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Der in Afrika den Tiger besiegte

Eine Pariser Ausstellung widmet sich dem bald 100 Jahre alten Tarzan, mag am Mythos aber nicht zu sehr kratzen

Von Martina Meister

Seine Zeugung mag in den Bereich des Verdrängten gehören, sein Geburtsdatum indes ist historisch. Wenige Monate nach dem Untergang der Titanic erscheint im Oktober 1912 in den USA ein Groschenheft, dessen Hauptfigur Tarzan ist: die Mutter eine englische Adlige, der Vater ein Affe. Letzterer hatte gemeinsam mit anderen Artgenossen die Hütte von Lord und Lady Clayton überfallen, welche von Meuterern in der afrikanischen Wildnis ausgesetzt worden waren.

Ähnlich wie die Marquise von O. bei Heinrich von Kleist hat auch Lady Alice keinerlei Erinnerung an die Empfängnis, vermutlich aber das weiß man in Wahrheit nicht genau weil die Vergewaltigung grausam, die Lust aber durchaus vorhanden war. Neun Monate später bringt sie einen gesunden Jungen zur Welt, stirbt jedoch bei dessen Geburt, nicht allein wegen der übermenschlichen Größe ihres Sprösslings, sondern bestimmt auch ein wenig am Ausmaß der Schande. Auch ihr Ehemann überlebt das Drama nicht lange. Der Junge ist eine Waise und wird, was eigentlich ein sehr menschlicher Zug ist, von Affen großgezogen: John Clayton III., Lord Greystoke später mit Namen, bis heute eher bekannt als Tarzan, ist halb Mensch, halb Tier, aber von beiden hat er das Beste geerbt: "Tarzan besaß den Stoizismus eines Tieres und die Intelligenz eines Menschen", so hat es sein Schöpfer, Edgar Rice Burroughs, formuliert.

Wer sich in Tarzans Schöpfungsgeschichte vertieft, ahnt schnell, dass sich mit dem Menschheitstraum von technologischer Allmacht, der zusammen mit der Titanic am Eisberg zerschellte, das alte Misstrauen gegen die Zivilisation der Moderne in Tarzan eine frische Figur, einen neuen Hoffnungsträger geschaffen hat: ein Wesen mit animalischem Körper, aber enormem Herzen, bei dem sich tierischer Instinkt und menschliche Intelligenz auf ideale Weise verbinden. Er ist stark wie Herkules, gut wie Robin Hood, eine Art moderner Heiliger Georg, Mann und Menschenaffe, der nicht mehr gegen Drachen, wohl aber gegen Krokodile kämpft: geboren aus der Tragödie, aber für die Utopie.

Burroughs war diese Dimension vermutlich nicht bewusst. Er, der vieles in seinem Leben versucht hat, der Soldat war, Rinderfarmer, Goldgräber, Eisenbahnpolizist, Vertreter, der zum Schluss mit Bleistiftanspitzern handelte, musste die Anzeigen seiner Firma in Groschenheften kontrollieren, als ihm eines Tages bei der Lektüre klar wurde: "Wenn Leute tatsächlich dafür bezahlt werden, solchen Mist zu verfassen, dann weiß ich ganz sicher, dass auch ich dazu imstande bin, mindestens ebensolch schlechtes Zeug zu schreiben."

Das Zeug aber traf genau den Geschmack des Publikums: In den Jahren von 1912 bis 1950 verfasst Rice 22 Tarzan-Episoden, schnell erscheint das erste Buch, "Tarzan bei den Affen", das heute in 56 Sprachen übersetzt ist. In über 15 Millionen Exemplaren werden die Geschichten aufgelegt. Sehr schnell wurden die erfolgreichen Pulp-Fiction-Stories in Comics verwandelt und verhalfen dem Helden zu noch mehr Ruhm. Hollywood tat das Übrige. Tarzan war, wenn man so will, eine Pop-Figur avant la lettre.

Jetzt, kurz vor seinem 100. Geburtstag, hält er Einzug ins Museum: Mit "Tarzan! Oder Rousseau bei den Waziri" unternimmt das Pariser Musée Branly den Versuch, den Mythos durchzukonjugieren, die Figur zu befragen als Zeugnis unserer Phantasmen, als Ausdruck der Faszination des vermeintlich Zivilisierten am angeblich Wilden, als "missing link", als Variante von King Kong und Yeti, letztlich auch als Vorläufer von Bat- und Spiderman.

Und tatsächlich hätte das eine wahrhaft spannende Begegnung werden können, ein aufregendes Zusammentreffen, ähnlich unerhört wie Tarzans Zusammenprall mit dem Tiger, den es in Afrika gar nicht gab, aber bei dem das Herz des Lesers der ersten Stunde vermutlich im Rhythmus afrikanischer Trommeln schlug, weil "sich der herausfordernde Schrei des Menschenaffen mit dem Brüllen des Tigers vermischte": Tarzan überlebt, natürlich. Er hat das Initiationsritual erfolgreich überstanden. Aus dem Jungen ist ein Mann geworden. Um wissenschaftliche Genauigkeit hat sich dabei niemand geschert. Es ging einzig und allein um die Wahrheit des Mythos. Und auch Burroughs, der höchstens die Dreharbeiten des ersten Tarzanstummfilms in Louisiana besucht, aber niemals einen Fuß nach Afrika gesetzt hatte, korrigierte diesen Fehler erst Jahre später.

In neun Kapiteln setzt die Pariser Ausstellung Tarzan in Szene, aber man ahnt sehr schnell, wo ihr Problem liegt. Die These ist da, aber sie ließe sich viel einfacher in einem kleinen, hübschen Essay als auf 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche entfalten: "Die Figur Tarzan", notiert Kurator Roger Boulay, "funktioniert wie die der Superhelden, weil auch sie eine Überblendung von Bildern ist, eine Art ,totaler Totem jener Eigenschaften, von denen man annimmt, dass sie das Gegengift zur Umwelt- und Sozialkrise sind, die sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts abzeichnet: Nacktheit, religiöser Körperkult, Verherrlichung des Bodybuildings, Hohelied auf die natürliche Herzensgüte, auf weiche Naivität, aber instinktiver Widerstand gegen Expertentum und Wissenschaft, eine Jugendfigur mit großem Herzen."

Es geht hier offensichtlich um intellektuelle Überhöhung der Figur, aber entstanden ist eine Art afroamerikanisches Kuriositätenkabinett, in dem sich jeder bedienen kann: Man wird von ausgestopften Affen begrüßt, bekommt wahllos Filmausschnitte präsentiert, wandelt an den vielen Avataren Tarzans vorbei, an Spielzeugpuppen und Werbefiguren, darf sich an Originalzeichnungen der Comics von Burne Hogarth freuen, bestaunt die Ahnengalerie der Darsteller, erkennt Tarzan als Trendsetter wieder, weil bald der Leopardenfellmantel in Mode kam. Das Ganze wird dann noch vermengt mit afrikanischen Amuletten, Lanzen, Schildern aus den Beständen des Museums, dem es als Institution der "Kunst und Zivilisationen aus Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika" an derlei Objekten nicht mangelt.

Die meisten Fragen und Themen werden nur angerissen: Selbstverständlich hat es mit der Prüderie Amerikas zu tun, dass Tarzans Lendenschurz immer länger wird und dass auch die Szenen der nackt badenden (aber gedoubelten) Jane-Maureen OSullivan aus dem Film "Tarzan and his mate" ("Tarzans Vergeltung") herausgeschnitten wurden. Hätte man nicht erwähnen müssen, dass dies der erste harte Fall von Zensur war, mit dem der als extremer Puritaner verschriene Joseph Ignatius Breen 1934 seine zwei Jahrzehnte dauernde Herrschaft an der Spitze von Hollywoods Selbst-Zensur-Behörde begann?

Dort, wo sich eine gewisse Thesenfreudigkeit der Ausstellung erkennen lässt, wird sie nicht vertieft. Beispielsweise war Rice, der sich für die Theorien von Charles Darwin begeisterte und in den dreißiger Jahren in der Chicago Public Library recherchierte, ein dezidierter Anhänger der Eugenik. Tarzan verkörperte den Glauben an die Überlegenheit bestimmter Rassen, aber das ist ein heikles Thema, zu heikel. Burroughs Biograf John Taliaferro notiert indes: "Wie die Ereignisse im Ausland bereits zeigten, waren Eugenik und Faschismus wie für einander gemacht und in ,I See a New Race, den Artikel, den Burroughs etwa zur selben Zeit wie ,Lost on Venus (1932) geschrieben hat, bejubelte er diese Verbindung. An keiner Stelle dieses nie publizierten Artikels und auch nicht in seinen persönlichen Notizen oder seiner Korrespondenz dieser Zeit erwähnt Burroughs explizit Adolf Hitler, genauso wenig wie dessen Politik der Eugenik und Verfolgung, die Letzterer zur selben Zeit in Deutschland betrieb, aber er hatte sie ganz gewiss im Hinterkopf."

Auch das ein Thema, das nur zaghaft angerissen wird, vermutlich, weil Filmausschnitte von Leni Riefenstahl neben denen aus Tarzanfilmen die verblüffende Verwandtschaft evident gemacht hätten. Man will hier ganz offensichtlich nicht zu sehr am Mythos Tarzan kratzen. Dieser kehrt, nachdem er in der Stadt gelebt hat, zurück in den geliebten Dschungel, zurück zur "Freiheit und Reinheit der Natur" und den "noblen Kreaturen, deren Gefühle von Liebe und Hass aufrichtig sind". Tarzan ist, das darf man daraus schließen, alles andere denn ein Verkörperung der Ideologie des Herrenmenschen. Er soll als ein Vordenker der Ökologiebewegung in Erinnerung bleiben. Das kommt heute besser an.

Musée du Quai Branly, Paris: bis 27. September. www.quaibranly.fr

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