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Die neue Albertina modern in Wien blickt staunend auf die Trümmerkunst und was daraus wurde. Hier zu sehen: „Der höhnische Arzt“ von Gottfried Helnwein.

Österreichische Kunst

Albertina modern: Es ernster nehmen als sie selbst

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Die neue Albertina modern in Wien blickt auf die Trümmerkunst: „The Beginning – Kunst in Österreich 1945 bis 1980“ startet vorerst nur als Katalog.

In Wien wurde Mitte März beinahe ein neues Museum eröffnet. Die Albertina, eine der größten Sammlungen von Zeichnungen und grafischen Blättern der Welt, hat eine Tochter bekommen, die Albertina modern. Das neue Haus steht am Karlsplatz. Es ist das modernisierte, restaurierte alte Künstlerhaus neben dem Musikverein. Die Albertina modern verfügt über mehr als 60 000 Werke von 5000 Künstlerinnen und Künstlern und mehr als 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Das 1991 in Frankfurt eröffnete Museum für Moderne Kunst hat heute 4500 Kunstwerke von 440 Künstlern.

Zu sehen ist bisher allein der Katalog zur Schau: „The Beginning – Kunst in Österreich 1945 bis 1980“, im Münchner Hirmer Verlag erschienen. Es lohnt sich, auf ihn hinzuweisen. „Es wird in der Albertina modern nie wieder eine ausschließlich Österreichern gewidmete Ausstellung geben“, erklärte Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder der Handvoll Journalisten, die zur Nichteröffnung angereist waren. Nationale Gesichtspunkte sollen später keine Rolle mehr spielen. Aber dieses eine Mal sei es ihm wichtig zu zeigen, dass es gerade die damals nicht geachteten, ja verachteten Künstler waren, die die wirkliche Moderne darstellten.

Nichts als gebogener rostiger Draht mit Ablagerungen

Ergriffen stand er vor einer Arbeit von Padhi Frieberger – ein Tisch und zwei Stuhlfragmente aus dem Müll – und sagte: „Wir sahen das und haben es nicht erkannt! Warum nicht? Weil wir zu vertraut waren mit den Künstlern. Die pumpten uns an. Wir konnten sie nicht ernst nehmen. Wir waren so dumm. Da werden die großartigsten Sachen vor unseren Augen gemacht, und wir gucken weg.“ Er zeigt auf Werke einer heute noch lebenden Künstlerin: „Die haben wir jetzt für zweitausend Euro bekommen. Da schämt man sich doch.“

Padhi Frieberger? Viel sagt auch der Katalog nicht, aber doch immerhin das: Padhi Frieberger (1931–2016) baute seine Assemblagen aus Fundstücken. Er verkaufte kaum etwas. Dadurch konnte er sie immer wieder verändern. Sie zu datieren ist also schwierig. Sie sind auralose „arte povera“. Man sieht dergleichen in zerstörten Wohnungen. Ob Frieberger etwas wie Schönheit in ihnen sah oder nur Geschichte, Zernutzung? Man steht vor dem Tisch und den zerschlagenen Stühlen und kommt ins Grübeln über die Sterblichkeit auch des Unbelebten.

Oswald Oberhubers Skulpturen, die nichts sind als gebogener rostiger Draht mit Muschel- und Algenablagerungen, bringen den Betrachter auf ähnliche Gedanken. Allerdings ist im Katalog die „Unsauberkeit“ des Drahtes kaum zu sehen. Dabei ist sie wesentlich. Es sind Spuren eines erstorbenen, eines ermordeten (?) Lebens.

Einordnende Schneisen

Der Katalog beschreibt nicht nur die einzelnen Ausstellungsstücke. Er ordnet sie ein, stellt sie in einen Zusammenhang. Der Abschnitt über die österreichische Plastik nach 1945 sortiert zum Beispiel alles um Fritz Wotruba (1907–1975). Keiner der Bildhauer, der Bildhauerinnen kam an ihm vorbei. Oberhuber zum Beispiel, der ganz und gar gebrochen hat mit der Erinnerung an die Menschengestalt, ohne die es doch bei Wotruba keine Plastik gab, war sein Assistent gewesen.

Zur Sache

Der Katalogzur derzeit geschlossenen Ausstellung in der Wiener Albertina modern heißt wie die Schau „The Beginning – Kunst in Österreich 1945 bis 1980“, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Hirmer, 608 Seiten, 55 Euro.

Die Albertina in Wiengibt unter alberina.at die Möglichkeit, sich online in der Sammlung zu tummeln.

Es sind diese einordnenden Schneisen, die den Katalog so wertvoll machen. Auch für jemanden, der sich wundert über so viel so schnell gewonnene Übersichtlichkeit. In seiner Einleitung schreibt Schröder: Alle Kunst läuft „in Österreich räumlich hoch konzentriert im ersten Bezirk Wiens zusammen. Dort sind die Galerie St. Stephan und die Zedlitzhalle, die Galerie im Griechenbeisl und der Strohkoffer, das Kellerlokal des Art Club unter der American Bar von Adolf Loos, die Akademie der bildenden Künste und das einzige Forum, wo öffentliche Aktionen wie der ,Wiener Spaziergang‘ von Günter Brus oder Valie Exports ,Verhundung‘ von Peter Weibel jene minimale Aufmerksamkeit erhalten können, die Provokation als Anspruch auf subversive Grenzüberschreitung garantiert.“

Das war ein Radius, der in einer Viertelstunde hätte abgejoggt werden können. Aber Künstler und Künstlerinnen zogen wohl langsam durch ihr Revier von Beisl zu Beisl. Einander herzend und beschimpfend. Manchmal – wir sind in Wien – wusste man sicher nicht, was gefährlicher war. Man liest das und denkt mit einem Male an Florenz, Neapel und Venedig. Das künstlerische Genie scheint auch ein Virus zu sein, das vom sozialen Kontakt, ja vom Austausch von Körperflüssigkeiten lebt. Auch es vermehrt sich durch die Zerstörung des Alten.

Wien igelt sich ein zwischen den Weltmächten

Manchmal ist man unsicher, was größer ist: die Lust an der Zerstörung oder die an den eigenen Kreationen. Vielleicht rührt die Unsicherheit der zeitgenössischen Betrachter bei der Beurteilung von Avantgarde-Arbeiten auch daher. Sie spüren die Unsicherheit der Jungen, atmen sie ein und geben sie weiter, statt ihr entgegenzutreten mit einem eigenen Urteil, das diese Arbeiten ernster nimmt, als die Künstler selbst sie zu nehmen scheinen.

Ausstellung und Katalog konzentrieren sich auf die jungen Künstler, die 60 Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt im neutralen Wien versuchen, etwas Neues zu machen. Nach der Zerstörung von Monarchie und Republik, nach der Vernichtung des Judentums und nach der Niederlage des Nationalsozialismus ist Wien homogener, als es jemals in seiner Geschichte gewesen war. Wien igelt sich ein zwischen den Weltmächten. Dagegen löcken die Jungen an. Sie wollen nicht zurück zum Kubismus, wollen nicht weitermachen bei dem, was der Nationalsozialismus „entartete Kunst“ nannte. Sie leben zwischen Trümmern und verschlissenen, mit Blut durchsetzten Ideologien. Das ist ihre Welt. Die Kunst muss die Kunst dieser Welt sein – oder sie ist keine.

Glanzstück „Woman Power“

Jeder geht dabei seine eigenen Wege, und im Laufe der Jahre ändern auch die sich. Wie die „Trümmerliteratur“ wird auch die „Trümmerkunst“ abgelöst von neuen Versuchen. Es gibt die „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“, den „Wiener Aktionismus“, die verschiedenen Realismen, es gibt Günter Brus, Valie Export, Ernst Fuchs, Gottfried Helnwein, Alfred Hrdlicka, Friedensreich Hundertwasser, Kiki Kogelnik, Maria Lassnig, Hermann Nitsch, Arnulf Rainer, Rudolf Schwarzkogler und Franz West. Dazu die weniger berühmten Namen, die aufzuzählen hier sinnlos wäre, weil sie keine Assoziationen wecken. Nicht zuletzt um ihretwillen aber sind Ausstellung und Katalog entstanden.

Eines der Glanzstücke ist Maria Lassnigs (1919–2014) „Woman Power“. Das Gemälde ist 182 mal 126 Zentimeter groß. Im Katalog wirkt die New York durchschreitende Frau noch mächtiger. Interessant an dem Bild ist, dass dieser menschlich-weibliche King Kong nichts zerstört. Er wandert durch die Welt, und sie bleibt unverändert. Aber es ist klar: Die Frau ist der Herr des Geschehens.

Traum der Ohnmächtigen von der Macht

Von 1968 bis 1980 lebte Maria Lassnig in New York. Das Gemälde entstand 1979 – ein Statement, obwohl Lassnig einmal erklärte: „Ich glaube nicht, als Malerin feministische Statements gemacht zu haben, außer dass ich überhaupt durchgehalten habe, denn es war ja nicht leicht.“ Lassnigs Bild ist auch Ausdruck eines in der feministischen Bewegung entstandenen neuen weiblichen Selbstbewusstseins. Zwei Jahre zuvor hatte im Berliner Schloss Charlottenburg eine Gruppe von Feministinnen die Ausstellung „Künstlerinnen International 1877–1977“ veranstaltet, die erstmals im deutschen Sprachraum die Kunst von Frauen und die Frage nach einer „weiblichen Kunst“ ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Lassnig war eine der mehr als 180 gezeigten Künstlerinnen.

In der „Süddeutschen Zeitung“ stand damals: „Selten hat eine Kunstausstellung in Berlin so viel Unfrieden gestiftet, so scharfe Kontroversen und Proteste provoziert.“ Man mag sich nicht vorstellen, mit wie viel Häme eine Öffentlichkeit auf „Woman Power“, dieses Selbstbildnis der Künstlerin als King Kong, reagiert haben mag. Der Traum der Ohnmächtigen von der Macht, das wird noch die freundlichste Formulierung gewesen sein. Katalog und Ausstellung sind auch ein Blick in die Kulturgeschichte Österreichs.

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