Will den Begriff „Heimat“ weiter links ansiedeln: Harald Krassnitzer.
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Will den Begriff „Heimat“ weiter links ansiedeln: Harald Krassnitzer.

Interview Krassnitzer

Das Krokodil kriegt am Ende aufs Maul

„Tatort“-Kommissar Harald Krassnitzer über Fernsehmärchen, Heimat und seine chinesische Stimme. Am Pfingstmontag ist Krassnitzer zum 30. Mal im Wiener Tatort zu sehen.

„Tatort“-Kommissar Harald Krassnitzer über Fernsehmärchen, Heimat und seine chinesische Stimme. Am Pfingstmontag ist Krassnitzer zum 30. Mal im Wiener Tatort zu sehen.

Herr Krassnitzer, Pfingsten läuft Ihr 30. „Tatort“. Bedeutet Ihnen das irgendwas?

Nein, Jubiläen haben für mich keine Aussagekraft. Mein Beruf besteht im Wesentlichen aus der Unmittelbarkeit seiner Inhalte, nicht aus der Formalität der Zählweise.

Gibt es trotzdem was zu feiern?

Für die ARD womöglich schon, das hat allerdings mit Marketing zu tun. Im Team war es eher so, dass plötzlich jemand beim Drehen sagte, hoppla, das ist ja unser 30. Wir haben das zur Kenntnis genommen, das war’s. Es gibt bessere Anlässe, sich zum Feiern zusammenzusetzen als den „Tatort“.

Ist der gewissermaßen Ihr Bindeglied zwischen der Schwere des Theaters und der Leichtigkeit Ihrer ZDF-Reihen wie „Winzerkönig“?

Vor allem ist es zwar eine Spielwiese, auf der es mir Spaß bereitet, Geschichten zu erzählen, die ich mitgestalten kann. Aber es stimmt schon – zwischen all den Sachen, die ich so mache, hat der „Tatort“ eine Art Bindegliedfunktion. Aber der „Winzerkönig“ ist definitiv auserzählt.

Haben Sie ihn eigentlich je auf Kantonesisch gesehen?

Leider nicht. Ich vermute aber, dass ich eine Piepsstimme habe. In Papua-Neuguinea hab ich mal den „Rex“-Ableger „Stockinger“ synchronisiert gesehen, das klang doch verstörend nach Micky Maus ganz stumpf erzählt, so schien es, ohne Betonung, ohne alles.

Was sehen Chinesen bei einer Serie wie dem „Winzerkönig“ – ein alpines Märchen ohne Anspruch auf Wahrheit oder eine Scheinrealität, die man dort für bare Münze nimmt?

Ich hoffe, dort reagiert man auf den „Winzerkönig“ wie wir hier auf Kung-Fu-Filme mit springenden Ninjas reagieren. Es verwundert uns, als sähen wir ein Märchen, das aber einen wahren Kern enthält.

"Mir macht Grenzgängerei tierisch Spaß"

Ist das eine völlig andere Welt als die härtere, urbane des „Tatort“?

Es ist vor allem eine Herausforderung zu sehen: Wie gehst du mit einem eher populären Stoff um, wie schaffst du es in einem leichteren Format, nicht immer nur archetypische Wertesysteme zu reproduzieren, sondern ihm Modernität einzuhauchen und ein Gefühl, das nicht abgestanden klingt.

Gefühl ist der Hochkultur schnell verdächtig.

Es ist eine der Schwächen des Feuilletons und zugleich seine Stärke, stets diese Einteilung in leicht und schwer vorzunehmen. Ich kann nicht erwarten, dass die FAZ den „Winzerkönig“ lobt, aber mir macht Grenzgängerei tierisch Spaß, und ich finde es wichtig, sie mit einer gewissen Ehrlichkeit zu praktizieren. Wie viel Realität steckt denn in fiktionalen Programmen? Nichts darin entspricht eins zu eins der echten Welt. Ich wage zu bezweifeln, dass in einer Welt voll hedonistischer Simulationen irgendwas zweifelsfrei realistisch ist. Echte und fiktive Welt vermischen sich immer mehr, Prominenz entsteht am PC, Politik auf Fluren, Gerüchte werden Gewissheiten, die Behauptung beansprucht Wirklichkeit. Die Realität wirft mir zu viele Fragen auf, um ihr vollends zu trauen.

Oberstleutnant Eisner und dem „Winzerkönig“ darf man trauen?

Tja, wissen wir, ob die der Realität nahe sind und falls ja, welcher? Tatsache ist: Ersterer spiegelt eine vermeintlich lösbare Welt wieder, letzterer eine vermeintlich heile, was ich in Anbetracht einer entgleisenden interessant finde. Wenn ich mir neue Folgen von „Kampfstern Galactica“ betrachte, wo die völlige Auflösung des Individuums in einem technischen Gesamtkörper stattfindet, mag das unserem Bedarf nach artifiziellem Entertainment nachkommen, aber ob es auch unsere Sehnsüchte nach Halt in einer entfesselten Evolution bedient, glaube ich nicht.

Den erfüllte der Heimatfilm in einer zerbombten Nachkriegsrealität.

Genau, rein ins Kino, durchatmen, das Gefühl kriegen, da draußen gibt’s noch was, wofür es sich lohnt, hier zu sein. Diesen Schutzraum bietet auch der „Winzerkönig“ mit seinen archetypischen Figuren: Die Guten, die Bösen, ganz klassisch, wie im Kasperletheater, wo das Krokodil am Ende eins aufs Maul kriegt.

Und alles wird gut.

Darauf hofft das Publikum auf der Suche nach kathartischen Effekten. Selbst wenn Menschen sterben, gibt es eine gewisse Verlässlichkeit des Happy Ends, nur über einen Spannungsbogen hinweg, der mich darauf warten lässt. So funktionieren Katastrophen- wie Heimatfilme. Und Sie werden den Themen der einzelnen Episoden sicher nicht jede Relevanz absprechen. Außerdem finde ich es wichtig, den Anspruch auf Heimat nicht den Reaktionären zu überlassen, sondern positiv zu besetzen. Was ist Authentizität, Verantwortungsbewusstsein, was ist eine Wertegesellschaft?

Na?

Meine Antwort ist so einfach wie bei Dieter Mohrs „Arschlochfreie Zone“ oder Freunden von mir, die im Burgenland in Österreich biodynamischen Wein anbauen und nebenbei ein Rockband betreiben: Es geht um Funktionalität, Sinnstiftung, Interaktion. Jede junge Ökokommune hilft, den Heimatbegriff weiter links als rechts zu besetzen, wenn man mit ihr nicht nur über Nachhaltigkeit und Politik reden, sondern auch mal ein Glas Wein trinken und sich Gedanken über den Abgang machen kann.

Sie meinen, auch mal jenseits aller Komplexität?

Schon, aber wir versteigen uns in ein intellektuelles Spielchen und es schmeichelt meiner Eitelkeit, dies tun zu dürfen. Denn machen wir uns nichts vor: Ich mache Familienfernsehen fürs Erste Programm, das einen bestimmten Sendeplatz zu füllen hat und das ist gut so und Teil des öffentlich-rechtlichen Sendeauftrags zu sagen: Wir liefern Stoff eines Wertesystems, in dem es am Ende gut ausgeht und der Täter gefasst wird. Und ich liefere ihn gerne.

Das Interview führte Jan Freitag.

Den Trailer zum neuen Tatort "Unvergessen" mit Harald Krassnitzer sehen Sie hier.

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