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Adolph Menzel: „Hand des Künstlers mit Farbnapf“, 1864.

Adolf Menzel

Adolf-Menzel-Schau in Berlin: Das Auge des 19. Jahrhunderts

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Absolut sehenswert: Die Ausstellung „Menzel. Maler auf Papier“ im Berliner Kupferstichkabinett.

Die Ausstellung „Menzel. Maler auf Papier“ im Berliner Kupferstichkabinett könnte auch „Ganz nah dran“ heißen. Schließlich sehen wir alles, was Adolph Menzel (1815–1905) – jenseits der großen Ölbilder oder der meisterlichen Zeichnungen – auf Papier malte, wie durchs Mikroskop: Die Aquarelle, in die der bedeutendste deutsche Realist, dieses Auge des 19. Jahrhunderts, so raffiniert hineinzuzeichnen verstand, die Gouachen und Pastelle verraten seine künstlerischen Techniken. Und seine Virtuosität, die Fähigkeit, Atmosphäre hineinzulegen: Licht und Düsternis, Dunst, Hitze, Kälte. Schmerz und Freude, Enge und Befreiung.

Wir sehen, wie Menzel die Farbe auf Papier setzte, wo die Grenzen zwischen den Stilformen und Techniken verlaufen oder wo er sie einfach aufhob, indem er realistische Szenen und Figuren in den Kontrast setzte mit sich beinahe ins Formlose auflösenden Gestalten, Gegenständen, Landschaften.

Das Berliner Kupferstichkabinett hat seine diesbezüglichen Schätze ausgepackt – 100 von insgesamt 6000 Papierarbeiten, die den weltweit größten Menzel-Bestand bilden. Das Kuratoren-Trio mit Anna Päfflin und den Berliner Menzel-Kennern Werner Busch und Claude Keisch hat die farbigen Blätter in zehn Kapitel eingeordnet und mit fundierten Wandtexten versehen. Da gleiten unsere Blicke von experimentellen Studien etwa der Menzel’schen Künstlerhand über Gewänder, Papageien und umgestürzte Bäume bis zur durchkomponierten Landschaft. Man möchte sie, um jedes Detail genau zu sehen, fast mit der Nasenspitze berühren, die Stoffe der Damenkleider, die Uniformen der preußischen Soldaten, ebenso die konstruierten wie dekonstruierten Räume und all die bisweilen kuriosen Porträts von großen und kleinen Leuten der Menzel-Zeit.

Diese Schau befasst sich mit Menzels Bildsprache zwischen Gemälde und Zeichnung. Der fein melancholische Grundton wird hierbei mehrmals vom Schalkhaften unterbrochen, das die „Kleine Eminenz“ (Menzel war nur 1,40 Meter groß), dieser aus der Froschperspektive schauende feingeistige Beobachter einer eher derben Wirklichkeit, oft selbstironisch aufblitzen lässt. Gerade hier entdeckt man eine große Wahlverwandtschaft dieses preußischen Meisters aus dem Zeitalter der Aufklärung zu dem Menschenbeobachter fast zwei Epochen zuvor: Menzel betrachtete die Welt offenbar wie seinerzeit Rembrandt, dem nichts Menschliches fremd war. Er hatte den Niederländer, dessen Licht auf dunklem Grund und dessen conditio humana, in den 1840er-Jahren tagelang im Kupferstichkabinett, damals im Schloss Monbijou, studiert.

Etwas ganz Besonderes ist da die Mischtechnik „Ein tanzender Maler (Selbstbildnis)“. Menzel versetzte sich in die Rolle des die Genickstarre und die Erlahmung der Arme abschüttelnden Hofmalers Antoine Pesne, als Kronprinz Friedrich diesen auf dem Gerüst für ein Deckenfresko besuchte. Bissig verweist Menzel hier auf die kräftezehrende Körperleistung jener Maler, die die herrschaftliche Ungeduld ihrer Auftraggeber ertragen mussten. Das war einst schon Michelangelo unter Papst Julius in der Sixtinischen Kapelle nicht anders ergangen. Und dann stehen wir auch vor dem „Schlittschuhläufer“, 2018 für das Kupferstichkabinett aus Privatbesitz ersteigert. Dieser Zugewinn dient als eigentlicher Anlass der Schau, hinzukommen weitere Menzel-Neuerwerbungen, die seit dem Krieg als verschollen galten, so die „Dame im Coupé“ und der „Herr im Coupé“, beide von 1859.

Menzels Papier-Gemälde, meist spontan nach direkter Anschauung entstanden, erzählen von den radikalen Umbrüchen seiner Zeit, der industriellen Revolution. Alles veränderte sich. Damals, als er das weltberühmte „Eisenwalzwerk“ (Alte Nationalgalerie) malte, begann, was heute mit der dramatischen Ausbeutung der fossilen Ressourcen der Erde, der Ackerflächen, Wälder, Meere, und Gewässer, was mit der Zerstörung der Natur einen Kulminationspunkt erreicht hat.

Gerade den Papierarbeiten können wir entnehmen, dass Menzel die industrielle Zukunftseuphorie zwar gebannt ins Bildhafte umsetzte, selber aber kaum teilte. Eher liest man Skepsis, auch Erschrecken aus Blättern wie „Dompteur“ , wo ein Löwen- und Leopardenbändiger sich die wilden Tiere brutal untertan macht. Und auch Motive wie „Brennendes Haus“ und „Rauchender Schornstein“, wo er mit schmutzbrauner Tusche die Umweltverschmutzung auf ein Blatt Papier pinselte, belegen Menzels kritische Zeitzeugenschaft.

Kupferstichkabinett,Berlin: bis 19. Januar, Katalog (Imhof) 29,95 Euro.

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