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Hafen der Vielfalt: Unter diesem Titel steht das Kulturprogramm von Rijeka für das „Hauptstadt“-Jahr.

Kulturhauptstadt 2020

Kulturhauptstadt Rijeka in Kroatien: Sexy, aber arm

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Wo Nationalismus keine Rolle spielt: Rijeka in Kroatien ist europäische Kulturhauptstadt 2020.

Schachbrettfahnen oder gar das golden umrahmte Bild, von dem der ewige Präsident der Republik Kroatien, Dr. Franjo Tudjman, verkniffen auf sein Volk herablächelt, sucht man im Kroatischen Kulturhaus vergeblich. Überhaupt ist hier auf den ersten Blick wenig Farbe. Dafür aber viel Platz. Kahle Wände aus angelaufenem Waschbeton, hier und da ein Bildschirm. Wenn man in der Medienkunst-Ausstellung richtig etwas sehen will, muss man sich schon ein Tablet nehmen und mit dem Cursor herumspielen oder eine Virtual-Reality-Brille aufsetzen.

Dann aber läuft man plötzlich durch eine wilde virtuelle Unterwasserwelt, in der sich lauter Hieronymus-Bosch-Wesen amöbenhaft zusammenziehen. Ein paar Meter weiter visualisiert ein Bildschirm den Feinstaub in Berliner Straßen. Gebäude verschwinden hinter tanzenden Lichtpunkten; die Konturen der Stadt lösen sich auf. Alles fließt.

Europäische Kulturhauptstadt: Rijeka in Kroatien

Die Kuratorin Ingeborg Fülepp, der Rijeka die Schau verdankt, ist nach einem Leben in Zagreb, Berlin und Massachusetts vor sieben Jahren hier ans Meer gezogen. Etliche Freunde aus der weiten Welt hat sie seitdem schon hergebracht. „Alle sind ganz begeistert“, sagt sie.

Wer Kunst mag, aber mit dem bildungsbürgerlichen Theaterpublikum fremdelt, ist in der Kulturhauptstadt des Jahres 2020 richtig. Nur einen Steinwurf von hier, unter den Betonarkaden an der viel befahrenen Strossmayerstraße sind vor ein paar Monaten aus dem Nichts Dutzende künstlerische und philosophische Graffiti erschienen. Wer Musik will, stößt auf legendäre Rockbands. Zu Ingeborg Fülepps liebsten Gästen in ihrer Science-Fiction-Ausstellung über den „Glowing Globe“, den glühenden Globus, gehört eine Roma-Familie. „Die Kinder sind wie verzaubert von Bildschirm zu Bildschirm gelaufen und konnten nicht genug kriegen.“

Kreuzfahrttouristen jedoch, sollten sie hier einmal anlegen, würden in Rijeka wohl nur aufs Klo gehen und, bevor sie wieder aufs Schiff steigen, vielleicht eine Ansichtskarte kaufen. Wenn sie eine fänden. Selber zu knipsen gibt es nicht viel, und je weitwinkliger das Objektiv, desto weniger. K.-u.-k.-Fassaden mischen sich mit lieblosen Kästen aus der späten Jugo-Moderne und theatralischen Palazzi, überstrahlt von zwei frühen „Wolkenkratzern“: Die Altstadt wirkt wie ein Puzzle, bei dem die Teilchen der Form nach zusammenpassen, aber kein Bild ergeben. Den Blick hinauf in die Berge verstellt ein Dutzend Appartementtürme aus den 1960er Jahren. Auf der Riva, dem Boulevard am Meer, donnern vierspurig die Autos. Über die großen hellen Steinplatten auf dem Corso, der hier Korzo geschrieben wird, trippeln keine High Heels. Am meisten schlendern hier Turnschuhe.

Rijeka ist die drittgrößte Stadt Kroatiens, rangiert im Bewusstsein der Nation aber weit hinten. Mit den Schwesterstädten an der oberen Adria, Venedig und Triest, kann es sich erst recht nicht messen. Einst ein wichtiges Industriezentrum im Großreich Österreich-Ungarn, zogen seine Fabriken noch in der Nachkriegszeit Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem ganzen damaligen Jugoslawien an. Ihre Nachfahren aber sind oft wieder weg. „Irgendwohin“, sagt Zoran Grozdanov, dessen Eltern aus Mazedonien und der serbischen Vojvodina gekommen sind: „Nach Italien, Deutschland, Amerika.“ Man habe hier „immer übers Meer geschaut, nach Westen“, erzählt der junge Theologieprofessor.

Kroatien: Europäische Kulturhauptstadt

Zum Land, besonders zu einem bestimmten, hat Rijeka, die Stadt am Meer, nie wirklich gehört. 

Zum Land, besonders zu einem bestimmten, hat Rijeka nie wirklich gehört. „Eigentlich ging es in der Geschichte der Stadt immer nur um Autonomie“, sagt die Historikerin Tea Perincic, die als Kustodin des „Küstenlandmuseums“ an dem Mauerblümchen immer neue Blüten entdeckt. Als das Habsburgerreich 1867 zur Doppelmonarchie wurde, wurde Rijeka zum Hafen der ungarischen Reichshälfte. In der Stadt lebten Italiener, Kroaten, Ungarn, Slowenen, Deutsche, auch Tschechen und Polen, ohne dass jemanden groß interessierte, wer nun wer war oder woher stammte. „Man wählte die Zugehörigkeit nach Neigung oder politischer Einstellung“, erzählt Perincic. Als Beispiel nennt sie einen prominenten Großbürger aus Böhmen, der seine Söhne Romolo und Remo nannte und seinen Nachnamen von Vnušek zu Venucci änderte.

Überallher, überallhin: Nationalität ist in Rijeka, ganz anders als sonst in Kroatien, kaum ein Thema. Die Italiener, vor dem Zweiten Weltkrieg nach Volkszählungen zwei Drittel der Bevölkerung, wurden größtenteils vertrieben oder zogen aus, als die Stadt zu Jugoslawien kam. Aber anders als in einst ebenfalls italienischen Städten Kroatiens, wie Pula oder Zadar, ist das Italienische hier ganz selbstverständlich präsent: in Straßennamen, in den Schautafeln zur Stadtgeschichte, die überall stehen, sogar in einer Tageszeitung, vier Grundschulen und einem Gymnasium.

Rijeka: die Stadt, die nirgends hin gehört

Auch Zoran Grozdanovs kleine Tochter geht auf eine italienische Schule. „Mit Identität hat das nichts zu tun“, sagt der Vater. Das „Multikulturelle“ in Rijeka, sagt der Theologe, sei anders als etwa in Bosnien keine „Kultur der Begegnung“ oder des interreligiösen Dialogs. „Würde man fragen, was genau hier italienischer, was serbischer, ungarischer oder slowenischer Einfluss ist, wüsste es niemand zu sagen.“ Es ist alles einfach Rijeka.

Im unabhängigen Kroatien wurde die nationale Indifferenz zum Affront. Die Nationalpartei HDZ, sonst fast überall in Kroatien in der Mehrheit, erreicht in Rijeka kaum zehn Prozent. Zur Strafe wurde das „serbische Rijeka“ von der Republik aus neu zugeschnitten: Reiche Teile der Gemeinde schlugen die Zagreber Machthaber Nachbarorten zu. Gerade einmal zwölf Kilometer von hier liegt das biedermeierlich herausgeputzte Opatija, Pilgerort für konservative Kaisertümler aus ganz Mitteleuropa.

Übrig blieb das rostende Zentrum. Zur linken Vorzeigestadt reichte es – trotz 75 Jahren ununterbrochener roter Stadtregierung – aber nicht. Denn Rijeka ist zwar sexy, aber eben auch arm. Vom Krieg der Neunzigerjahre blieb die Stadt zwar verschont. Aber nachher blieben Aufbaugelder und Investitionen aus dem Staatshaushalt aus. Zwar funktioniert hier alles einwandfrei: Busse fahren auf jeden Hügel, der Müll wird pünktlich geholt, der Autoverkehr fließt zivilisiert. Die Universität zieht Studenten aus dem ganzen Land an. Sie preisen die offene Atmosphäre. Im Stadtbild aber bleiben sie unsichtbar.

Dabei ginge aber viel mehr, meint Tea Perincic. Der geografischen Lage und der Schifffahrtslinien nach wäre es etwa für die Chinesen am einfachsten, ihre Waren für ganz Europa über den Hafen von Rijeka zu schicken. Sie tun es nicht, „weil wir blöd sind“, sagt die Historikerin. Die kroatischen Zollkontrollen sind so umständlich, dass die Chinesen lieber den langen Umweg über Hamburg nehmen. Als Alternative bietet sich der aufstrebende Hafen von Koper in Slowenien an. Rijeka hat keine Chance. Die Eisenbahnlinien nach Zagreb und Ljubljana sind auf dem Stand der 1870er Jahre.

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