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Ai Weiwei in Berlin vor einer seiner Sicherheitsjacken-Installationen.

Baumarkt

Ein Ai Weiwei zum Nachbauen

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Ein Werk des chinesischen Künstlers für 150 Euro? Kein Problem. Anleitung und Material gibt es bei einer Baumarktkette.

Seit dem gestrigen Donnerstag kann man den chinesischen Künstler Ai Weiwei in einem TV-Werbespot für den Baumarkt Hornbach sehen. Wenn man Formel 1 guckt oder die Sportschau etwa, Programme eben, die viele Zuschauer haben. Das ist kein Witz, und Ai Weiwei macht sich damit wahrscheinlich nicht einmal lächerlich. Es habe ihn gelangweilt, immer nur mit Museen zusammenzuarbeiten, dort für Rekordbesucherzahlen zu sorgen und immer nur mit Kunstliebhabern zu kommunizieren, sagte er in seinem Studio in Berlin-Prenzlauer Berg vor einer Gruppe von Journalistinnen und Journalisten, die nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus der Schweiz und Österreich angereist waren.

„Wir können mit Kunst verschiedene Menschen erreichen, verschiedene Methoden benutzen“, so Ai Weiwei. Also warum nicht einmal einen Baumarkt und dessen mehrheitlich deutsche Kundschaft. Zumal er Werkzeug liebe, er sei ja auch mal Schreiner gewesen. Jedenfalls habe er sofort ja gesagt, als ihn die Schweizer Agentur Neutral gefragt hat.

Hornbach-Mitarbeiter bauen eine Werk-Version auf.

Hornbach ist bekannt für seine spezielle Werbung, Blixa Bargeld hat schon im Jahr 2004 aus einem Hornbach-Katalog vorgelesen. Ai Weiwei verwandelt diesen Werbecoup, als den der Baumarkt diese Kooperation sicher sieht, nicht nur in eine Kritik am elitären Kunstmarkt – er nennt ausdrücklich Gerhard Richter, nicht ohne dem Namen ein „wie heißt der noch mal“ voranzustellen – sondern auch in ein eigenes Statement für eine demokratische Kunst. Er hat ein Kunstwerk zum Nachbauen geschaffen, tatsächlich sogar zwei.

Die Anleitungen kann man sich von der Hornbach-Webseite herunterladen, das Material gibt es in deren Baumarkt. „Safety Jackets Zipped The Other Way“ heißt das Projekt, von der hohen Qualität der Reißverschlüsse wird Ai Weiwei im Lauf des Vormittags noch schwärmen.

Wie in sehr vielen seiner Werke greift Ai Weiwei auch hier das Konzept des Readymades auf, nutzt also Alltagsobjekte, um Kunst zu schaffen. Er bekannte sich zum Einfluss des französischen Künstlers Marcel Duchamp, der 1913 mit seinem Fahrrad-Rad sein erstes Readymade schuf. Ai Weiwei zitiert ihn mit dem Satz: „Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt“ – und grenzt sich zugleich davon ab: Er selbst habe in seinem Leben viele Probleme geschaffen, erklärt er, er sei ein solcher Unruhestifter. „Ich werde sicher in die Hölle kommen.“ Alle sollten also diesen Moment schätzen, in dem man sich noch gemeinsam mit ihm in einem Raum aufhalte.

Das Kunstwerk besteht in seiner preisgünstigeren Version aus Wandhaken und etlichen knallorangefarbenen Sicherheitsjacken. 150 Euro Materialkosten fallen dafür an. Die große Version dürfte mit viereinhalb Metern Höhe eher nicht mehr wohnzimmertauglich sein. Die langen Metallstangen, an deren Spitzen die Sicherheitsjacken hängen, werden von eigens angereisten Hornbach-Mitarbeitern vor den Augen der Gäste aufgebaut.

Die „stehende Version“, nun fertiggestellt.

Ein Künstler wolle vor allem herausfinden, wer er ist. „Und diese Fähigkeit hat jeder“, sagt Ai Weiwei. Nur gehe sie im Laufe des Lebens verloren. Anders als für Beuys aber ist ein Künstler für Ai Weiwei in erster Linie der erwähnte Unruhestifter: „Das ist so ein Verlust, wenn man seine Fähigkeit, anders zu denken, nicht mehr ausübt, und auch mal was sagt, was die Leute nicht mögen.“ So wie er selbst halt.

Nun spricht er über die Reaktionen, die seine Kritik an Berlin, an Deutschland in verschiedenen Interviews, unter anderem mit dem „Guardian“ und der „Berliner Zeitung“, ausgelöst hat. Er habe sich einiges aus dem Deutschen übersetzen lassen: Verlass doch Berlin, geh zurück nach China, habe es geheißen. Seine Angst, er könne falsch liegen, sei sofort besänftigt gewesen.

Vielleicht muss man für eine solche Reaktion Regimekritiker in China gewesen sein. „Ich liebe das“, sagt Ai Weiwei noch. „Das bedeutet doch, dass das, was ich sage, Wirkung hat.“

Aber heute keine Kritik. Ja, diese Kunstwerke zum Nachbauen seien auch eine Art Geschenk, sagt Ai Weiwei später im Gespräch. „Kunst ist ein Geschenk.“ Deshalb sollte sie auch nicht so teuer sein. Auch zu der Verwendung von Sicherheitsjacken hat er noch mehr zu sagen: Das Konzept Sicherheit sei so etwas wie der Untergrund der Zivilisation. So viel geschehe in ihrem Namen, nicht zuletzt schließe man deshalb Versicherungen ab. „Man verwandelt sich in jemanden, der mittelmäßig ist.“ So gesehen, ist die Sicherheitsweste also auch ein Mahnmal.

Beim Hinausgehen fallen zwei Hornbach-Mitarbeiter auf, die die Reißverschlüsse ihrer Rettungsjacken zusammengezippt haben und so miteinander verbunden still in einer Ecke stehen. Was das sei? Nun, es ist ein weiteres Werk aus der Ai-Weiwei-Hornbach-Serie, eine sogenannte soft sculpture. Kann man zu Hause nachstellen und sich damit selbst in Kunst verwandeln. Mehr kann man nicht verlangen.

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