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Burkhard Spinnen in Klagenfurt.

Ingeborg-Bachmann-Preis

Kritiker haben die Macht übernommen

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In Klagenfurt findet bereits zum 40. Mal das Wettlesen statt. Zum Auftakt geht es jedoch weniger um die Literaten, vielmehr um die Kritiker. Und deren Kritiker.

Zur Eröffnung des 40. Klagenfurter Wettlesens ging es am Mittwochabend – nachdem der provinzielle Part mit Politikern und Sponsoren absolviert war, und dem Provinziellen lässt sich an dieser Stelle einmal nichts Apartes abgewinnen, selbst für einen Freund des Provinziellen – vornehmlich um Kritiker. Das interessiert Kritiker natürlich sehr. Sie schnitten dabei erwartungsgemäß auch nicht so besonders gut ab, obwohl es Kritiker waren, die darüber sprachen.

Der Juryvorsitzende Hubert Winkels stellte in den Raum, mit der Gruppe 47 sei es zu Ende gegangen, als Kritiker bei den Treffen die Macht übernommen hätten. Beim öffentlich ausdiskutierten Rennen um den Ingeborg-Bachmann-Preis, in der Tat inspiriert vom Vorgehen der Schriftsteller um Hans Werner Richter, seien es dann von vornherein die Kritiker gewesen, die einluden. Und den fatalen, aber auch spektakulären Ton anschlugen, der den Ruhm der Tage der deutschsprachigen Literatur begründete. Weit mehr, so Winkels, sei es in diesen frühen Jahren um die Kritiker gegangen als um die Autoren. Heute allerdings stehe der „sorgfältige Umgang mit Texten im Vordergrund“ – dies durchaus auch quer zum Markt, der sich gerne an den Kritikern vorbei organisiere.

Das war nun die Stelle, um zu bedauern (als Kritikerin), dass es heute eher gar nicht mehr um Kritiker geht (außer man möchte sie kritisieren), eine immer seltsamere und dazu vom Aussterben bedrohte Berufsgruppe. Es hat sie nicht schon immer gegeben und die Welt wird sich weiterdrehen ohne sie. Aber dass sie zermahlen wird zwischen finanziell angeschlagenen Redaktionen, auf Teufel komm raus meinungsbehauptenden Internetkommentaren und diffusen Buch- und Ausgehtipp-Wünschen wenig kulturaffiner Chefs – das hat sie nicht verdient. Zugegebenermaßen ging es darum aber wirklich nicht.

Fataler Ton

Vielmehr sprach der (hier naturgemäß als Kritiker auftretende) Schriftsteller Burkhard Spinnen, bis 2014 vierzehn Jahre lang Mitglied der Bachmann-Jury, sieben davon als Vorsitzender, in seiner „Klagenfurter Rede“ vom Mythos der „Literaturvernichtungsorgie“.

Eine solche habe er bei der Bachmann-Diskussion schon nicht mehr erlebt, als er selbst (1992) hier gelesen habe. Als Juror schon gar nicht mehr. Der Mythos sei aber (auch hier) stärker als die Realität – mit der Folge, dass der Jury auf diesem Mythos fußend bis heute entweder Respektlosigkeit gegenüber den Autoren und deren gezielte Demütigung vorgeworfen werde. Oder umgekehrt, dass die Jury zu brav sei. „Unmenschlich oder drückebergerisch.“ Tatsächlich gehe es aber doch längst darum, bei der Entfaltung eines literarischen Textes zu helfen, ihr beizuwohnen, darum zu ringen.

Insofern war Spinnen nicht streng mit den Kritikern in der Jury, dafür aber mit den Kritikern, die über die Kritiker in der Jury schreiben, mit den „Vernichtungsorgien im Feuilleton“. Den Kritikern außerhalb der Jury sei offenbar nicht klar, dass er schwerlich möglich sei, Jahr um Jahr 14 literarische Genies aufzutreiben und noch dazu geistreich über sie zu sprechen. Spinnen schloss aber seinerseits mit einem Blick Richtung Juryarbeit. Er wünsche sich mehr riskante Texte, auch wenn ein Juror dabei seine eigene Reputation aufs Spiel setze. Das Publikum war noch dabei, sich im ganz umgestalteten, ganz normal schick gewordenen Vorlesesaal zurechtfinden.

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