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Fidel in Wiesbaden 1924, im Mittelpunkt: Jawlensky. Foto: Alexej-von-Jawlensky-Archiv S.A. Locarno
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Fidel in Wiesbaden 1924, im Mittelpunkt: Jawlensky.

Ausstellung „Alles!“

100 Jahre Alexej von Jawlensky in Wiesbaden – „Geld wie Heu!“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Vor genau hundert Jahren fand Alexej von Jawlensky eine späte Heimat in Wiesbaden – eine zutiefst aufmerksame Ausstellung erzählt von einer fast stabilen gegenseitigen Liebe.

Wiesbaden nahm Alexej von Jawlensky für sich ein, weil er auf keiner Station einer Bildertour 1920/21 mehr Werke verkaufte. Vorangegangene Ausstellungsorte waren immerhin etwa Berlin und Hamburg, München, Hannover und Frankfurt gewesen. Aus Wiesbaden aber konnte seine Agentin Galka Scheyer vermelden, zwanzig Bilder seien verkauft („2 noch in Unterhandlung“), es sei völlig anders als in Frankfurt, „alle Leute (haben) einen Jawlenskyfimmel“. Dazu noch: „Geld wie Heu!“

Im Juni vor hundert Jahren kam Jawlensky, Mitte 50, erstmals am Wiesbadener Hauptbahnhof an – ja, damals konnten Eisenbahnen dort noch halten (bitte entschuldigen Sie die grobe Anspielung auf gegenwärtige Engpässe) –, die Stadt war schön, das Klima „weich“, es gab eine russisch-orthodoxe Gemeinde. Ein Jahr später, 1922, nahm sich der Künstler eine eigene große Wohnung und heiratete nach der endgültigen Trennung von Marianne von Werefkin seine Geliebte Helene Nesnakomoff, mit der er seit 1902 einen Sohn hatte. Es ging für Jawlensky alles sehr gut, er schloss Freundschaften, der bekannte Wiesbadener Sammler Heinrich Kirchhoff, der schon bei der Verkaufsausstellung mit fünf Ankäufen dabei war, sorgte wie seine Frau Tony für Unterstützung.

1930 allerdings, eine erste Irritation, wurde Jawlensky erst nach Interventionen von Paul Klee und Wassily Kandinsky für eine Ausstellung namens „30 deutsche Künstler“ berücksichtigt. Anders als Klee und Kandinsky hatte Jawlensky keinen deutschen Pass, anders als bisher spielte das offenbar jetzt eine Rolle. Er stellte einen entsprechenden Antrag, der 1934 zur Aushändigung der „Einbürgerungsurkunde“ führte.

Eine ironische Langsamkeit der bürokratischen Mühle, denn nun stand Jawlensky bereits an der Schwelle zur Diffamierung als „entarteter Künstler“. Auch der Jawlensky-Bestand, der sich inzwischen im Museum gesammelt hatte, wurde 1937 beschlagnahmt, vier Jahre vor dem Tod des inzwischen schwerkranken und bald nicht mehr arbeitsfähigen Malers.

Einzig eine Mappe „Köpfe“ mit Druckgrafiken übersehen die Schergen. Sie war das einzige, was sich 1945 noch im Bestand fand, bis von 1948 an nach und nach, nein, durchaus entschlossen wieder Jawlenskys für Wiesbaden angekauft wurden – die weltweit bedeutendste Jawlensky-Sammlung entstand, vorangetrieben durch engagierte Museumsdirektoren, immer wieder unterstützt von der Familie. Mit der Vorkriegssammlung hatte das nichts mehr zu tun, Versuche, diese zu rekonstruieren, scheiterten offenbar und auch zurückgegebene Werke ließen sich nicht mehr eindeutig zuordnen – die Ähnlichkeit der Titel spielt dabei eine Rolle, der „Masken“ und der „Meditationen“ als wichtigen Serien der Wiesbadener Zeit.

100 Jahre Kandinsky in Wiesbaden: „Alles!“ heißt die Ausstellung, die Roman Zieglgänsberger, Kustos der Klassischen Moderne, im Museum Wiesbaden erarbeitet hat. Das klingt etwas einfach – auch muss man bedenken, dass sich im Museum Wiesbaden zwar nicht alles!, aber doch sehr, sehr vieles ohnehin ständig um Jawlensky dreht –, die Idee dazu ist dann jedoch bestechend und auch bestechend ausgeführt. Sämtliche Jawlensky-Werke im Besitz des Hauses sind diesmal strikt nach dem Zeitpunkt der Erwerbung gehängt. 111 Bilder und Grafiken ziehen sich auf mattrosafarbenen Wänden durch 16 Räume – „auch wir selbst“, sagt Zieglgänsberger, „haben das noch nie vor Augen gehabt“.

Dazwischen, daneben, gegenüber auf weißem Grund und in Vitrinen werden sie anekdotenreich kommentiert, ergänzt, kontrastiert, eingebettet. Bilderrückseiten sind zu sehen und geben Werkstatteinblicke auch in die restauratorisch absolut nicht puristische Spaltung des Bildträgers, bei der eine bemalte Rückseite als eigenständiges Werk gewonnen wird. So geschehen mit „Nikita“ 1966, „aus eins mach zwei“, sagt Zieglgänsberger, heute gehe das selbstverständlich nicht mehr.

Zur Sache

Die Ausstellung „Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden“ ist bis zum 27. März im Museum Wiesbaden zu sehen. Der von Kurator Roman Zieglgänsberger herausgegebene, Katalog (Hirmer, 432 Seiten) kostet im Museum 39,80 Euro. museum-wiesbaden.de

Der „Jawlensky Pfad“ gibt mithilfe eines Stadtplans und einer Internetseite (www.jawlenskypfad.de) Gelegenheit, 27 Stationen abzulaufen, die im zwanzigjährigen Leben des Künstlers in Wiesbaden eine Rolle gespielt haben. Beachten Sie auch die ausgezeichneten Jawlensky-Pralinen.

Gleichzeitigkeiten fallen ins Auge, dazu Parallelen, die Jawlenskys Anschlussfähigkeit an den Impressionismus und an die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg aufzeigen. Ausgesuchte Beispiele lassen nebenbei über die Wiesbadener Kunstsammlung staunen, als wäre man trotz der vertrauten Jawlensky-Knüller an einem fernen, interessanten Ort.

Ein Stück Sammlungsgeschichte: Man sieht, wie kontinuierlich und auch in Schüben angekauft wurde. Gerade in den ersten Jahren sind zahlreiche zentrale Werke dabei. „Nikita“ kostete 1948 noch 800 DM, „Dame mit Fächer“ acht Jahre später bereits 8000. Den Direktoren – Clemens Weiler in der langen, wichtigen Phase bis 1972 – kann man in die Köpfe schauen. Im „Nikita“-Jahr erwarb Weiler auch einen Adolf Erbslöh, der bis in die rosa Hautfarbe hinein Nikita-inspiriert ist. Oder: Nachdem er 1958 einem Galeristen im Zuge eines Bildertauschs die „Große Variation: Großer Weg – Abend“ für ein „attraktiveres“ Bild abgeschwatzt hatte, kaufte er eine ähnlich ansehnliche Landschaft, offenkundig, um die zuvor in Kauf genommene Lücke zu schließen.

1973 zog sich der Erwerb des heute jedem Wiesbadener Kinde vertrauten farbmassigen Selbstbildnisses hin. Inzwischen wurden noch ganz andere Summen aufgerufen, die Leserbriefseite im „Kurier“ lief heiß. „Man sollte doch heute realer denken als an die Anschaffung eines Gemäldes in Höhe von 380 000 DM.“ Das erdet einen wieder in den Siebzigern und in der Landeshauptstadt.

Inzwischen, erklärt Zieglgänsberger, seien gut gepflegte Beziehungen nur mehr „die einzige Waffe der Museen gegen den gefräßigen Kunstmarkt“. Sie führten etwa dazu, dass „Helene im spanischen Kostüm“ 2014 als Schenkung ans Museum kam.

Anders verhielt es sich mit der Unruhe um das „Stillleben mit grüner Flasche“, seit 1982 im Haus – als Werk Alexej von Jawlenskys, das aber nun der Sohn Andreas, selbst Maler und ehemaliges Wunderkind, für sich reklamierte. Zur Entstehungszeit um 1911 war er etwa neun Jahre alt. Die damalige Wiesbadener Affäre – Kinderbild? Echter Jawlensky? Hatte man sich reinlegen lassen? – führte dazu, dass das Bild 1987 im Depot verschwand: Man konnte es sich mit dem Sohn nicht dauerhaft verderben, die Sache aber auch nicht aufklären. Jetzt ist es erstmals wieder zu sehen, „Andreas und Alexej Jawlensky“ steht salomonisch auf dem Schild. Zu 95 Prozent wohl vom Sohn ausgeführt, vom Vater aber ganz und gar angeleitet, lautet heute die besänftigende Formel.

Es klingt wie eine glückliche Fügung, dass 100 Jahre mit 111 Werken gefeiert werden können. Tatsächlich, erzählt Zieglgänsberger, musste das ein wenig forciert werden. 108 Bilder waren es, als die Vorbereitungen begannen und mit ihnen eine kleine Erwerbungsoffensive. Die jüngste Neuerwerbung, Nr. 111, ist das melancholische Spätwerk „Stillleben mit Blumenvase“ von 1937: datiert auf November, im Januar folgten dann die letzten Zeichnungen vor Lähmung und Bettlägrigkeit.

Gepflegte Beziehungen: Im Zuge der am Donnerstagabend eröffneten Schau konnten Zieglgänsberger und Direktor Andreas Henning ankündigen, dass das Museum in den nächsten vier Jahren nach und nach das Jawlensky-Archiv im schweizerischen Muralto geschenkt bekommen wird, geleitet dort von Enkeltochter Angelica Jawlensky Bianconi. Es gibt weitere Schenkungen, darunter 40 Briefen Jawlenskys an Hanna Bekker vom Rath – eine der wichtigsten Freundinnen und Unterstützerinnen in den Wiesbadener Jahren. Das nun geplante „Forschungsarchiv Alexej von Jawlensky“ wird das Museum ernsthaft zum weltweiten Mittelpunkt der Jawlensky-Forschung machen.

Zur Ausstellung ist ein enormer Katalog erschienen, der erste Bestandskatalog seit 1997. Die Hängung nach den Erwerbungsdaten aber kann man sich nur jetzt vor Ort anschauen, an dem auch Archivarbeit raffiniert und modern lebendig wird.

Das Bronzedromedar von Philipp Harth steht so, dass es einen Geburtstagsbrief Jawlenskys an den Bildhauer mitlesen kann. Ein ganz reizender, herzlicher Brief, in dem Jawlensky erklärt: „Das Kamel ist mein Liebling“. Auch wenn es nicht jedem leicht fallen wird, in Wiesbaden die von Henning und Zieglgänsberger wachgerufene „Stadt der Avantgarde“ zu entdecken, so ist es umgekehrt nicht so erstaunlich, dass Jawlensky in Wiesbaden geliebt wird, und das wird er.

Spätwerk, soeben erworben: „Stillleben mit Blumenvase“, 1937.

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