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Müsste unter der Erde sein: „Roots“.

Ai Weiwei

Ai Weiwei: Entwurzelt

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Ai Weiwei verlässt Berlin, seine Kunst bleibt: die neue Arbeit „Roots“ in der Galerie Neugerriemschneider.

Als Ai Weiwei in Brasilien war, brannte der Regenwald noch nicht, jedenfalls nicht mehr als sonst; nicht so, dass es in Europa wochenlang für Schlagzeilen gesorgt hätte. Während 2018 in São Paulo eine kolossale Retrospektive seiner Arbeiten vorbereitet wurde, reiste Ai Weiwei in den Nordosten des Landes und ließ sich die Wurzeln abgestorbener Pequi-Bäume zeigen, die dort teilweise seit 100 Jahren liegen. Einige dieser Wurzeln sind nun in der Berliner Galerie Neugerriemschneider als Abgüsse zu sehen. Wüsste man nicht, dass man vor originalgetreuen Kopien aus Eisen steht, man käme nicht darauf. Feinste Unebenheiten zeichnen sich ab, das rostige Braun könnte auch als Holzfarbe durchgehen und wenn man die Oberfläche berührt, fühlt sie sich rau und warm an und gar nicht nach Metall.

In den leeren Räumen der Galerie werden die Wurzeln zu imposanten Skulpturen, und man kommt nicht umhin, an die tausenden Bäume zu denken, die, jahrzehntelang von ebenso riesigen Wurzeln gehalten und genährt, nun jeden Tag in Südamerika verbrennen. Dass Kunstwerke ein Eigenleben haben, sich emanzipieren von dem, der sie gemacht hat, daran erinnern die „Roots“, die in Berlin zum ersten Mal und anschließend in London gezeigt werden, in berührender Weise.

Das ernüchterte Verhältnis

Das ist umso passender, da Ai Weiweis Kunst in Deutschland jedenfalls gerade Gefahr läuft, zu verschwinden unter der Person ihres Schöpfers. Ai Weiwei will mit seinem Werk durchaus zusammengedacht werden, mehrfach machte er sich selbst zu dessen Protagonisten. Aber gerade ist es nicht der Künstler, sondern der Deutschland-Kritisierer Ai Weiwei, der das seit seiner Ankunft 2015 ohnehin ernüchterte Verhältnis des Gastlandes zu ihm noch weiter hat abkühlen lassen. Er verlasse Deutschland, weil die Gesellschaft dort keine offene sei, sagte er in einem Interview und erklärte das nicht wirklich überzeugend anhand von Erlebnissen mit Berliner Taxifahrern, die er als rassistisch empfand.

Zu fundierteren Begründungen oder einer Debatte darüber, wo und wie sehr es Deutschland möglicherweise an Offenheit mangelt, kam es nicht, am Ende waren beide beleidigt: die Deutschen wie der Künstler und Regimekritiker, der, nach anhaltenden Repressionen in China, vor vier Jahren ausreisen konnte und nach Berlin-Prenzlauer Berg zog.

Ai Weiwei lasse sich entschuldigen, sagte der Galerist Tim Neuger bei der Vorbesichtigung der Ausstellung. Er wäre gern gekommen, aber er sei in Cambridge. Sein zehnjähriger Sohn gehe da jetzt zur Schule. Frau und Sohn in England, das Atelier weiterhin im Pfefferberg in Berlin, Ausstellungen und Projekte weltweit: Es wird ein Leben als „Zigeuner“, wie Ai Weiwei in einem anderen Interview sagte, als Heimatlosen hat er sich seit jeher bezeichnet.

Den mächtigen Wurzel-Skulpturen tut es gut, dass Ai Weiwei nicht gekommen ist, so können sie selbst wirken: raumgreifend, massig und eindeutig deplatziert in der weißen Weite der Galerieräume. Sie reihen sich ein in den kühleren Teil von Ai Weiweis Werk, ohne weniger zugänglich zu sein als seine ins Plakative kippenden Arbeiten, wie die Schwimmwesten, mit denen er 2016 die Säulen des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt verkleidete.

Die „Roots“ passen eher zu den 164 Tonnen Armierungseisen, die er 2008 im chinesischen Sichuan aus den Trümmern schlecht gebauter Schulen barg, in denen 5000 Kinder starben. „Straight“, wie jene Arbeit heißt, ist Anklage, „Roots“ mehr Feststellung: So schön und kraftvoll die Wurzeln sind, eigentlich dürfte man sie nicht sehen. Sie gehören unter die Erde. Ist der Baum entwurzelt, stirbt er.

Galerie Neugerriemschneider, Berlin: bis 19. Oktober.

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