte Szenen werden komprimiert, der Mord an den Kindern, der Mord an der Nebenbuhlerin, Glauke. Der Besucher steht vor einem Comic – nein, einer Graphic Novel, 2300 Jahre alt. Alles andere als einer Grusel Novel, ganz nett, vielmehr einer grauenvollen Geschichte, radikal eigenwillig.

Die Liebe verkehrt sich, alle Welt kehrt sich um. Keine Maßstäbe anerkennend, zeigt ein kolossales Weingefäß die Rasende. Vom Wandgemälde bis zum Gefäß: Der Mythos der Medea hatte seinen Platz im antiken Alltag. Zu „Medeas Liebe“, wie sie im Liebieghaus nacherzählt wird, gehört auch eine Wanddekoration, die die Verratene nicht wie eine Furie zeigt, sondern wie eine Gebieterin. Ganz beherrschte Herrscherin, trägt die Strategin im Arm ein Schwert, als Verkörperung des Rechts?

Die Welt des Mythos ist tragisch und scheint alternativlos. Von Medeas Tod berichtet der Mythos nicht – wenn sie denn überhaupt gestorben ist.

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