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Der Investor hat nur Augen für lohnende Anlagen. Er ahnt nicht, dass hinter ihm schon die Krise steht, die ihn auffressen wird.

Das politische Buch

Kritik im Handgemenge

George Soros über das Ende der Finanzmärkte - und deren Zukunft.

Von xxawi

Das Buch hat etwas Rührendes. Wer zum Beispiel das vorletzte Kapitel mit den "Empfehlungen an die politisch Verantwortlichen" liest, der wundert sich doch sehr, wie sich George Soros hier auf die Probleme des Immobilienmarkts der USA konzentriert. An dieser Stelle merkt man dem Buch doch an, dass es im Mai dieses Jahres abgeschlossen wurde.

Gleichzeitig aber imponiert es gerade da. Wie Soros sofort neben dem zu kontrollierenden, zu verändernden finanztechnischen Instrumentarium - zum Beispiel der Subprime-Hypotheken - die reale Welt der Betroffenen ins Blickfeld rückt, soll ihm erst einmal einer nachmachen. Sein Hinweis auf Maryland macht klar, was die Immobilienblase gesellschaftlich bedeutet. 54 Prozent der afroamerikanischen Eigenheimbesitzer des Bundesstaates haben Subprime-Kredite, bei den Amerikanern spanischer Herkunft sind es 47 Prozent und bei den Weißen nicht mehr als 18 Prozent.

Mit diesen Krediten sind Menschen in den amerikanischen Traum vom Vorstadthauses mit Garten gelockt worden, die sich das nicht leisten konnten und über Jahrzehnte auch nicht leisten durften. Nun, da sie darin wohnen, werden sie aus ihm wieder vertrieben. Bei den Zwangsversteigerungen, das macht Soros klar, geht es nicht nur um Geld, sondern auch darum, ob eine Nation es verkraftet, wenn Hunderttausenden ihr Heim in ihrem Heimatland genommen wird.

Heute wird gerne so getan, als wären die Kredite einem nachgeworfen worden. So war es nicht. Es fand nur eine der realen Lage der Betroffenen ganz und gar unangemessene Ausdehnung des Kreditvolumens statt. Es waren nicht die Ärmsten der Armen, die einen Hauskredit bekamen, sondern die, die sich auf dem Weg eine Etage oder vielleicht zwei Etagen über ihren derzeitigen Verhältnissen wähnten. Von den Zwangsvollstreckungen sind also gerade die betroffen, die fähig waren, aus der Misere herauszukommen. Die Zwangsvollstreckungen schlagen die wieder in den Staub, die sich aus ihm heraufgearbeitet hatten. Angesichts der Zahlen aus Maryland wird man damit rechnen müssen, dass die Krise die Frage nach der Hautfarbe wieder verstärkt aufwerfen wird. Darauf weist Soros sehr trocken, aber auch besorgt hin.

Wunderbare Vermehrung

Im Buch selbst wird Soros nicht müde zu betonen, dass es sich um weit mehr als um eine Immobilienblase handelt. Seines Erachtens geht in diesen Monaten eine fünfzigjährige Phase des billigen Geldes zu Ende. Eine Phase, in der unter dem Vorwand den Selbstregulierungskräften der Märkte den Weg zu frei zu machen, die Politik immer wieder interveniert sei, um dem großen Geld zu ermöglichen, noch mehr Geld zu machen. Die Ausdehnung der Finanzmärkte war im vergangenen halben Jahrhundert ja nur zu einem kleineren Teil geographischer Natur - obwohl auch der schon eine gewaltige Rolle spielte -, sondern vor allem der ingeniösen Vermehrung dessen, womit gehandelt werden kann, zu verdanken.

Soros erzählt ein wenig aus der Geschichte der wunderbaren Vermehrung nicht von Brot und Fisch, sondern der handelbaren Papiere, die sich immer weiter entfernten von dem, wofür sie stehen sollten. Er erzählt auch, wie die nach der Depression der 30er Jahre traumatisierten Banken lange auf Sicherheit setzten und erst ab den 60er Jahren nach und nach wieder in immer größere Risiken zu gehen bereit waren. Ein großer Schub in diese Richtung fand statt, als die Reagan-Regierung aus einer Bankenkrise - nicht wie ihre Vorgänger es getan hatten - den Schluss zog, Aufsicht und Regulierung der Finanzmärkte zu verschärfen, sondern im Gegenteil den Banken größere Freiheiten einräumte. Die Trennung zwischen Investmentbanking und kommerziellen Bankgeschäften wurde weitgehend aufgehoben. Kredite wurden verpackt und an Investoren verkauft. So verschwanden sie aus den Bilanzen. "Das war", schreibt Soros, "der eigentliche Ausgangspunkt für die Entwicklung der Superblase".

Rührend ist das Buch aber auch, weil George Soros sich damit zwischen alle Stühle setzt. Wer von einem der besten Kenner und erfolgreichsten Profiteure der Finanzmärkte erfahren möchte, was die heutige Finanzkrise bedeutet, wird nahezu die Hälfte des Buches überblättern. Wer aber zum Teufel soll sich für Soros' "Reflexivitätstheorie", die die andere Hälfte füllt, interessieren?

Wer aber als halbwegs interessierter Zeitgenosse das Buch in Ruhe von vorne bis hinten liest, dem bleibt nichts anderes als bewunderndes Staunen. George Soros, geboren 1930 in Budapest, gründete 1970 einen der ersten Hedge-Fonds. Mit ihm verdiente er Milliarden, unter anderem durch eine Spekulation gegen die Bank von England. Als sein Partner James Rogers 2001 ausstieg, machte er einen Stiftungsfonds daraus und zog sich aus dem Tagesgeschäft zurück.

Im August 2007, mit Beginn der Krise, stieg Soros wieder ein. In diesem Buch schildert er auch, welche Fehler er dabei machte und wo er richtig lag. Wie ernst er es da mit der Wahrheit nimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber es gibt eine Stelle in dem Buch, an der mir klar wurde, mit wem wir es hier zu tun haben. Es ist das Tagebuch vom 16. und vom 20. März 2008. Die New Yorker Investmentbank Bear Stearns ist schwer angeschlagen. George Soros, seit Jahrzehnten im Markt, beste Kenntnisse und dazu noch ein Mann, der sich seit langem für Krisen und Krisenverläufe interessiert, muss entscheiden: Wird Bear Stearns versteigert werden - dann steigen die Aktien - oder nicht? Er muss diese Frage nicht beantworten, weil er Sachverständiger ist und ein Journalist wissen möchte, wie er die Dinge sieht. Er muss sie beantworten, weil er entscheiden muss, ob er kauft oder nicht kauft. Davon wird abhängen, ob er ein paar Millionen reicher oder ärmer ist.

Der 25jährige Karl Marx sprach 1844 von der "Kritik im Handgemenge". George Soros ist ein solcher Kritiker im Handgemenge. Es geht nicht um Meinung, sondern um Gewinn und Verlust. Das ist ein anderes Pathos.

Was aber hat es mit der Reflexivitätstheorie auf sich? Soros ist wie jeder Spekulant - wie im übrigen auch die Spekulationsphilosophie - der Auffassung, dass die Ereignisse nicht unabhängig von den Akteuren begriffen werden können. Die Märkte folgen nicht irgendwelchen feststehenden Marktgesetzen, sondern den Erwartungen der Marktteilnehmer. Wo der der Mensch handelt, so sein Credo, hat die Vernunft - jedenfalls so wie die Aufklärung sie verstand - ein Ende. Es gibt am Markt keinen reinen Beobachterstandpunkt. Jeder - auch der, der nichts tut - wirkt ein auf das Marktgeschehen. Kein Satz über das Marktgeschehen beschreibt es nur. Jeder Satz wirkt auch zurück auf den von ihm scheinbar nur konstatierten Zustand. Das nennt er Reflexivität.

Dem spätestens durch Dilthey geschulten Hermeneutiker sagt Soros damit nichts Neues. Der Entdeckungseifer, mit dem Soros seine Erkenntnisse ausbreitet, mag wieder etwas Rührendes haben, aber gerade der Hermeneutiker müsste sich hüten vor jener wegwerfenden Handbewegung, die sagt: Das kenne ich doch alles schon. Er nämlich sollte wissen, dass es einen Unterschied macht, ob ich eine Erkenntnis aus Büchern abgelesen oder selbst im Leben erworben habe. Menschen folgen entgegen der Grundannahme der Nationalökonomie gerade nicht ihren Interessen, sondern dem, was sie - unter welchen Einflüssen auch immer - dafür halten. Mit anderen Worten: es gibt keine politikfreie Ökonomie. Die Märkte sind immer auch politische Märkte. Damit ist aber auch klar: Es gibt keine sicheren Erkenntnisse, sondern alle Erkenntnisse, so Soros, sind notwendig falsch oder doch, wie er hinzufügt, auf spätere Korrekturen angewiesen.

Das "notwendig falsche Bewusstsein", von dem Karl Marx sprach, entdeckt Soros wieder. Allerdings ohne Karl Marx' Hoffnung, durch die Abschaffung des Klassencharakters der Gesellschaft, dem Abhilfe schaffen zu können. Unser Bewusstsein unserer Lage ist, nach Soros, notwendig falsch, weil wir uns in ihr befinden. Wir können Fehleinschätzungen korrigieren durch Veränderungen des Beobachterstandpunktes. Damit verändern wir aber auch unsere Lage. Aus diesem Dilemma kommen wir nicht hinaus.

Auf die Füße stellen

George Soros beschreibt diese Vorgänge nicht als Erkenntnistheoretiker, sondern als Kritiker im Handgemenge, als einer, der seine Lage erkennen will - um sie zu verbessern. Nicht viel anders sah Marx in der Interpretation des frühen Lukács die Stellung des Proletariats. Dass jetzt 85 Jahre nach "Geschichte und Klassenbewusstsein" einer der erfolgreichsten Spekulanten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem Text von 1923 so radikal nahe kommt, macht für entsprechend vorbereitete Leser George Soros' Buch "Das Ende der Finanzmärkte und deren Zukunft" zu einer der aufregendsten Lektüren unserer Zeit. Vielleicht war ja Lukács Verknüpfung von Erkenntnistheorie und Klassenkampf nichts anderes als die Projektion seiner höchst persönlichen Erfahrungen an der Budapester Börse auf den neu entstehenden und neu zu schaffenden Gesellschaftskörper. Soros' Reflexivitätstheorie wäre ein auf die Füße und ins 21. Jahrhundert hinein gestellter Georg Lukács.

Wie für Georg Lukács der Klassenkampf die Probe auf seine Erkenntnistheorie war, so stellt George Soros die internationalen Finanzmärkte als das Labor dar, in dem er seine Reflexivitätstheorie erprobte und entwickelte. Sie ist also jedenfalls in Soros' Darstellung aus der Praxis hervorgegangen und für sie bestimmt. Eine den Verfechtern der historischen Dialektik nur gar zu vertraute Ansicht.

Es ist erheiternd, diesen Blick auf die Welt, für den seit fast zwei Jahrzehnten jeder Universitätsprofessor und jeder Journalist nur noch Hohn übrig hat, jetzt von jemandem angewandt zu sehen, der in der wirklichen Welt des 21. Jahrhunderts damit bombastische Gewinne einfährt.

Wer in den letzten Tagen eifrig die Tageszeitungen gelesen hat, der wird freilich andere Ausführungen in Soros' Buch für noch interessanter halten. Soros macht nämlich klar, wie stark die Regierung in Washington und ihre Partner bereits in der Vergangenheit sich engagiert hatten, um Banken und gescheiterte Firmen zu stützen. Er ist darum in diesem Buch sehr skeptisch, was die finanziellen und politischen Möglichkeiten der Regierungen angeht, dem fallierenden Finanzmarkt auf die Beine zu helfen. Der Leser fragt sich, was zu tun bleibt, wenn er Recht hat? Was soll bleiben, wenn nicht die Steigerung des Steueraufkommens? Das sind fatale Aussichten. Das im Mai abgeschlossene Buch glaubt nicht an eine Rezession. Auf keinen Fall aber an eine weltweite. Die USA und Europa - deutsche Institute seien heftigst in die US-Immobilienblase eingestiegen, unterstreicht Soros - werden Rückschläge erleiden; aber China, Indien, Russland, die Erdölstaaten werden - so Soros - gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Die Befreiung des Finanzkapitals - vor einhundert Jahren prägte der Sozialdemokrat Rudolf Hilferding diesen Begriff - von allen staatlichen Restriktionen hat nicht nur uns, sondern davor noch es selbst in die Krise getrieben. So dialektisch geht es zu in der wirklichen Welt.

George Soros sieht, beschreibt und analysiert diese Prozesse mit einem ansteckenden Furor. Er sieht in der Krise - nicht anders als die Ahnenväter des Sozialismus es taten - den Einbruch der Realität in die Kartenhäuser des falschen Scheins. "Ich habe einen gesunden Respekt vor dem objektiven Aspekt der Realität gewonnen - sowohl durch das Leben unter den Nazis und dem Kommunismus als auch durch das Spekulieren an Finanzmärkten. Außer dem Verlust von Geld ist der Tod die einzige Erfahrung, durch die man mehr Respekt vor einer externen Realität außerhalb der eigenen Kontrolle lernt - und der Tod ist keine wirkliche Erfahrung des Lebens."

George Soros:Das Ende der Finanzmärkte. Deutsch von Huber und Rädisch. FinanzbuchVerlag, München 2008, 174 Seiten, 24,90 Euro.

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