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Kunst in Kisten

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Von: Harry Nutt

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Kommando Kunstraub.
Kommando Kunstraub. © dpa

Das Jüdische Museum Berlin zeigt eine Ausstellung über Kulturraub aus jüdischem Besitz. Von Harry Nutt

Oberbürgermeister Krebs sorgte sich um das kulturelle Ansehen seiner Stadt. Man dürfe nicht zulassen, dass die Frankfurter Kunstschätze ausgeplündert werden. "Das verträgt sich nicht mit dem Ansehen Frankfurts als Kulturstadt." Gegenstand seiner kommunalen Bemühungen war die Kunstsammlung der Familie Weinberg aus der Villa Waldfried. Er befürchtete, dass die Kunstschätze an das Reich abgetreten werden müssten.

Carl von Weinberg war Teilhaber und kaufmännischer Leiter der Casella Farbwerke, die später in der IG Farbenindustrie aufging. Die Weinbergs gehörten zu den angesehensten Frankfurter Familien. Als Kunstsammler und Mäzen hatte von Weinberg in Frankfurt-Niederrad die Villa Waldfried erbauen lassen, die eine Sammlung von über 700 Kunstwerken, Gemälde, Möbel, Textilien und Plastiken, umfasste. Nach der Machtübernahme der Nazis drängte man Carl von Weinberg aus dem Beruf, schloss ihn aus mäzenatischen Tätigkeiten aus und zwang ihn zum Verkauf seiner Güter. Wenigstens gelang ihm die Flucht ins Exil. Die Frankfurter Kulturverwaltung kaufte die Sammlung und war sich des erbeuteten Schnäppchens bewusst. "Der Wert dieser Kunstsammlung", befand ein Stadtrat, "stellt ein Vielfaches von dem dar, was wir bezahlen."

Die Geschichte der Sammlung Weinberg aus der Villa Waldfried ist eine von 15 Einzelfallschilderungen, die jetzt in einer Ausstellung des Jüdischen Museums in Berlin unter dem Titel "Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute" zu sehen ist. Jede ist dramatisch, die meisten tragisch. Wie viele Schicksale von Enteignung und Vertreibung durch die Nazis man auch studiert haben mag, so erschüttert das kühl berechnende Vorgehen der rücksichtslosen Profiteure in jedem einzelnen Fall immer wieder aufs Neue.

In dieser Ausstellung sind es keine Berge von Zahngold oder Alltagsutensilien, die die Demut des Betrachters verlangen. Das Ausstellungsdesign ist bewusst nüchtern. Ein schlendernder Rundgang fällt schwer. Man muss sich durch einen Parcours einfacher, aber stabiler Kisten schlängeln, die den Kunstraub nicht zuletzt als logistisches Großunternehmen kenntlich machen. Selten ist hektisch zusammengerafft worden, fast immer wurde sorgfältig geplant, Listen und Verzeichnisse wurden angelegt, Kaufverträge ausgestellt. Die Nazis gaben ihre Raubzüge als ordentliche Geschäfte aus, was die juristischen Fragen der Rückgabe von Raubkunst bis heute erschwert.

Die Ausstellung zeigt den organisatorischen Rahmen auf, innerhalb dessen sich die brutale Bereicherung vollzog. Eine Schlüsselrolle spielte dabei der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, der allein in Frankreich mehr 20 000 Kunstwerke an sich brachte. Doch es waren keineswegs nur die einschlägigen Nazi-Organisationen am Werk. Die Ausstellung nennt Namen und zeichnet Lebenswege auf von einer großen Zahl von Museumsleitern und Kunstexperten, die sich in den Dienst der Ausplünderung jüdischen Besitzes stellten. Das Eingangsbeispiel aus Frankfurt zeigt, dass dabei ein ganz eigenes Arbeitsethos und Konkurrenzdenken entstand.

Und das endete nicht mit dem Dritten Reich. Nach dem Krieg war man sich in Museen und Sammlungen nicht immer, aber sehr oft dessen bewusst, welche Eigentumsgeschichte Kunstwerke ungewisser Herkunft hatten.

Am eindringlichsten ist wohl die eines Portraits, das Lovis Corinth von Walther Silberstein, einem jüdischen Schneider zum Preis eines Anzugs gemalt hatte. Auf undurchsichtigen Wegen war es in den Besitz des Berliner Bauunternehmers Doebbeke gelangt, der es dem Niedersächsischen Landesmuseum überließ. In einem Brief an den Museumsleiter sorgte sich Doebbeke insbesondere um das "Judenbild", "weil da ja immer noch die Rückerstattungsgefahr besteht. Ich glaube, diese Gefahr hört in einem Jahr auf. Aber bis dahin wollen wir die Sachen lieber in der Kiste lassen."

Hinsichtlich der zeitlichen Prognose irrte Doebbeke gewaltig. Fragen der Kunstrestitution sind heute dringlicher denn je. Die Ausstellung veranschaulicht mit Nachdruck, dass jeder einzelne Fall moralischer Wahrhaftigkeit und wissenschaftlicher Genauigkeit bedarf.

Berlin, Jüdisches Museum: bis zum 25. Januar 2009. Der Katalog ist im Wallstein Verlag erschienen und kostet 24,90 Euro.

www.jmberlin.de.

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