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Abbild der erschütterten Seele

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Von: Martin Dahms

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Es wurde zur Ikone: Picassos "Guernica".
Es wurde zur Ikone: Picassos "Guernica". © Imago

Vor 80 Jahren bombardierte die Legion Condor das Städtchen Gernika. Picasso machte sich sein eigenes Bild.

Am 28. Februar 1974, da war Picasso schon seit fast einem Jahr tot, näherte sich ein junger Künstler iranischer Herkunft, Tony Shafrazi, Picassos Monumentalgemälde „Guernica“, das damals im New Yorker Museum of Modern Art hing, und besprühte es in roten Lettern mit den Worten „Kill lies all“ – Tötet alle Lügen (grammatikalisch nicht ganz korrekt). Eine Reporterin fragte Shafrazi nach seiner Festnahme, warum er ausgerechnet „Guernica“ für seine Aktion gewählt habe. „Weil es ein großartiges Bild ist“, antwortete er mit ernstem Gesicht.

Shafrazi hatte ein Gemälde, das er liebte, das aber schon damals Gefahr lief, zur Ikone zu erstarren, lebendig gemacht. Viele Jahre nach seinem Angriff erklärte er in einem Interview: „Ich hatte das Gefühl, dass ,Guernica‘, wenn es sprechen könnte, schreien würde.“ Shafrazi ließ es schreien. In diesem Fall gegen den Vietnam-Krieg, gegen das Massaker von My Lai, dessen Hauptverantwortlicher, Leutnant William Calley, gerade von US-Präsident Nixon begnadigt worden war. „Guernica“ überstand die Attacke. Es war ein paar Jahre zuvor bei einer Restaurierung durch das MoMA mit einem Schutzfirnis überzogen worden, von dem die rote Farbe recht leicht zu entfernen war, auch wenn Partikel davon, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind, Teil des Gemäldes geworden sind.

In „Guernica“ steckt das Grauen des Krieges. Als Pablo Picasso den Auftrag für das Gemälde erhielt, herrschte Krieg in seiner spanischen Heimat. Im Juli 1936 hatten rechte Militärs einen Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung versucht, der sich durch den Widerstand von Republikanern, Kommunisten und Anarchisten zum Bürgerkrieg ausweitete. Picasso verfolgte den Krieg aus der Ferne, in Paris, wo er seit langem lebte und wo ihn Gesandte der Regierung im Januar 1937 baten, ein großformatiges Gemälde für den spanischen Pavillon der Weltausstellung zu malen, die Ende Mai in Paris beginnen sollte. Picasso wusste über Monate nicht, wie er den Auftrag zu erfüllen vermochte. Im April zeichnete er erste Entwürfe, die er wieder verwarf. Dann erfuhr er von der Bombardierung Gernikas.

Gernika ist eine kleine baskische Stadt, in der seit dem späten Mittelalter die Juntas de Bizkaia tagten, Ratsversammlungen der wichtigsten Herren jener Gegend im Norden Spaniens. Ein Ort, der den baskischen Nationalisten heilig ist, und den sich die aufständischen Militärs gerade deshalb für ein brutales Experiment aussuchten: die Auslöschung einer Stadt. Flieger der verbündeten deutschen Legion Condor, unterstützt von Italienern, warfen am 26. April 1937 Tausende Spreng-, Splitter- und Brandbomben über Gernika ab, sie zerstörten vier Fünftel des Ortes und töteten Hunderte Einwohner und Flüchtlinge. Kriegskorrespondenten machten den Angriff in den folgenden Tagen im Ausland bekannt. Picasso hatte sein Thema gefunden. Am 1. Mai begann er zu malen.

In Picassos „Guernica“ (das ist die spanische Schreibweise Gernikas) steckt der Krieg, aber Picasso malte nicht den Krieg. Vielleicht interessierte er sich für diesen konkreten, den Spanischen Bürgerkrieg weniger, als man denken möchte: Eine frühere Einladung der republikanischen Regierung zum Spanienbesuch hatte er abgelehnt. Picasso schaute nach innen. Und dort fand er Bilder, die ihn schon lange beschäftigten. Eine Radierung von ihm aus dem Jahr 1935, „Minotauromachie“, enthält etliche Elemente, die er in „Guernica“ wieder aufnahm: einen gewaltigen Stierkopf, ein Pferd in verrenkter Haltung, ein Mädchen mit einem Licht in der Hand, eine Taube, Frauen, die zum Fenster hinausblicken. „Guernica“ ist kein Abbild des zerstörten Gernika. Es ist das Abbild einer erschütterten Seele. „In der Kunst geht es nicht darum, uns die Details der Zerstörung unter die Nase zu reiben“, sagt der Picasso-Experte Timothy James Clark. „Kunst ist der Versuch, einer bestimmten Erfahrung eine Form zu geben, die für uns erträglich ist.“

Nach der Ausstellung im spanischen Pavillon in Paris reiste „Guernica“ um die Welt, rund 50 Mal wurde es eingerollt und wieder hervorgeholt, bis es im MoMA in New York einen festen Platz fand. 1981, sechs Jahre nach Ende der Franco-Diktatur, kam es nach Spanien, so wie es Picassos Wunsch gewesen war. Erst hing es in einem Nebengebäude des Prado, hinter Panzerglas, um Anschläge wie den Shafrazis oder schlimmere zu verhüten, seit 1992 schließlich im Reina Sofía, Spaniens Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst in Madrid. „Guernica“ ist zum Sinnbild für den Widersinn des Krieges geworden, gerade weil sich Picasso dem Krieg aus seinem Inneren genähert hatte. 14 Jahre nach „Guernica“ malte Picasso ein neues Kriegsbild, das Massaker in Korea: Inspiriert von Goyas Erschießungsszenen aus dem 19. Jahrhundert glaubte Picasso als Mitglied der Kommunistischen Partei Propaganda machen zu müssen. Das Bild ist vergessen. „Guernica“ schreit noch immer.

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