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150 Jahre „Impression, Sonnenaufgang“ von Claude Monet –Eine Welt aus Licht und Dunst

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Von: Arno Widmann

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Das sei doch purer Impressionismus, hieß es über Claude Monets Bild „Impression, soleil levant“ (hier in der Nationalgalerie in Canberra). Die Beschimpften fühlten sich verstanden.
Das sei doch purer Impressionismus, hieß es über Claude Monets Bild „Impression, soleil levant“ (hier in der Nationalgalerie in Canberra). Die Beschimpften fühlten sich verstanden. © imago images / Xinhua

Vor 150 Jahren malte Claude Monet ein Bild, dem er den Namen „Impression“ gab. Es war die Geburtsstunde des Impressionismus.

Frankfurt – Das Gemälde, das Sie auf dieser Seite sehen, entstand vor 150 Jahren. Gemalt hatte es Claude Monet (1840–1926). Es gehört zu den berühmtesten Werken der europäischen Kunstgeschichte. Aus einem Zufall heraus. Monet schrieb in einem Brief: „Ich hatte ein Bild eingeschickt, das ich in La Havre von meinem Hotelzimmer aus gemachte hatte – Sonne im Nebel, ein paar Schiffsmasten im Vordergrund. Ich sollte einen Titel für den Katalog angeben; aber ich konnte es ja nicht wirklich ‚Ansicht von Le Havre‘ nennen, also sagte ich: ‚Nennen Sie es Impression.‘” Zwei Jahre später wurde es zusammen mit Werken von unter anderem Auguste Renoir, Paul Cézanne, Edgar Degas in einer Ausstellung gezeigt, die vor allem Werke vorstellte, die vom „Salon“ abgelehnt worden waren.

Monets „Impression“ erregte besondere Aufmerksamkeit. Es sei nichts darauf zu erkennen, was sei das für eine Malerei, die nicht in der Lage sei, ihre Gegenstände zu erfassen? Das sei doch purer Impressionismus. Ein Schimpfwort war geboren. Der Kritiker Louis Leroy betitelte seinen Versuch einer vernichtenden Kritik mit „L’Exposition des impressionnistes“.

Die Beschimpften lachten, fühlten sich verstanden und übernahmen den Impressionismus als Ehrentitel. Sie nannten spätere gemeinsame Ausstellungen „Expositions des impressionnistes“. Heute lernen wir in den Schulen, was Impressionismus ist. Monet war damals schon kein Unbekannter mehr. 1866 hatte er im „Salon“ „Die Dame im grünen Kleid“, ein Ganzkörperporträt seiner späteren Ehefrau Camille. Zola war begeistert. „Hier zeigt sich ein Temperament, mit dem wir rechnen müssen, hier ist ein richtiger Mann unter lauter Eunuchen.“

„Impression, Sonnenaufgang“ von Claude Monet: Impressionismus als Ehrentitel

Zola prägte für Monet und seine Freunde den Begriff „Les Actualistes“. Eine heute weitgehend vergessene Bezeichnung. Geblieben ist „Impressionisten“. Ein Beispiel dafür, dass Hass und Verachtung etwas manchmal besser erkennen als Freundschaft es tut.

Wenn Sie das Bild genauer anschauen, werden Sie eine Hafenanlage entdecken, ein Stück Moderne in einer Welt, die nur aus Dunst und Licht zu bestehen scheint. Das meinte Zola, als er den Impressionisten „Aktualität“ attestierte. Monet malte auch dampfende Lokomotiven. Zola freute sich an den Gegenständen und an der Malkunst mit der sein Freund sie darstellte. Louis Leroy dagegen sah nur, dass er nichts sah. Ein damals eine kurze Weile vorherrschender Eindruck. Bald aber trat der Impressionismus seinen Siegeszug an.

Sein weltweiter Erfolg hatte genau damit zu. Dass wir die Welt nur durch unsere Sinnesorgane wahrnehmen, dass wir nichts sagen über das, was da draußen ist, es sei denn, wir haben es gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt, war eine der Botschaften radikaler Aufklärung. „Sensualismus“ war das Zauberwort. Monet führte vor, was geschah, wenn man sich ganz den momentanen Eindrücken überließ, wenn man seine ganze Anstrengung darauf verwandte, sie fest zu halten.

Impressionismus von Claude Monet: Kunst, die nicht mehr Regeln und Vorschriften gehorchte

Der Begriff „Impression“ war durch Zufall in die Welt gekommen. Er wurde Programm. Das Programm einer Kunst, die nicht mehr Regeln und Vorschriften gehorchte, sondern sich ganz den Eindrücken überließ.

Nur auf diesem Weg glaubten Monet und seine Freunde, die Welt verstehen zu können. Seinem ehemaligen Kunstlehrer hatte Monet erklärt: „Ich kann nur malen, was ich sehe.“ Er erinnerte damit an den Satz, den Courbet den Kritikern seines „Naturalismus“ entgegen geschleudert hatte: „Zeigt mir einen Engel und ich werde ihn malen.“ Courbet und Monet waren viel zusammen. In Paris oder auch im Urlaub in der Normandie.

Es gibt keinen einzigen Aufsatz von Monet, in dem er seine Ansichten über Kunst, Wissenschaft oder Politik darlegt. Der amerikanische Geisteswissenschaftler Michael J. Call war darum in seiner Studie lesenswerten Studie „Claude Monet, Free Thinker – Radical Republicanism, Darwin’s Science, and the Evolution of Impressionist Aesthetics“ ganz darauf angewiesen, Briefe und Zeugnisse von Freunden zu durchsuchen. Akribisch analysiert er den Freundeskreis Monets, um deutlich zu machen, mit wem er Umgang pflegte, wessen Gedanken und Auffassungen er wahrscheinlich teilte. So zitiert er einen Freund Monets. Der erzählt, wie Cézanne 1894 Monet in Givenchy besuchte und sich unter dessen Freunden als gläubiger Katholik extrem unwohl in der Gesellschaft dieser Bande liberaler Atheisten fühlte.

„Impression, Sonnenaufgang“ von Claude Monet: Monet blieb aufrechter Republikaner

Während Degas und Renoir im Laufe ihres Lebens weiter abrückten vom Republikanismus ihrer Jugend, hielt Monet stets daran fest. Wie auch sein engster Freund der Politiker Georges Clemenceau (1841–1929). Als die beiden geboren wurden, hatte Frankreich 35 Millionen Einwohner. 250.000 waren wahlberechtigt. Das änderte sich mit der Revolution von 1848. Von da an galt Prinzip: ein Mann, eine Stimme.

Aber eben nur Männer. Als Napoleon III. die Republik niederputschte, blieben Monet und Clemenceau aufrechte Republikaner. „Impression, Sonnenaufgang“ entstand kurz nach der Niederlage Frankreichs, nach dem Ende des Zweiten Kaiserreichs, nach der Niederschlagung der Pariser Commune. Ich habe nichts finden können, das eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen diesen Ereignissen und Monets „Impression“ herstellt. Das sagt auch etwas über die Reichweite bestimmter Herangehensweise und über die Notwendigkeiten von Vermittlungsschritten. Zu denen immer auch die zählen, die die Dinge voneinander trennen.

Der mir vorliegende Monetsche Werkkatalog „Delphi Classics: Monet“ zeigt 34 Gemälde allein für 1872. Der Mann war offenbar sehr beschäftigt. Landschaften und Industriegelände, Schiffe, blühende Bäume. zwei Stillleben, sein Sohn und immer wieder Camille. Ein besserer Kenner, ein klügerer Mensch wird vielleicht Verbindungen zeigen können, an die ich fest glaube, die ich aber nicht erkennen kann.

Der Impressionismus ist eine Kunst, der der Glaube abhanden gekommen war. Nicht nur der Glaube, den sie von Zuhause mitbekommen hatten, sondern der an die Wirklichkeit selbst. Nein, das ist übertrieben. Die Dinge gehen unter in Licht und Dunst, sie gehen aber auch daraus hervor.

Impressionismus von Claude Monet: Das Licht ist das große Thema des Impressionismus

Es ist eine Frage des Gesichtspunktes. Die Kritik sah nur den Untergang der gegenständlichen Welt. Nicht ihren Aufstieg. Das Licht erst lässt uns sie erkennen. Aber das Licht kann uns blenden, und wir sehen nichts mehr. Das Licht ist das große Thema des Impressionismus. Er ist die Antwort auf die Fotografie. Deren Technik war damals nicht in der Lage mit dem Impressionismus zu konkurrieren. Der Stolz der Fotografie war, dass sie konnte, was die Kritiker der Impressionisten von der Kunst erwarteten: Sie zeigte die Gegenstände wie sie waren. Aber sie konnte sie nicht zeigen, wie sie sichtbar wurden, geboren aus Licht und Dunst. Aber die Frage, wie die Welt, wie Pflanzen, Tiere und Menschen zu dem geworden waren, was sie heute sind, war seit Darwin eines der zentralen Themen.

Noch einmal Monet. 1890 schreibt er: „Jetzt arbeite ich so langsam. Es ist entmutigend. Aber je weiter ich komme, desto deutlicher sehe ich, dass ich sehr intensiv arbeiten muss, um auszudrücken, wonach ich suche: den Augenblick. Vor allem aber auch den Umschlag, das sich überall hin ausbreitende Licht. Mehr als jemals stoßen mich heute Dinge, die sich leicht und schon beim ersten Versuch einstellen, ab. Ich bin immer mehr besessen von der Notwendigkeit, das auszudrücken, das ich erfahre.“

Monet hat sicher Dutzende Sonnenauf- und Sonnenuntergänge gemalt. Der Kreislauf des Lebens ist eingebettet in den des Lichts und seiner fernen Herkunft. Monet weiß sich eins mit etwas, das er nicht kennt, das seine Augen ihm zeigen, ohne dass er es benennen könnte. „Envelope“ (Umschlag) ist ein sehr eigenes Wort dafür. (Arno Widmann)

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