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Kunst im Luxus-Hotel

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Cindy Sherman: "Untitled #475" (r.) und "Untitled #464" im Brenners Parkhotel in Baden-Baden.
Cindy Sherman: "Untitled #475" (r.) und "Untitled #464" im Brenners Parkhotel in Baden-Baden. © dpa

Die Ausstellung „Room Service“ in Baden-Baden setzt sich mit Künstlern im Hotel und dem Hotel in der Kunst auseinander. Neben der Staatlichen Kunsthalle werden auch einige Hotels in der Kurstadt bespielt.

Von Daniel Kortschak

Das Brenners Parkhotel in Baden-Baden ist eines der nobelsten Hotels in Deutschland: Das Personal am Empfang trägt Frack, die Teppiche in der Lobby sind zentimeterdick.

Gediegener Luxus, der seinen Preis hat: Eine Übernachtung in dem direkt am Kurpark gelegenen Traditionshaus schlägt mit mindestens 230 Euro zu Buche und für eine der exklusiven Suiten wird sogar ein vierstelliger Übernachtungspreis fällig. Dafür bekommt der Gast Komfort geboten, wie man ihn in der höchsten Hotelkategorie erwartet: geräumige Zimmer, edel ausgestattete Badezimmer, Balkon oder Terrasse mit Blick auf den Kurpark.

Doch ein Zimmer im Brenners Parkhotel fällt aus der Reihe: Öffnet man die Tür zu Nummer 127, steht man plötzlich in einem komplett weißen Raum. Keine Vorhänge, kein Schrank, der Boden aus kaltem, weiß gestrichenen Beton, von der Decke baumelt eine lose Glühbirne an einem krummen Kabel. Was für ein Kontrast zu dem in warmen Beige- und Rottönen gehaltenen Flur mit seinen vergoldeten Accessoires.

Nur einige wenige typische Möbel verraten, dass man sehr wohl in einem Hotelzimmer und nicht etwa in einer Abstellkammer gelandet ist. Immerhin, der Gast hat die Möglichkeit, das Zimmer nach seinen eigenen Wünschen zu gestalten: Bucht man eine Übernachtung in Zimmer 127, bekommt man zunächst einen Katalog vorgelegt, der Möbel, Vorhänge, Vasen, Lampen und Fernseher sowie verschiedene Betten zur Auswahl bietet. Das Zimmer wird dann ganz nach Wunsch des Gastes eingerichtet.

Und auch der Zimmerpreis ist variabel: 100 Euro beträgt der Mindestpreis. Wie viel er tatsächlich bezahlt, entscheidet der Gast erst nach der Übernachtung. Er soll, so die Idee des Künstlers Christian Jankowski, der das Zimmer für die Ausstellung „Room Service“ gestaltet hat, dabei auch den ideellen Wert der ungewöhnlichen Übernachtung berücksichtigen: „Der Kleine Entscheidungsraum“, so der Titel der Installation, soll nach dem Willen von Jankowski dazu dienen, eine wichtige, ganz persönliche Entscheidung zu treffen.

Alle Zimmerkonfigurationen und den dafür bezahlten Preis präsentiert der Künstler in einer laufend aktualisierten Fotodokumentation im Kaminzimmer der Brenners Parkhotel. Dort stößt der Besucher zwischen den üblichen Ausstattungsgegenständen eines Nobelhotels auch auf weitere Kunstwerke: Zwei große Fotografien von Cindy Sherman kontrastieren mit dem pseudo-antiken Mobiliar und den goldenen Lüstern.

Sherman spielt dabei bewusst mit der protzigen Umgebung: Ihre überlebensgroßen Selbstporträts hat sie in antike Goldrahmen gesetzt und sie selbst ist mit mehreren Schichten Makeup, edlem Schmuck und teurer Kleidung ebenfalls passend gestylt. Ganz so, als würde sie den unmissverständlichen Hinweis auf der Speisekarte des hoteleigenen Gourmetrestaurants respektieren, man möge bitte nur in Abendkleidung zu Tisch erscheinen. 

Eine Stunde Luxus pur 

Kein Zweifel, im Brenners Parkhotel herrscht Luxus pur. Der Künstler Naneci Yurdagül macht ihn dennoch allen Besuchern zugänglich: Für 23,99 Euro kann man es sich von 25. bis 30. März in einem der Zimmer des Brenners Parkhotel eine Stunde lang gemütlich machen und alle Serviceleistungen in Anspruch nehmen. Wer sich danach über seine Erfahrungen austauschen will, der findet den Künstler jeden Abend an der Hotelbar.

In der Hotelgarage wiederum stoßen erstaunte Hotelgäste und Kunstinteressierte mitten zwischen den geparkten Luxuskarossen auf eine Videoarbeit von Markus Schinwald: Der Film „Dictio pii“, der sich in geheimnisvoller Weise mit der Hotelumgebung auseinandersetzt, wird einfach an die weiß gestrichene Betonwand geworfen, eine schlichte Holzbank lädt zum Verweilen ein.

Das Brenners Parkhotel ist allerdings nicht der einzige Ausstellungsort der diesjährigen „Großen Baden-Württembergischen Landesausstellung“. Für „Room Service“ bespielt das Team der Kunsthalle Baden-Baden unter der Leitung von Johan Holten mehrere Hotels in der Kurstadt, die die Besucher auf einem Parcours erkunden können.

Wenige Schritte vom Brenners entfernt lädt zum Beispiel das kleine, villenartige Luxushotel „Belle Epoque“ zum Besuch: Fragt man am Empfang nach der Kunst, wird man diskret in die erste Etage geschickt, wo Jenny Brillharts in schlichten Grautönen und blassen Farben gehaltene Gemälde zwischen allerlei antikem Nippes ein wenig wie Fremdkörper wirken und gerade dadurch sofort die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Erklimmt man die verwinkelte Treppe in den zweiten Stock, erwartet einen ein gemütliches Dachzimmer, wo Andy Warhols berühmte Filmarbeit aus dem Chelsea Hotel über zwei Bildschirme flimmert. Bei der Betrachtung des Kultwerkes kann man es sich in einem der weichen Sessel oder sogar auf dem Bett bequem machen und die Kunst so weitgehend ungestört genießen - sofern man sich von den etwas irritierten Blicken der eben angekommenen Familie aus dem Nachbarzimmer nicht ablenken lässt. 

Akustische Entdeckungsreise 

Im Hotel Europäischer Hof bittet die Hamburger Künstlergruppe Ligna zu einer akustischen Entdeckungsreise durch das altehrwürdige, inzwischen ziemlich in die Jahre gekommene Haus: Mit einem iPod ausgestattet wird der Besucher auf einen höchst abwechslungsreichen und amüsanten Parcours durch das Hotel geschickt.

Dabei stößt man auch gleich auf weitere im ganzen Haus verteilte Kunstwerke und Installationen: Etwa eine Neuauflage der berühmten Hotelzimmerausstellung von Hans-Ulrich Obrist, die er 1993 im Pariser Carlton Palace kuratiert hatte: In einem auf den ersten Blick gewöhnlichen Zimmer lassen sich nach und nach verschiedene künstlerische Interventionen entdecken - auf dem Bett, im Kleiderschrank, neben dem Fernseher.

Selbst im Fitnessraum im Souterrain des Europäischen Hofes versteckt sich ein Kunstobjekt: Der israelische Künstler Guy Ben-Ner hat zwischen den üblichen Fitnessgeräten ein selbst konstruiertes Ergometer aufgestellt, mit dem man ein Video zum Laufen bringt, das den Künstler und seine Kinder bei ihrer interaktiven Auseinandersetzung mit dem Werk von Marcel Duchamp und weiteren Readymades zeigt.

Wer auf dem Hotelparcours ein wenig Entspannung nötig hat, der kann in der Bar des Atlantic Parkhotel in einem der bequemen Sessel Platz nehmen, einen Drink bestellen und in der Filmlounge berühmte Streifen, die am Schauplatz spielen, betrachten oder in der Bibliothek in Büchern zum Thema schmökern. Die verwunderte bis empörte Anteilnahme der übrigen Hotelgäste, die in der Bar dicke Zigarren paffen und den Umfang ihrer Brieftasche mehr oder weniger demonstrativ zur Schau stellen, ist einem dabei gewiss.

Anschließend empfiehlt sich ein kleiner Rundgang durch die Flure und das Treppenhaus des Atlantic Parkhotel, wo zwischen Landschaftsgemälden von eher zweifelhaftem künstlerischem Wert Bilder von Fischli/Weiss, Andreas Gursky, Gabriel Orozco und weiteren Künstlern zu sehen sind, die zur Sammlung des Hotels Castell in Zuoz gehören und nun für die Dauer der Ausstellung in Baden-Baden „Urlaub machen“, wie die Kuratoren im Begleittext erläutern. Zum Abschluss der Tour durch das Atlantic werden die Besucher dann ermuntert, an die Tür von Zimmer 125 zu klopfen, wo sie eine überraschende Begegnung erwartet. 

200 Jahre Hotel in der Kunsthalle 

Beginnen sollte man den Rundgang durch die Baden-Badener Hotels auf jeden Fall in der Kunsthalle. Dort spannt die Hauptausstellung zu „Room Service - Vom Hotel in der Kunst und Künstlern im Hotel“ einen Bogen über zwei Jahrhunderte künstlerischer Auseinandersatzung mit dem Thema Hotel. Den Anfang machen dabei Joseph Mallord William Turners Werke, die illustrieren, wie der Künstler durch die ersten großen Hotels reiste - zu einem Zeitpunkt, als sich diese neue Form der Unterkunft gerade erst zu etablieren begann, wie Kunsthallen-Direktor Johan Holten im Deutschlandradio erläuterte:

„Einerseits gehörte das Hotel ja dann plötzlich zu einer Infrastruktur der Reise, und weil Künstler immer gerne reisten, war es auch sehr natürlich, dass die eben diese Hotels aufsuchten und dort wohnten.“ Die sei aber nur der technische Aspekt des Reisens von Ort zu Ort, des Wohnens auf Zeit. „Dann gibt es natürlich aber auch die Sehnsüchte und die Projektionsflächen, die in diesem neuen sozialen Typus des Wohnens aufkommen. Was passiert eigentlich im Zimmer nebenan? Wer ist die Dame, die gerade den Flur runtergelaufen ist (...)?“ Diese Fragen hätten auch Künstler immer fasziniert, so Holten.

Ein Beispiel für diese Auseinadersetzung mit dem sozialen Mikrokosmos Hotel liefert Sophie Calle. Die Künstlerin dokumentiert in Text und Bild, wie sie sich 1981 als Zimmermädchen in einem Hotel in Venedig verdingte, um in den persönlichen Gegenständen der Gäste herumwühlen zu können.

Martin Kippenberger wiederum trug Briefpapier aus Luxusherbergen auf der ganzen Welt zusammen, um darauf seine Skizzen anzufertigen. Auch die wahrscheinlich erste Fotografie eines Hotels, angefertigt von William Henry Fox Talbot, darf in der ebenso abwechslungsreichen wie informativen Schau nicht fehlen. Die Auswahl dieses Werks liegt nahe, denn schließlich habe auch Baden-Baden dereinst Hotelgeschichte geschrieben, erklärte Kurator Holten im Deutschlandradio: „Der Badische Hof von 1805 war eines dieser großen, ersten Grand-Hotels von Europa.“

Neben einem kostenlosen Audioguide, der leider ein wenig zu didaktisch-bemüht geraten ist und den kunstinteressierten Besucher mit plumpen rhetorischen Fragen à la „Wann haben Sie zuletzt eine Postkarte geschrieben?“ nervt, gibt es in der Kunsthalle auch einen Plan mit Erläuterungen zum Hotelparcours sowie weitere Informationen zu den zahlreichen Begleitveranstaltungen, die während der gesamten Ausstellungsdauer stattfinden. Besonders dicht ist das Rahmenprogramm während der ersten zehn Tage von „Room Service“, anschließend werden von einigen Performances nur mehr Dokumentationen zu sehen sein.

„Room Service“ ist ein anschaulicher Beweis dafür, dass auch eine „Große Baden-Württembergische Landesausstellung“ eine spannende Auseinandersetzung mit dem im historischen Kontext wie in der Gegenwart hochinteressanten sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Phänomen Hotel ermöglichen kann, die die Geschichte des Ausstellungsortes auf raffinierte und intelligente Art und Weise mit einbezieht. Dass die Ausstellung bewusst in den halböffentlichen bis privaten Bereich von Luxushotels vordringt und dabei auch die Konfrontation mit den meist betuchten Gästen, die unbewusst selbst Teil der Schau werden, nicht scheut, verleiht „Room Service“ einen besonderen Reiz und zeugt gleichzeitig vom Mut der Ausstellungsmacher und Veranstalter.

Durch das „Kleine Nachdenkzimmer“ von Christian Jankowski, Naneci Yurdagüls stundenweise Vermietung eines Luxuszimmers im Brenners Parkhotel sowie zwei von Gabriela Oberkofler und Lee Kit extra für „Room Service“ gestaltete und bespielte Zimmer im Hotel Rathausglöckel bekommt schließlich auch der Ausstellungsbesucher die Möglichkeit, Teil der Schau zu werden und sich in der begleitenden Dokumentation zu verewigen. Not to be missed!

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