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„Der Rhein bei Walsum“, 2019, aus der Serie „An den Strömen“.

Agentur Ostkreuz

Alle oder keiner

  • vonIngeborg Ruthe
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Die Berliner Agentur Ostkreuz, vor 30 Jahren gegründet, gehört zu den Erfolgsprojekten der Wendezeit. Diese Geschichte von der Fotografie als Haltung und Leidenschaft erzählt eine Ausstellung der Akademie der Künste am Pariser Platz: „Kontinent – Auf der Suche nach Europa“.

Was tun im zunächst unglaublichen, verrückten und bis heute folgenreichen Jahr 1990? Prall von Motiven war die chaotische, teils auch orientierungslose Wendezeit, doch die Auftragslage für ostdeutsche Fotografen wurde prekär. DDR-Redaktionen, Verlage, Betriebe, Instanzen wurden übernommen oder abgewickelt. Die neuen bunten Bilder aus dem Westen ließen der schwarzweißen Tristesse keine Chance.

Im Osten Berlins gab es weit mehr als ein Dutzend exzellenter Foto-Reporter mit einem kritischen, aber auch tief melancholischen Blick auf die Realität. Anders, als die Nomenklatura sie sehen wollte. Diese „triste“ Fotografie hatte zunächst auch vor dem westlichen Blick einen schweren Stand. Die Vorurteile überwogen, bevor die Gruppe inzwischen längst in die fotografische Kult-Liga aufrückte. Die Qualitäten wurden erkannt. Inzwischen gibt es ohne Ostkreuz Beitrag keinen Europäischen Monat der Fotografie in Berlin, der alle zwei Jahre stattfindet. Der Oktober bietet in Berlin und Potsdam 144 Foto-Ausstellungen. Die Ostkreuz-Schau „Kontinent – Auf der Suche nach Europa“ in der Akademie der Künste ist das Herzstück.

Ostkreuz: Sieben Fotografen – darunter die 2010 verstorbene Sibylle Bergemann, deren herb-poetische Bilder eine ganze Wand alleine füllen – gründeten im Jahr der Wiedervereinigung so trotzig wie mutig die Agentur Ostkreuz. Dieses Häufchen Courage gab sich kein spektakuläres, sich vom Rest der Fotokunst abgrenzendes Manifest wie einst die Dadaisten und Surrealisten. Ostkreuz war aber so anspruchsvoll, sich die legendäre Fotoagentur Magnum, 1947 gegründet in New York unter anderem von Robert Capa und Henri Cartier-Bresson, zum Vorbild zu nehmen mit deren ungeschminktem, empathischen Blick auf die menschliche Komödie, inklusive deren genossenschaftliches Statut: Jeder für alle. Alle oder keiner. Keine Star-Hierarchien, gemeinsame Vermarktung, geteilter Erlös, geteiltes Risiko, Solidarität. Jeder gibt von seinen Einkünften. Klein oder groß, 20 Prozent in die gemeinsame Kasse.

Die Wagemutigen hießen Sibylle Bergemann, Ute und Werner Mahler, Harf Zimmermann, Jens Rötzsch, Harald Hauswald, Thomas Sandberg. Sie gehörten zu den wichtigen Fotografen im Osten. Und wagten es: „Alles war neu. Alles“, schaut Ute Mahler zurück. „Wir gründeten Ostkreuz ebenso als Überlebensstrategie wie als Mittel, um gleichgesinnte, individualistische Persönlichkeiten zusammenzubringen zu einer egalitären kreativen Gemeinschaft.“ Die zählt heute 22 Mitglieder. Plus der unvergesslichen Sibylle Bergemann. Wenn die Agentur sich trifft, um zu beraten, zu streiten, zu feiern, dann steht ihr leerer Stuhl dabei, dann fragt der eine oder andere in der Runde: „Und was würde Sibylle dazu sagen?“

Der Name ist Programm: Das Ostkreuz war 1990 noch ein ruppiger Umsteigebahnhof tief im Berliner Osten. Das passte, weil er in seiner Form an eine Windrose erinnert, sich in ihm die Linien aller Himmelsrichtungen treffen. „Es ist auch eine Standortbeschreibung, der Osten, in dem es ein Land gegeben hatte, zu dem die Gründer der Agentur gehörten“, so Ute Mahler. Ostkreuz bezeichne zudem auch jenen Punkt, von dem aus man in jede Richtung aufbrechen kann.

Ostkreuz-Fotografie ist heute gefragt, bei Medien, im Kulturbetrieb, bei Sammlern. Die Agentur hat nicht nur zig Foto-Preise eingefahren, sie hat sich auch verjüngt. Fünf der Fotografen wurden ausgebildet an der privaten Ostkreuzschule. Und alle, so subjektiv ihr Kamerablick, interessieren sich für den utopischen Raum der europäischen Neuordnung. Die anhaltende Spaltung und Zerstörung dieser Utopie, die Kriege in Nahen Osten, die Flüchtlingsströme, der bedrohliche Klimawandel, islamistischer und rechter Terrorismus, rechtsradikale und nationalistische Tendenzen in Deutschland und anderen Ländern der EU, zuletzt die Verwerfungen und Folgen der Corona-Pandemie bedrohen die humanistischen und demokratischen Grundlagen Europas.

In den Bildersälen der AdK, in der von Ingo Taubhorn kuratierten Ostkreuz-Jubiläumsschau, ist ausgebreitet, was das Arbeitsethos dreier Generationen von Fotografen bis heute hervorgebracht hat: Fotografie als Haltung und Leidenschaft. Zeitgeschehen, festgehalten in freien Reportagen oder Aufträgen. Zählt man die Namen der alten und neuen Ostkreuz-Mitglieder auf, scheint auch das Erbe durch, was vor 1990 entstand. Ostkreuz-Weltsichten sind disparat. Die Haltung dazu aber immer eine: Es geht, noch beim entsetzlichsten Motiv, um Respekt, Empathie, Sensibilität. Dokumentieren heißt aufzeigen, nicht entblößen. Ostkreuzler arbeiten unaufgeregt, geduldig, genau beobachtend, subtil. Die Ästhetik der Bilder soll weder verklären noch überhöhen noch urteilen. Sie ist Mittel zum Zweck, um zu vermitteln, dass alle Menschen Mitmenschen sind, und es krasse Unterschiede in den Chancen gibt, die sie haben.

An den Wänden der Akademie hängen subjektive, auch wie beiläufige und experimentelle Motive von Fotografen, voller Fragen an einen Kontinent im Ausnahmezustand. Die Fotos geben keine Antworten darauf, was Europa ausmacht, seit es den großen Traum vom „europäischen Haus“ gibt. Da sind Jordis Antonia Schlössers Aufnahmen vom zaghaft wiedererwachenden jüdischen Leben in Osteuropa. Linn Schröder erzählt aus ihrer Familiengeschichte Schicksale in den zerfurchten Gesichtern alter Leute, die 1945 aus Oberschlesien flüchteten. Sibylle Fendt porträtierte junge Männer, Geflüchtete in einer entlegenen Unterkunft im Schwarzwald. Triste Langeweile und Ungewissheit, Bleierne Wartezeit auf Deutschland, auf Europa.

Und dann blickt man in das skeptische Jungmädchengesicht aus Ina Schoenenburgs Serie „Zwiatzki“, fotografiert in der deutsch-polnischen Grenzregion an der Oder. Selten waren die Zweifel am Gelingen der Idee von Europa so groß wie jetzt, scheint der Blick des Teenagers zu sagen. Auch gestandene Ostkreuzler, wie die berühmten Mahlers und Hauswald fassen Konfrontatives auf ihren Streifzüge durch die europäischen Niederungen des Alltags behutsam an. Empathie ist Gesetz auch für Annette Hauschild, Linn Schröder, Maurice Weiss, Heinrich Voelkel, Tobias Kruse, Dawin Meckel, Espen Eichhöfer, Johanna-Maria Fritz, Jörg Brüggemann und all die anderen.

Tristesse verbirgt sich hinter kühler Normalität in den Aufnahmen des Jüngsten in der Gruppe, dem schon preisgekrönten 24-jährigen Sebastian Wells. Er machte mit seiner Kamera die ökologische Krisenregion Südost-Sizilien mit ihren brutalen Erdölraffinerien zu einer Metapher für die Quadratur des Kreises: Umweltgefahr versus Arbeitsplätze.

22 Mal Ostkreuz am Pariser Platz, da sehen wir, wie Fotografinnen und Fotografen in den europäischen Alltag reisen, zu Konfliktherden und da, wo Heimat ist, Hoffnung ist, Zuversicht, Schönheit. Lachen. Die Kameras sind mal schwer, mal leichter, die Stative sperrig. Die Welt im Sucher heißt conditio humana. Auch das klingt nach dem Credo von Magnum: Realitätsnähe, Menschlichkeit, Respekt. Nie Effekthascherei. Kein Krawall-Journalismus: Schau her. Und sieh, dass es sich lohnt, diese Welt, dieses Europa zu einem besseren Ort zu machen!

Akademie der Künste, Berlin: bis 10. Januar. Katalog (Hartmann Books) 39,90 Euro. www.ostkreuz/kontinent.de

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