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Aernout Mik in der Schirn Frankfurt: Verstörende Gedankenspiele

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Von: Lisa Berins

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Szene aus Aernout Miks „Threshold Barriers“. Foto: Aernout Mik, Carlier/Gebauer
Szene aus Aernout Miks „Threshold Barriers“. Foto: Aernout Mik, Carlier/Gebauer © Aernout Mik, Carlier/Gebauer

Aernout Miks Videoarbeiten, jetzt zu sehen in Frankfurt, verhandeln das Verhältnis von Individuum und Staat.

Es ist kurz nach der Eskalation. Ein Mann im verdreckten Plüschanzug steht da, den Kopf seines Hasenkostüms unter den Arm geklemmt, und wird von einem Polizisten in Schutzuniform unsanft durch ein Gewirr an Absperrgittern gedrängt; zurück zu den anderen Demonstrantinnen und Demonstranten, die sich in einer unüberschaubaren Szenerie zusammengefunden haben. Übereinandergestürzte Gitter, Stühle, Planen, Pylonen, Regenschirme. Dazwischen Menschen, die ziemlich lädiert aussehen, die mit Schrammen im Gesicht erschöpft zu Boden blicken. Vielleicht sind sie verstört, vielleicht traumatisiert. Auch die Polizistinnen und Polizisten bluten im Gesicht, liegen verwundet auf dem Boden, scheinen am Rande ihrer Kräfte. Auf was für einer Demonstration sind wir hier? Wie ist es zu den Ausschreitungen gekommen? Was wird nun geschehen? Das alles bleibt in dem Video „Threshold Barriers“ von Aernout Mik unklar.

In Nahaufnahmen wird die Betrachterin, der Betrachter in das Geschehen hineingezogen, konfrontiert mit diffusen, beklemmenden Eindrücken, chancenlos, sich einen Überblick zu verschaffen. Wer hat die Oberhand über das Geschehen? Müsste die Polizei nicht für Ordnung, für Sicherheit sorgen? Aber diese Einsatzkräfte scheinen ihrer Aufgaben gar nicht fähig zu sein. Einige haben sich ihrer Ausrüstung entledigt. Wie in Zeitlupe klettert eine Polizistin über einen ihrer Kollegen hinweg, der reglos auf einer Europalette liegt, die absurderweise auf einem der Zäune installiert ist. Sie zittert, als sie ihre Handschuhe anzieht. Während alldem ist kein Ton zu hören. Irritierende Stille.

Es ist, als spielten sich diese Szenen in einer Pause ab, sagt Sebastian Baden, seit 1. Juli Direktor der Schirn Kunsthalle, der mit „Aernout Mik – Double Bind/Threshold Barriers“ seine erste Ausstellung in Frankfurt eröffnet. Sein Verdienst sei das nicht – geplant wurde die Schau von der Kuratorin Katharina Dohm, die sich schon seit einiger Zeit mit den Arbeiten des niederländischen Künstlers beschäftigt. In der Schirn kann man nun zwei mehrkanalige Filme Aernout Miks sehen, die – auf einander gegenübergestellten Leinwänden – zusammen wirken sollen. Es sind keine linearen Erzählungen, keine stringenten Geschichten, eher Fragmente, die sich zu einem verstörenden Eindruck vereinen. Dennoch könne man sagen, dass „Treshold Barriers“ von 2022, ein Film, der in Frankfurt zum ersten Mal zu sehen ist, als Fortsetzung von „Double Bind“ (2018) zu lesen sei, sagt Katharina Dohm.

I n der älteren, einer dreikanaligen Videoarbeit ist die Situation nicht weniger merkwürdig. Auch darin ist der Betrachter, die Betrachterin ganz nah am Geschehen dran. Eine Gruppe der französischen Spezialeinheit GIGN, Einsatzschwerpunkt Terrorbekämpfung, formiert sich und schiebt sich, Gewehre im Anschlag, in einer französischen Stadt an Hauswänden entlang, in fast tänzerischem Schritt an einem Frisörladen vorbei in Richtung ... Ja, wohin eigentlich?

In einer anderen Szene stehen Uniformierte, mit ernstem, vielleicht gelangweiltem Gesichtsausdruck, in der Gegend herum. Oder sie schlendern unter einer Brücke entlang, mit den Helmen in der Hand, lassen sich erschöpft auf ein Stück Wiese fallen. Einige Menschen gehen desinteressiert vorbei, ohne sich weiter für den seltsamen Anblick zu interessieren. Szenenwechsel: Eine Polizistin robbt über die Straße eines idyllischen Wohngebiets, in Richtung ihres Helms, den sie verloren haben muss. Im Hintergrund – Vogelgezwitscher. Mehrere Szenenwechsel: Ein klinisch-weißer Raum. Die Spezialkräfte legen ihre Uniformen ab, Stöhnen ist zu hören, Atmen. Mit Plastik abgedeckte Matratzen werden über den Boden geschoben. Menschen über den Boden gezogen. Wo sind wir hier? In einer psychiatrischen Anstalt?

Etwas ganz Eklatantes scheint in all diesen Szenen nicht zu stimmen. Falls diese Einsatzkräfte einen Auftrag haben, worin besteht er? Folgen sie überhaupt einem Befehl? Jedenfalls: Das, was man beim Zuschauen von ihnen erwartet, tun sie nicht. Der Titel „Double Bind“ spielt auf diese paradoxe Situation an. In der Wissenschaft bezeichnet der Begriff eine dysfunktionale Kommunikation, in der sich widersprechende Botschaften gesendet werden. In Aernout Miks Videoarbeiten wirkt die Diskrepanz zwischen erwarteter und tatsächlicher Aktion absurd. Manchmal ist das amüsant, oft absolut nicht.

„Es ist ein Gedankenspiel“, sagt Kuratorin Katharina Dohm. „Was ist, wenn der Staatsapparat zusammenbricht?“ Schon in vorherigen Arbeiten der vergangenen 20 Jahre hat sich Aernout Mik mit Themen beschäftigt, die sich im Spannungsfeld zwischen Individuum und Staat, Gewalt und Fürsorge, Macht und Ohnmacht bewegen. So auch in seiner Arbeit „Citizens and Subjects“, die er auf der 52. Biennale von Venedig im Jahr 2007 präsentierte. Dabei spielt Mik mit Bildern und Ästhetiken, die aus den Medien bekannt sind, wenn über Attentate berichtet wird, über Amokfahrten, Terroranschläge, über Demonstrationen, über ausufernde Gewalt. Doch Aernout Mik dokumentiert nicht, er fiktionalisiert, abstrahiert, emotionalisiert und schafft in seinen choreografierten Arbeiten eine Atmosphäre, die beim Zuschauen mit eigenen Assoziationen und Erlebnissen konfrontiert.

In der Arbeit „Threshold Barriers“ hat sich Widerstand formiert. Die Demonstrierenden, die gerade noch unter den Augen der Spezialkräfte in einem ruhigen Gesprächskreis zusammensaßen, sind aufgestanden und schieben sich wieder durch die chaotische Konstruktion aus Absperrgittern. Sie klatschen mit erhobenen Händen. Kraftvoll. Vielleicht aggressiv. Sie scheinen bereit zum Angriff. Ein Mann ist vermutlich ihr Anführer. Er versteckt sein Gesicht unter einer goldenen, abstrakten Maske. Schwer zu sagen, wer in diesem Spiel die Oberhand gewinnen wird. Leicht zu sagen, dass es kaum gut ausgehen wird. Und dann kommt es doch wieder ganz anders.

Schirn: bis 3. Oktober. www.schirn.de

Szene aus Aernout Miks „Threshold Barriers“. Foto: Aernout Mik, Carlier/Gebauer
Szene aus Aernout Miks „Threshold Barriers“. Foto: Aernout Mik, Carlier/Gebauer © Aernout Mik, Carlier/Gebauer

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