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Das Bildergedächtnis der Welt

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Von: Sylvia Staude

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Stellen Sie sich hier Ignacia Gonzalez’ Vater vor. Foto: Omar Zyami
Stellen Sie sich hier Ignacia Gonzalez’ Vater vor. © Omar Zyami

„Politik im freien Theater“ in Frankfurt: Maria Giacamans stille, bewegende Performance „Kriegsrahmen“.

Die chilenische Regisseurin und Performerin Ignacia González erklärt: Dies ist ein Theater, dies eine Bühne, hier sind Boxen, hier weitere Boxen. Dann stellt sie auch die am Rand sitzenden Mitwirkenden vor, Szerafina Schiesser, die jeweils die deutsche Übersetzung spricht, Friederike Hänsel, zuständig fürs Licht, Juan Giacaman für den Ton. 33 Fotografien aus Konflikten und Kriegen werden wir zu sehen bekommen, hören und lesen wir (es gibt auch immer wieder Übertitel), wir könnten außerdem jederzeit rausgehen. Rausgehen? Die Zuschauerin bangt, dass es gleich bestürzende Fotografien zu sehen geben wird. Nein, keine Sorge. Und andererseits ja: dieser Abend ruft das mit den Jahren von jedem von uns Abgespeicherte mit stiller Unerbittlichkeit im Bildergedächtnis auf.

„Kriegsrahmen“ lautet der Titel der rund einstündigen Performance des Kollektivs what about: fuego, die im Rahmen des Festivals Politik im Freien Theater im Frankfurter Gallus-Theater gastierte. Regisseurin des stillen, eindringlichen Stückes ist Maria Giacaman, Ignacia González stellt darin quasi ihren Körper zur Verfügung, folgt einer präzisen Posen-Choreografie.

Der Angriff der Katze

Zuerst stellt sie ein paar Fotografien ihrer Familie nach, 1989 sind das Baby Ignacia drauf, die Mutter, der Vater. Erzählt dann von der Dreijährigen, die eine Katze am Schwanz zog und von dieser übel verletzt wurde. Die Darstellerin zeigt uns die Narben auf ihrer rechten Wange. Aufnahmen gebe es davon freilich nicht, die „bad moments“ einer Familie werden in aller Regel nicht festgehalten.

Aber die „schlechten Momente“ der Welt nicht nur von Kriegsfotografen, die damit unter Umständen berühmt werden. Von 1989 aus (deswegen 33 Bilder) rückt der Abend unerbittlich wie eine Uhr vor. Zweiter Golfkrieg, Kosovo, Sarajevo, Sudan, ein ikonisch gewordenes Folterbild aus Abu Ghraib, trauernde Frauen, die in Bildunterschriften „Madonnen“ genannt werden, auch wenn sie muslimischen Glaubens sind.

Zu einem Teil der Bilder werden nur Ort und Jahreszahl eingeblendet. Aber wie sprechend bilden Gesten, Körperhaltungen das Leid ab. Zu anderen ikonographisch gewordenen Fotografien gibt es ein paar Informationen – da hat man sie bereits „erkannt“ und ist darüber erschrocken, wie schnell man sie erkannt hat.

Allen voran das verhungernde Kind, das, zu Tode erschöpft, den Kopf im Staub, ein Häufchen Körper ist, während im Hintergrund ein Geier sitzt. González hat Schuhe und Strümpfe ausgezogen und macht sich auf dem Boden klein. Vier Monate nachdem diese Aufnahme um die Welt ging, hat sich Fotograf Kevin Carter das Leben genommen. Ihm war vorgeworfen worden, dem unbekannt, namenlos gebliebenen Kind nicht geholfen zu haben. Er wollte dokumentieren – und ein gutes, das beste Bild. So stellt dieser so sparsame wie beeindruckende Abend auch moralische Fragen.

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