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Mervyn Rubuntja, „Bush medicine in Jay Creek, NT“.

Ausstellung

Aborigine-Kunst: Als das Feuer ein Werkzeug war

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Eine Berliner Ausstellung mit Aborigine-Kunst gewinnt durch die Buschfeuer Aktualität.

Es gibt auch gutes Feuer in Australien. Cool Burns nennen sie es. Das kühle Feuer glimmt im Unterholz, jahrtausendelang haben die Aborigines es absichtlich gelegt, um die Natur zu Erneuerung anzuregen, um größeren Feuern den Zündstoff zu nehmen. Das Feuer war ein Werkzeug, wie die Hacke oder der Spaten. Es verhalf dem Land zu Leben, statt es zu vernichten, es heilte statt zu zerstören. Mit Flusssand, Rindentinte, Acrylfarben hat die indigene australische Künstlerin Treahna Hamm Frauen vom Stamm der Yorta Yorta gemalt, die nach einem solchen Feuer Buschnahrung und Buschmedizin sammeln. Aufrecht stehen sie am Ufer des Dhungalaflusses, den die Hände der Ahnen zu halten scheinen.

Kittey Ngyalgarri Malarvie, „Luga“.

Das Bild ist Teil der Ausstellung „The Art of Healing – Australische Indigene Buschmedizin“, die derzeit im Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen ist, eine Übernahme von der Universität von Melbourne. Durch die Buschfeuer in Australien hat sie unerwartete Aktualität gewonnen. Sie zeigt, was in Australien außer Menschen, unzähligen Tieren und auch Behausungen gerade noch verbrennt: Es ist die Kulturlandschaft der Aborigines, die sich als Teil dieser Landschaft und des Landes verstehen, nicht als seine Herren. Es ist eine Kultur, die nur noch in Rudimenten besteht. Bruce Chatwin hat die auf tragische Weise Entwurzelten in seinem Buch „Traumpfade“ beschrieben.

Die Bilder der Ausstellung sind Kunstwerke und dienen zugleich der Bewahrung und Tradierung von Wissen. Vor allem repräsentieren sie die tiefe Kenntnis der Pflanzenwelt dieser First Nations People, wie sich die Aborigines selbst immer häufiger bezeichnen, ihre innige Beziehung zur Natur. Diese Beziehung umfasse Vorstellungen der Vereinigung von Mensch und Land, die schwer nachzuvollziehen seien, schreibt die australische Wissenschaftlerin Marcia Langton im Ausstellungskatalog. Aber die tiefe Kluft zwischen der westlichen und der indigenen Perspektive spürt man in der Ausstellung selbst.

Rosie Ngwarraye Ross, „Bush flowers and bush medicine plants“.

Die farbenfrohen Bilder aus Australien hängen mitten im Präparatesaal. Die kranken Organe, die hier zu sehen sind, offenbaren einen westlich-wissenschaftlichen Blick auf den Organismus, während die Bilder von Gräsern und Früchten auf eine Heilerkultur verweisen, die nicht nur viel älter ist, sondern auch ganz anders. Die Mediziner der Charité teilten den Menschen auf in seine Einzelteile, in Leber, Niere, Gehirn und Knochen, sie drangen in ihn ein. Für die First Nations People ist alles eins. Kaum ein Bild macht dies deutlicher als „Snake Vine Dreaming“ von Judy Napangardi Watson. Das Schlangenkraut, gemalt auf leuchtend gelbem Grund, ist ein heiliges und heilendes Gewächs. Es kommt in Zeremonien zum Einsatz, dient als Heilmittel bei Kopfschmerzen, und es ist die Pflanze selbst, die einen Anteil an der Entstehung des Landstrichs hat.

Vor einigen Tagen hat Lorena Allams im australischen „Guardian“ einen eindrucksvollen Text über die Zerstörung der Kulturlandschaft der First Nations People geschrieben. Sie ist Redakteurin für die Angelegenheiten der Ureinwohner bei der Zeitung und gehört zum Stamm der Gaamilaray und Yawaarlay, Stämme, die im Norden von New South Wales leben, dort, wo die Buschfeuer am heftigsten wüten.

Medizinhistorisches Museum der Charité, Berlin: bis 2. Februar. www.bmm-charite.de

Sie schreibt über einen Haufen von Austernschalen, Stein- und Knochenwerkzeugen, Speerspitzen und Fischgräten. Es ist der größte derartige Hügel in der Murramang Aboriginal Aerea, einem auch bei Touristen beliebten Nationalpark, der zur Zeit wegen der Feuer nicht betreten werden darf. Der Hügel ist 12 000 Jahre alt, ein Abfallhaufen, der in seinen Schichten Geschichte und Geschichten bewahrt. Er liegt in einer Senke fast direkt am Meer. Geschützt vom Wind, kann man von hier aus den Himmel sehen, die Brandung hören. Ihr Vater habe davon geträumt, dort eines Nachts zu sitzen, ein Feuer anzuzünden und zu warten, wer aus den Schatten treten würde, um ihm Gesellschaft zu leisten, schreibt Lorena Allan. Das Feuer wird diesen Haufen zerstört haben.

Sie schreibt: „Es ist ein besonderer Schmerz, für immer etwas zu verlieren, das einen mit einem Ort in der Landschaft verbindet. Unsere Vorfahren haben diesen Schmerz gefühlt, unsere Ältesten und wir fühlen ihn wieder und wieder, während wir zusehen, wie die Misshandlung und Vernachlässigung unseres Landes und unseres Wassers über Generationen hinweg und die störrische Dummheit der kohlebesessenen Leugner des Klimawandels alles und alle in Asche verwandeln.“

Was man ihren Worten entnehmen kann: Die Kulturlandschaft der First Nations People ist Teil ihrer Identität. Indem sie verbrennt, verbrennt das, was sie ausmacht.

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