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Stefan Moses als Fotograf der Wendejahre: "Neue Wache unter den Linden".

Stefan Moses

Adorno und die Packerinnen von Büsum

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Der große deutsche Porträtfotograf Stefan Moses fotografierte nicht einfach, sondern stellte in den Zusammenhang. Im Alter von 89 Jahren ist er gestorben. Ein Nachruf.

Er hatte sie alle. Der Schriftsteller Oskar Maria Graf schaut lebenslustig in die Kamera, und auf einem abgesägten Baumstumpf sitzt der knorrige SPD-Recke Herbert Wehner mit seiner Pfeife, als gelte es, ein Stück Lebensbilanz aus dem Mundstück herauszusaugen. 

Das Wehner-Porträt gehört zu einer Bildserie mit dem Titel „Die großen Alten“, für die Stefan Moses die ausgesuchten Protagonisten eigens in den Wald gelotst hatte. Der Schriftsteller Sebastian Haffner steht auf einer Lichtung in hellem Anzug mit Weste, und der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer blickt wie angewurzelt, aber mit Schlips, ins Visier des aufmerksamen Chronisten der bundesrepublikanischen Zeitläufte.

Der 1928 im niederschlesischen Liegnitz geborene Moses fotografierte nicht einfach, sondern stellte in den Zusammenhang. Und so ließ er in der Waldserie einerseits den jeweiligen Charakter des Porträtierten zur Geltung kommen, erdete sie aber sogleich durch ihr serielles Auftauchen in natürlicher Umgebung.

Stefan Moses hat seine Waldgänge über viele Jahre betrieben. Die Schauspielerin Marianne Hoppe steht gut gelaunt im Schnee, und die Dichterin Ilse Aichinger, die Moses gleich mehrfach vor der Kamera hatte, präsentiert sich in sportlicher Regenjacke. Der Kunstsammler und Picasso-Freund Heinz Berggruen gehört ebenso zu den Spaziergängern wie der große Psychologe Bruno Bettelheim, dessen legendäres Buch „Kinder brauchen Märchen“ gewissermaßen aus dem Wald hervorgegangen ist. Etwas verloren wirkt indes Wolfgang Koeppen, der, als die Aufnahmen Mitte der 60er Jahre entstanden, seine großen zeitgenössischen Romane bereits geschrieben und eine öffentlich verhandelte Schreibblockade noch vor sich hatte. 

Der in Breslau ausgebildete Stefan Moses, der zunächst als Fotograf am Nationaltheater in Weimar gearbeitet hatte, bediente sich wiederholt des Gestaltungsprinzips der Serie, ohne es als albernen Einfall preiszugeben. So holte er die Elite des deutschen Geisteslebens für seine „Spiegelbilder“ ins Atelier, um diese mehrfach reflektiert erscheinen zu lassen. Theodor W. Adorno sitzt da wie einst sein Kollege Siegfried Kracauer in dem berühmten Selbstporträt vor zerborstenem Spiegel. 

Für seine „Maskenbilder“ wiederum hat Moses Künstler wie Günter Uecker, mit einem Nagelkranz, und Otto Dix, mit den Fingeröffnungen einer Schere vor den Augen, als Skulpturen ihrer selbst präsentiert. Die Boxlegende Max Schmeling ist über einen Schreibtisch gebeugt, aber trotz des fortgeschrittenen Lebensalters scheinbar zum Sprung bereit. 

Es sind keineswegs nur Prominente, die Moses in seinem langen Künstlerleben fotografierte. Wie der große Porträtfotograf August Sander hatte Moses ein besonderes Gespür für die einfachen berufstätigen Leute. Aber anders als Sander, bei dem die Abgebildeten stets auch stolze Vertreter ihres jeweiligen Handwerks sind, zeigt Moses das Fortschreiten einer gesellschaftlichen Individualisierung, in der jeder sich dazu aufgefordert sieht, zum Darsteller seiner selbst zu werden. Das gilt für Gruppenporträts von Schaffnerinnen des öffentlichen Nahverkehrs ebenso wie für die Schülerinnen in Herne oder die Rollmopspackerinnen in Büsum. Die offene Bereitschaft zu posieren leistet so auch einen Beitrag zu einer stets überraschenden Bildsprache.

Aus heutiger Sicht erschrickt man fast, wenn man auf die intimen Familienbilder blickt, die Moses von seinem Sohn Manuel gemacht hat. Sie zeigen die Verletzlichkeit und Nacktheit des Kindes, wissen aber beinahe intuitiv die Grenze zu wahren zwischen familiärer Zuneigung und dem zerstörerischen Verdacht eines sexualisierten Blicks. 

Stefan Moses ist, wie seine Frau, die Künstlerin Else Bechteler-Moses bestätigte, am Samstag im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in München gestorben. Eine aktuelle Ausstellung mit dem Titel „Blumenkinder“ ist noch bis zum 25. Februar im Literaturhaus München zu sehen. 

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