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In Goldenen Tanzmomenten.

Maifestspiele

Küsse für den Tanzboden

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Ein leichtfüßiger, glücklich machender Abend von Johan Inger bei den Wiesbadener Maifestspielen.

Ziemlich am Anfang von „Bliss“, dem dritten Stück des Abends, gibt ein Tänzer dem Boden ein paar zarte schnelle Küsse. Nicht zeremoniell wie ein Papst, sondern in schierem Überschwang. Eine Zuneigung zum Bühnenboden scheint hier keineswegs fehl am Platz, peinlich ist sie schon gar nicht, denn in Johan Ingers Choreografien können Tänzerinnen und Tänzer kaum anders, als Liebe zum Tanz und zum Ort des Tanzes zu empfinden. So selbstverständlich strömt die Bewegung aus den Menschen, so organisch reiht sie sich. In „Bliss“ geht sie außerdem Hand in Hand mit einem Teil von Keith Jarretts großartigem „Köln Concert“: Bewegung und Musik mäandern gemeinsam, springen, schlagen Haken in perfekter Leichtfüßigkeit. Wer da nicht glücklich aus dem Theater geht, dem ist nicht zu helfen.

„Bliss“, Glück, ist Teil von „Golden Days“, zwei jeweils etwa halbstündige Choreografien, zwischen denen ein Solo steht, „Birdland“ zu Musik von Patti Smith, das ebenfalls ausdrücklich den Tanz als Sinn und Zweck des Tanzens zeigt. Eine Tänzerin im sexy Glitzer-Catsuit trotzt mit ihrer Präsenz und manchmal wie selbstvergessenem Tanz zwei Bühnenarbeitern, die die schwarzen Bodenstreifen gewissermaßen unter ihren Füßen aufrollen und wegräumen. Für ein, zwei Momente scheint sie die beiden aufhalten zu wollen, dann macht sie Platz und tanzt halt daneben und irgendwann am Rand weiter. Man muss sie zuletzt schon von der Bühne tragen, wenn man sie loswerden will. Ein schönes Bild für die Lust und Notwendigkeit, die eigene Kunst auszuüben.

„Golden Days“ gastierte jetzt bei den Wiesbadener Maifestspielen im Großen Haus des Staatstheaters. Die drei Choreografien des Schweden Johan Inger wurden dabei getanzt vom Aterballetto aus Reggio Emilia, das im nicht gerade für seinen Tanz bekannten Italien – die Förderung ist beschämend mickrig – eine Sonderstellung einnimmt. In Reggio Emilia hält sich seit Ende der 70er eine feine, ambitionierte Company, seit 2017 geleitet von Gigi Cristoforetti. Ein 15-köpfiges Ensemble gibt nun auch Ingers „Goldenen Tagen“ die notwendige Leichtigkeit, die wirken muss, als entstünde sie ganz von selbst.

Noch etwas erdverhaftet, melancholisch ist zu Beginn „Rain Dogs“: Kein Wunder, hat doch Inger dafür Songs von Tom Waits’ gleichnamigem Album ausgesucht. Waits klingt, als habe er extra noch einmal mit Nägeln gegurgelt, die Texte sind moritatenhaft dunkel. Dazu findet der schwedische Choreograf eine Bewegungssprache, die von Nuancen des Zwischenmenschlichen spricht wie auch den reinen Tanz feiert. Paare, Passanten. Und man könnte meinen, das Rein und Raus, die beständig wechselnden Konstellationen sind reiner Zufall. Aber gewiss hat Johan Inger auch das Gespür für Dramaturgie, sonst würde bei der Betrachterin nicht das Gefühl entstehen, dass alles so und nicht anders sein muss.

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