„Ob und wie der Mensch überhaupt beteiligt ist, wenn Texte oder Bilder unter Zuhilfenahme von Technik erzeugt werden, ist eine beliebte Frage.“
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„Ob und wie der Mensch überhaupt beteiligt ist, wenn Texte oder Bilder unter Zuhilfenahme von Technik erzeugt werden, ist eine beliebte Frage.“

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Von wem ist die Kunst?

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Ob und wie ist der Mensch überhaupt beteiligt, wenn Texte oder Bilder mit Hilfe von Technik entstehen?

Bei einer Veranstaltung über die Zukunft des Übersetzens zeigte ich kürzlich einen selbstgebauten Twitterbot vor. Er twittert automatisch ins Deutsche übersetzte Sätze aus einem englischen Buch in zufälliger Reihenfolge. Manche dieser Sätze sind sehr schön, aber mein Verdienst ist das nicht. Vermutlich deshalb stellte jemand aus dem Publikum die Frage, was denn daran die kreative Leistung sei. „Gar nichts“, sagte ich spontan. Dann merkte ich, dass das nicht stimmte: „Nein, nur fast gar nichts. Erstens muss man erkennen, dass da etwas Interessantes ist. Zweitens muss man sich überlegen, wie man das Gefundene so rahmen kann, dass auch andere Leute es erkennen.“ Beim Fotografieren geschieht dasselbe, und auch hier war anfangs umstritten, ob es sich beim bloßen Erkennen und Festhalten um einen künstlerischen Vorgang handelt oder nicht. Hergestellt wird die Schönheit auf dem Foto ja von der Natur und nicht von der fotografierenden Person, oder zumindest ist es naheliegend und nicht offensichtlich falsch, so zu argumentieren. „Drittens“, sagte ich noch, „muss man sich diese Arbeit dann auch machen. Ausdenken allein genügt nicht.“

Ob und wie der Mensch überhaupt beteiligt ist, wenn Texte oder Bilder unter Zuhilfenahme von Technik erzeugt werden, ist eine beliebte Frage. Es gibt sie in zwei Varianten, hier ist es die Version: „Kann Kunst sein, was so wenig Arbeit macht?“ Die zweite Version ist keine Frage, sondern eine Aussage: „Ein Algorithmus hat ganz allein dieses Werk erzeugt, ohne menschliche Beteiligung. Das ist die Zukunft, und irgendwer wird demnächst arbeitslos werden.“ Variante 2 ist beliebter als Variante 1, wenn die verwendete Technik ganz neu ist.

Man kann über diese Fragen auch ohne Technikanlass nachdenken. Amalie Markota Andersen, eine norwegische Studentin, erhielt bei Twitter und Tumblr viel Aufmerksamkeit für die Bilder, die ihre Ratte Darius gemalt hatte. Einige Bilder des mittlerweile verstorbenen Tieres fanden Käufer. In den Artikeln über Darius tauchen die gleichen Formulierungen auf wie in Berichten über generierte Kunst: Andersen habe Darius „beigebracht“, Bilder zu malen, der Künstler und Urheber sei die Ratte. Das ist einfach die interessantere Geschichte, auch wenn Andersen bestreitet, die Ratte trainiert zu haben. Sie befestigte das Papier – etwa von der Größe einer halben Postkarte – auf einem größeren Blatt, tauchte Darius‘ Pfoten in ungiftige Wasserfarben und ließ ihn etwa zehn Minuten auf dem Bild herumlaufen, „so lange, bis es nach was aussieht“.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Die gleichen Fragen sind im Zusammenhang mit algorithmisch erzeugter Kunst hilfreich: Wer kommt auf die Idee, eine Ratte Bilder malen zu lassen, und warum gerade auf diese Art? Welche Farben wählt man? Wann sieht das Bild interessant genug aus? Welche Ergebnisse wirft man weg, ohne sie jemandem zu zeigen? Wie präsentiert man die Ergebnisse so, dass andere bereit sind, sie als Kunst zu deuten? Auf manchen Fotos ist Darius mit einer winzigen Staffelei zu sehen, obwohl sie bei der Herstellung der Bilder keine Rolle spielt.

Ein anderer Fall: Professor Hubert J. Farnsworth, das exzentrische Genie aus der Serie „Futurama“, ist der Erfinder des „Fing-Longer“, einer nützlichen Fingerverlängerung. Beziehungsweise ist er es gerade nicht. Er wünscht sich nur, den Fing-Longer erfunden zu haben. Dass diese Möglichkeit bestanden hätte, weiß er, weil er mit Hilfe seiner „What-If Machine“ einen Blick in eine alternative Gegenwart geworfen hat. Nur in diesem Paralleluniversum ist er der Erfinder des Fing-Longer. Allerdings gefällt ihm die Idee so gut, dass er den Fing-Longer schließlich auch in seiner eigenen Gegenwart erfindet. Im Fan-Wiki futurama.fandom.com wirft jemand die Frage auf, ob Farnsworth der rechtmäßige Erfinder des Fing-Longer ist. „Die erste Frage ist, inwieweit Inspiration durch Dritte den eigenen Status als Erfinder beeinträchtigt. Die zweite Frage ist, ob Inspiration durch eine andere Version der eigenen Person als Inspiration durch Dritte gelten muss (wahrscheinlich ja).“

Wenn ich einen Code schreibe, der Bilder, Texte oder Inspiration für Bilder und Texte produziert, arbeite ich ebenfalls mit einer anderen Version meiner selbst zusammen. Ob Ratte, zweites Ich oder dritte Person: Der Vorgang ist immer derselbe. Und wie bei jeder Zusammenarbeit neigt die Außenwelt dazu, das ganze Ergebnis demjenigen Teammitglied zuzuschreiben, das gerade am interessantesten wirkt. Das ist ein Fehler, und nicht immer ist er so harmlos wie in meinem Eingangsbeispiel. Wenn wir zu einem gerechten Umgang mit Teams aus Mensch und Code oder Mensch und Ratte finden wollen, brauchen wir zuerst einen gerechten Umgang mit Teams aus Menschen.

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