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Die Kunst des Schenkens

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Von: Ingeborg Ruthe

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Wie aus einem Schatzkästlein zog Jörg Thiede Bilder hervor.
Wie aus einem Schatzkästlein zog Jörg Thiede Bilder hervor. © Amin Akhtar/Berlinische Galerie

Berlins Museen haben eine Glückssträhne. Viele private Sammler und Mäzene bedenken die etatarmen Häuser mit ihren Kunstwerken. Darunter auch Egidio Marzona. Er möchte, dasss das Lebenswerk seines Vaters zusammenbleiben soll.

Anderthalb Sekunden braucht er für die Unterschrift. Dann lächelt Egidio Marzona etwas scheu in die Runde, holt tief Luft. Endlich. Die Aufregung legt sich. Soeben hat er mit der Signatur unter der Schenkungsurkunde den Staatlichen Museen zu Berlin einen Schatz vermacht. Und damit gehalten, was seit 2002, als er schon einmal so spendabel gewesen ist, versprochen war.

Vor zwölf Jahren hatte der Kunstsammler Egidio Marzona der Nationalgalerie, dem Kupferstichkabinett und der Kunstbibliothek ein riesiges Konvolut überlassen. Kunststile der 1960er-/1970er-Jahre wie Arte Povera (Arme Kunst), Concept Art und Minimal Art zählen dazu. Auf Auktionen werden Millionen für solche Objekte gezahlt. Aber der Kunstmarkt lässt Marzona kalt.

Er will nicht verkaufen; er möchte für seine geliebte Sammlung nichts Geringeres als ein museales Umfeld. Das ist der Lohn für Jahrzehnte obsessiven Sammelns, auf Auktionen, in Galerien, Ateliers. Nun also, mit der Unterschrift, kommen weitere 372 Werke der 60er-, 70er-Jahre-Kunst für die Staatlichen Museen dazu.

„Zunächst kaufte ich, was mir gefiel“

Marzona, Deutsch-Italiener, ist einer der wichtigsten Sammler zeitgenössischer Kunst, jener Stilrichtungen, die die westliche Kultur seit den 60er-Jahren prägten. Der 70-jährige Wahlberliner aus Bielefeld, Erbe einer Baufabrikantenfamilie, hat diese besondere Kollektion seit 1968 aufgebaut.

„Zunächst kaufte ich, was mir gefiel“, erzählt er. Mit Vorliebe die sinnliche italienische Arte Povera. „Und ich suchte nach Zusammenhängen, nach Erklärungen, nach Vorfahren für die spröde Kunst der Reduktion, die mir so imponiert.“ „Eine Kunst, die manchmal fast nur noch im Kopf stattfindet.“

Kunst-Mäzene – der Begriff kommt aus der Blütezeit des römischen Imperiums, und Maecenas war der kunststiftende Freund des kunstliebenden Kaisers Augustus – haben wohl einen ganz eigenen Ehrenkodex. Wenn sie sich entschieden haben, ihren in Jahren zusammengetragenen Besitz tatsächlich zu verschenken, damit dieser erstens in museale Obhut kommt und zweitens in eine möglichst große Öffentlichkeit rückt, dann bringen sie meist schier endlose Geduld auf.

Geduld, die für Berlins Kunststifter sprichwörtlich ist, heißen sie nun James Simon, Konsul Wagner, Heinz Berggruen, Mick Flick, Erich Marx, Heiner und Ulla Pietzsch – oder eben Egidio Marzona. Sie nehmen ihr Wort unter keinen Umständen zurück, selbst dann nicht, wenn es Hürden, Zweifel geben sollte. Berlins Museen, kurzgehalten mit mageren Ankaufsetats, haben mit treuen Mäzenen Glück. Und das bei der dauerbeklagten Platznot in den Häusern der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Also, wer hier schenkt, stellt selten Bedingungen. Sei es, sogleich ein eigenes Museum zu bekommen oder die Garantie, dass die Sammlung auf Dauer zu sehen ist.

Es gelang Marzona, die wichtigen Kunstströmungen der Nachkriegszeit zu vereinen – und dazu ein selten komplexes Archiv von etwa 40 000 Briefen, Fotografien, Entwürfen, Zeitschriften und Katalogen. „All das erzählt jüngere Kunstgeschichte“, sagt der Sammler. Tatsächlich steht seine Kollektion in selten kompletter Weise für Stile, für Kunst-Kämpfe, Traditionsbrüche, Avantgarde-Strömungen, die allesamt ihre Zeit, deren gesellschaftliche, politische Hintergründe erklären.

Das Lebenswerk des Vaters soll zusammenbleiben

Genau das sei es, was ihn an all den Bildern, Objekten, Dokumenten so sehr interessiere, betont er. All dies hat er der Berliner Öffentlichkeit und den jeweiligen Fachleuten aus Kunstwissenschaft und Forschung überlassen. „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem Entscheidungen gefällt werden müssten“, meint er. „Ich bin froh, dass ich meine Verantwortung der Kunst gegenüber heute abschließen kann.“

Er musste den generösen Entschluss gegenüber der Familie vertreten. Tochter und Sohn, potenzielle Erben der millionenschweren Sammlung, ließen sich überzeugen. Das Lebenswerk des Vaters soll zusammenbleiben – nicht zuletzt für spätere Generationen – und an einem dafür geeigneten Ort, einem Haus für das 20. Jahrhundert. „Ich will die Mosaiksteinchen der späten Avantgarde zusammenfügen, hier in Berlin“ – das Schlusswort des Mäzens Marzona.

Und dann, nur einen Tag später, geht das große Geben und Nehmen in den Museen der Hauptstadt weiter. Der Berliner Sammler Jörg Thiede, 73, Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmer und Gründer einer gemeinnützigen Stiftung sorgt dafür, dass die Berlinische Galerie ein Konvolut von Kunst vor und nach 1900, aus der wichtigen Zeit der Berliner Secession, erhält.

Nie hätte das schmale Budget des Landesmuseums einen solchen Ankauf zugelassen. Der Schenkende meint dazu launig, dafür seien Stifter schließlich da. Und in diesem Haus bekämen seine vielen impressionistischen Bilder, was sie brauchen, statt der Dunkelheit der Depots, die andere Museen, etwa die unter Platznot leidende Stiftung Preußischer Kulturbesitz, angeboten hätten: Licht, Licht, Licht!

73 Gemälde und Zeichnungen von den Berliner Malern Max Liebermann, Adolph von Menzel, Walter Leistikow, Lesser Ury, Karl Hagemeiter, Franz Skarbina, Carl Saltzmann, Siegward Sprotte und anderen, die vor und nach 1900 die Kunstszene der Stadt prägten, wanderten aus Thiedes Kunstsalon in der Villa am Wannsee in die Berlinische Galerie.

„Jeder Tag ist ein guter Tag. Und heute ist ein besonders guter Tag“, sagt Thiede, ehe er die im Geldwert gar nicht bezifferbare Schenkung überschreibt. Dann öffnet er seinen alten ramponierten Holzkoffer und zieht, wie aus einem Schatzkästlein, Fotos hervor; er erzählt dazu, mit humorigen Anekdoten gewürzt, die Geschichten seines Sammlerlebens.

Die frühe Phase der Berliner Secession

Etwa die aufregende, aufwendige Suche nach dem „Birkenwäldchen im Frühling“ Karl Hagemeisters von 1892, wenige Jahre später auch die nach dem gleichen Motiv von 1893, aber im Herbst. Und als ihm ein alter Freund erzählte, dass Hagemeister die Birken auch noch im Winter gemalt habe, da spürte Thiede auch diesem Motiv nach. Zumindest ein altes Schwarz-Weiß-Foto trieb er auf. Das ließ er auf das gleiche Format wie die beiden Birkenwäldchen-Motive aufziehen. Nun hängt es, als Bild vom Bild, zwischen den beiden Originalen.

Und weil Thiede offensichtlich Überraschungen mag, wickelt er gleich darauf ein weiteres Bild aus einem Tuch: Liebermanns letzte Zeichnung seiner Frau Martha im Sessel, 1932. Aufgekratzt gibt Thiede auch dieses Kleinod seiner Bildergabe obenauf. Großmut und Freude, dazu die Dankbarkeit der Beschenkten, werden in diesem Moment wie zu einem vierblättrigen Kleeblatt.

Bei alledem macht der Schenkende so gar nicht den Eindruck, als trenne er sich mit Schwermut von dem, was er gesammelt, dessen Geschichten er erforscht hat. Wer danach fragt, bohrt einen Quell an. Was daraus sprudelt, ist spannende Berliner Kunstgeschichte – im Clinch mit der Kaiserzeit.

Der Sammler nämlich spezialisierte sich vor allem auf die frühe Phase der Berliner Secession, auf deren Vorboten – die „Vereinigung der XI“ von 1992. Diese Malergruppe um Liebermann, Leistikow und Skarbina grenzte sich bei ihrer Gründung 1892 mutig ab gegen die bornierte Kunstsicht des Kaisers. Sie lehnte sich auf gegen dessen historisierenden Geschmack, den Hass auf gesellschaftskritische Realisten wie französisch angehauchte Impressionisten.

Für Wilhelm II. war das „Rinnsteinkunst“, vom Erbfeind infiziert. Jörg Thiede hat, seit er sammelt, nie ein Bild weiterverkauft. Seine Beständigkeit schließt nun Lücken im Bestand der Berlinischen Galerie. Schenken, sagt der Sammler, mache Arbeit. Aber Schenken sei so schön!

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