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Ai Weiwei in Wien: Alles ist Kunst. Alles ist Politik

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Von: Arno Widmann

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Ai Weiwei, „S.A.C.R.E.D. (I) Supper“, 2013. Ai Weiwei/Lisson Gallery
Ai Weiwei, „S.A.C.R.E.D. (I) Supper“, 2013. Ai Weiwei/Lisson Gallery © Ai Weiwei/Lisson Gallery

Die Albertina modern in Wien zeigt die bisher größte Aii Weiwei Retrospektive.

Zunächst ein Wort über den Ort der Ausstellung. Die Albertina Modern wurde im Mai 2020 eröffnet. Sie ist das zweite Standbein der Albertina in Wien. Corona schuf sehr schlechte Startbedingungen für das neue Museum. Mehr als 60 000 Werke von 5000 Künstlern und Künstlerinnen umfasst die Sammlung. Sie gehört damit zu den großen Museen der Gegenwartskunst. Sie ist am Karlsplatz zu finden, im ehemaligen Künstlerhaus.

Aber jetzt nichts mehr über das Museum, sondern über die aktuelle Ausstellung darin. Sie heißt „Ai Weiwei. In Search of Humanity“. Es soll die bisher umfangreichste Retrospektive des Werks des Künstlers sein. Der 1957 in Peking geborene Ai Weiwei gehört sicher zu den bedeutendsten Künstlern unserer Gegenwart. Gerade in der Vielfältigkeit, in seiner Lust daran, immer wieder Neues auszuprobieren, in der Entschiedenheit, mit der er Kunst gewissermaßen am Kunstwerk vorbei produziert, sehe ich niemanden, der ihm gleichkommt.

„Am Kunstwerk vorbei“ hört sich völlig quatschig an angesichts einer Ausstellung, die wohl mehr als 300 Werke ausstellt. Wenn ich so zähle, mache ich schon einen großen Fehler. Ich zähle Fotos, die Teil einer Serie sind, einzeln. Also zum Beispiel die Aufnahmen, bei denen er u.a. dem Eiffelturm, dem Weißen Haus, San Marco und dem Tiananmen-Platz den Stinkefinger zeigt. Sicher keine Kunstwerke. Aber auch keine Kunst?

Wir befinden uns bei Ai Weiwei ständig in diesem Dilemma. Wir kommen auch nicht daraus heraus. Die Ausstellung zeigt auch Bronzeplastiken, die jemanden zeigen, der den Stinkefinger zeigt. Aber es ist nur eine Hand, ein Arm, eine Schulter und ein halbes Gesicht. Mit einem Male wird klar: Der Stinkefinger, den Ai Weiwei zeigt, ist nur die eine Hälfte. Die demonstrative Verachtung ist nicht der ganze Ai Weiwei. Der ist unermüdlich damit beschäftigt, Dinge zu schaffen. Aber nicht nur das. Er scheint noch interessierter daran, Situationen, Zusammenhänge zu ermöglichen. Ai Weiwei wird in der Ausstellung zitiert mit „Alles ist Kunst. Alles ist Politik“. Mich ergreifen diese Bronzeplastiken sehr. Sie zeigen es nicht, aber sie lassen Platz für das Positive.

Beuys’ Wort von der „sozialen Plastik“ war noch mehr ein Konzept. Bei Ai Weiwei wird es wirklich wahr. Man erinnere sich an die Documenta 2007. Damals ermöglichte er in seiner Arbeit „Märchen“ 1001 Chinesinnen und Chinesen nach Kassel zu kommen. Sie hatten so die Gelegenheit, sich selbst ein Bild vom Westen zu machen. Er nannte die Aktion in Anspielung auf Beuys „Soziale Plastik“. Wohl durch einen Übersetzungsfehler wurde „soziale Skulptur“ daraus. Kunst, so erkennen wir immer wieder, öffnet uns die Augen. Aber nach einem so gewaltigen Augenöffner wie Ai Weiwei wird man lange suchen können. Ich weiß nicht, was aus den 1001 chinesischen Gästen in Kassel wurde. Ich weiß auch, dass inzwischen wohl Hunderttausende Chinesen die Möglichkeit hatten, das westliche Ausland zu besuchen. Die Dauerwirkung des Ai-Weiwei-Märchens von 2007 war wohl nicht sehr groß. Man könnte sogar auf die Idee kommen, seine subversive Aktion habe geholfen, der chinesischen Regierung die Furcht vor Westkontakten ihrer Bürger zu nehmen. Aber so ist es: Wer etwas macht, riskiert – selbst wenn es das Richtige war –, dass es zu etwas Falschem wird.

Nichts tun ist Ai Weiweis Sache nicht. Die Ausstellung zeigt seine frühen Mao-Zedong-Bilder, sie zeigt die Stuhlassemblagen, einige der Arbeiten, die sich mit dem Erdbeben in Sichuan im Mai 2008 beschäftigen, Porzellan-Arbeiten, von Geschossen durchschlagene Metalltüren, Flüchtlingsströme, usw. usw. Porzellan-Arbeiten – Das sind Vasen, aber auch die berühmten Sonnenblumenkerne oder auch Ölflecken aus Porzellan.

Ai Weiwei, der vielleicht ohne Andy Warhol und Marcel Duchamp kein Künstler geworden wäre, greift immer wieder auf alte chinesische Formen und Materialien zurück. In den 90er Jahren versah er mehr als 2000 Jahre alte Urnen der Han-Dynastie mit dem roten Coca-Cola-Logo. Man kann darin eine Kritik am alles sich unterwerfenden US-Imperialismus sehen. Aber es wäre naiv, darin nicht auch eine Sehnsucht nach der Möglichkeit der Verbindung von Ost und West zu erkennen. Es ist wahrscheinlich beides und vielleicht noch einiges mehr, das uns erst bei der nächsten Drehung des globalen Kräfteverhältnisses aufgehen wird.

Sehr beeindruckend sind Ai Weiweis Arbeiten, die sich mit seiner Verhaftung und Inhaftierung auseinandersetzen. Da ist das berühmte Foto, das ihn im Aufzug zusammen mit den ihn eskortierenden Polizisten zeigt.

Er nahm es mit seinem Handy auf. Diese Chuzpe! Ein Held! Auch das ist kein Kunstwerk. Ist es Kunst? Vergessen wir nicht: „Alles ist Kunst. Alles ist Politik.“ Mit diesem „alles“ hört Ai Weiwei niemals auf sich zu beschäftigen. In immer neuen Varianten. Das Foto genügte ihm nicht. Er rekonstruierte die Zelle, in die er gebracht wurde, gleich mehrfach.

Environments. Wie Ed Kineholz’ „Rücksitz des Dodge ‚38“, in dem er zum ersten Mal liebte. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich war, als ich Kienholz’ Arbeit zum ersten Mal sah. Da hatte einer den Mut, sich selbst ganz ernst zu nehmen. Bei Ai Weiweis Zellen-Environment neigen wir dazu, vor lauter Politik die Kunst nicht zu sehen. Dabei erzählt Ai Weiwei von seiner ganz persönlichen Erfahrung. In allen Details. Es ist keine propagandistische Abstraktion. Mit solchen Vorwürfen wollen wir diese Erfahrungen uns vom Leibe halten.

In der Ausstellung ist Ai Weiweis Installation „Straight“ aus dem Jahre 2008 zu sehen. Sich wölbende Latten aus Betonstahl. Eine Versinnbildlichung der Zerstörungskraft eines Erdbebens. Aber auch wenn man nicht weiß, worum es geht, ergreift einen der Anblick des sich verbiegenden Gefüges. Das ist sicher ein Kunstwerk.

Ist die zu ihm gehörende Liste von 5196 Namen von Schülerinnen und Schülern, die beim Sichuan-Erdbeben umkamen auch Kunst? Oder zerstört die Konkretion den Kunstcharakter? Oder ist vielleicht sogar auch die akribische Erstellung einer Liste von Erdbebenopfern ein Kunstwerk? Ist die Aufstellung einer Organisation, die das schafft, ein Kunstwerk? Wir Freunde des erweiterten Kunstbegriffs werden das fröhlich bejahen. Aber wir vergessen dabei, dass schon Jacob Burckhardt 1860 seine „Kultur der Renaissance“ mit dem Kapitel „Der Staat als Kunstwerk“ begann. Heute dagegen, nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, betrachten wir die „Ästhetisierung der Politik“ mit großer Skepsis und sprechen auch ungern von der Politisierung der Kunst.

Ai Weiwei hat in China am eigenen Leib erfahren, was das bedeutete. Er hat es schon als Kind mitbekommen, denn sein Vater, der berühmte Dichter Ai Qing, wurde verbannt und „niemals gab es Toiletten auf der Welt, die so sauber waren, wie die, die mein Vater zu reinigen gezwungen war“. So sagte er einmal bei einer Veranstaltung in Berlin. Ai Weiwei erlebte die Kulturrevolution. Er weiß, wohin man mit der Forderung nach der Politisierung der Kunst geraten kann. Aber für ihn ist die einzige Möglichkeit, gegen die von oben aufgezwungene Politisierung der Kunst, seine eigene zu setzen. Auch der Stinkefinger ist, so gesehen, die hilflose Geste der Ermächtigung eines Einzelnen gegen das, was ihm als groß und verehrungswürdig entgegengehalten wird.

„Ai Weiwei. In Search of Humanity“ heißt die Ausstellung; nimmt man den Punkt weg, kann man die Ausstellung betrachten als einen Versuch Ai Weiweis, teilzuhaben an seinen Suchbewegungen. Sie sind einerseits radikal individuell. Andererseits immer auch die Schaffung von Gemeinsamkeit. Nicht erst mit denen, die seine Werke betrachten, sondern schon bei deren Produktion. Er ist angewiesen auf Helfer und Helferinnen, auf Heerscharen, die alte Stühle zusammenkaufen oder Möbel nach seinen Skizzen schreinern. Wer hat die Sonnenblumenkerne aus Porzellan hergestellt?

Der Künstler Ai Weiwei führt ein Atelier, gründet Bürgerinitiativen, beutet die Arbeitskraft anderer Menschen aus, um die Ausbeutung zu zeigen.

Das gehört zur Logistik großer und kleiner Veränderungen dazu. Wir leugnen das gerne. Aber auch darin unterscheidet sich die Kunst nicht von der Politik. Die Händescheidung ist eine Erfindung der Kunsthistoriker, die das eine aus vielen Künstlern bestehende Atelier wieder zerschlagen wollen in die Einzelnen. Als wäre zum Beispiel nicht Rubens eine Marke, die von der Rubens-Werkstatt geliefert wurde. Das Unfassbare ist freilich, dass die individuelle Leistung oder sogar die Geschichte eines Individuums, seine ganz persönlichen Erfahrungen umgesetzt werden können von ganz anderen Individuen mit ganz anderen Erfahrungen. Beim Betrachten der Arbeiten von Ai Weiwei kann die Idee aufkommen, dass die Fähigkeit, sich Umsetzungen auszudenken, die gerade das ermöglichen, eine der zentralen Begabungen Ai Weiweis ist.

Vielleicht hängt sein internationaler Erfolg genau damit zusammen, dass er schon immer die anderen mitnahm zum Beispiel auf die Fahrt nach Kassel, aber auch in sein Inneres. Für Ai Weiwei ist „humanity“, was früher im Deutschen „Menschheit“ war: das Menschliche in jedem Einzelnen von uns und die ganze Menschheit zusammen.

Am 28. August, kurz vor der Schließung der Wiener Ausstellung, wird Ai Weiwei 65 Jahre alt. Er wird nicht in Rente gehen. Das ist unser Glück.

Albertina Modern, Wien: bis 4. September. Der Katalog, hrsg. von Dieter Buchhart, Elsy Lahner und Klaus Albrecht Schröder ist bei Hirmer erschienen, 336 Seiten, 45 Euro.

p.s. Unbedingt lesen: Ai Weiwei, „1000 Jahre Freud und Leid – Erinnerungen“, Penguin Verlag, 565 Seiten, 38 Euro.

„Illumination“, 2019. Ai Weiwei/Lisson Gallery
„Illumination“, 2019. Ai Weiwei/Lisson Gallery © © Ai Weiwei Studio

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