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A rebel fighter fires a weapon towards forces loyal to Syria's President Bashar al-Assad in Aleppo's Sheikh Saeed neighbourhood May 24, 2015. Picture taken May 24, 2015. REUTERS/Hosam Katan TPX IMAGES OF THE DAY - RTX1EG7M n

Syrien und Afghanistan

„Der Krieg ist Teil meines Lebens“

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Hosam Katan und Parwiz Rahimi sprechen über ihre Arbeit als Fotografen in Syrien und Afghanistan – und den Neuanfang in Deutschland.

Herr Katan, Herr Rahimi, Sie beide haben in Ihren Heimatländern unter Extrembedingungen als Journalisten gearbeitet und dabei sehr unterschiedliche Ansätze gewählt. Hosam Katan zeigt, teilweise sehr drastisch, das Leid der Zivilbevölkerung im syrischen Aleppo, während Parwiz Rahimi das Lächeln der Afghanen eingefangen hat. Wie würden Sie Ihre Herangehensweise selbst beschreiben?
Katan: Mit meinen Bildern möchte ich zeigen, wie die Menschen von Aleppo mit dem Krieg leben. In den Medien sieht man oft nur Kampfhandlungen oder Geflüchtete. Ich möchte zeigen, dass es in Syrien nicht nur den IS und kämpfende Truppen gibt, sondern auch ganz normale Menschen. Mir war es deshalb am wichtigsten, den Alltag der Menschen zu zeigen – auch nach Bombardierungen. Assad sagt immer, er kämpfe gegen Terroristen, aber meine Bilder zeigen, dass seine Bomben die Zivilbevölkerung treffen.

Auf Ihren Bildern sieht man tote Kinder, Menschen, die um ihre Familie weinen und Verletzte aus dem Schutt ihrer Häuser bergen. Würden Sie sagen, dass der gesamte Horror des Krieges abgebildet werden sollte – oder wo ziehen Sie Ihre Grenze?
Katan: Als Fotojournalisten müssen wir den Menschen die Wahrheit zeigen. Du darfst nichts erfinden, aber auch nichts verstecken. Das heißt nicht, dass ich nur Blut zeigen muss. Es ist besser, wenn ein Bild den Betrachter nicht so sehr verstört, dass er nicht mehr hinschauen kann. Ich möchte ja, dass die Menschen sehen, was in diesem Krieg passiert.

Herr Rahimi, Sie zeigen lächelnde Menschen. Warum?
Rahimi: Blut, Bombardierungen, Gewalt, das miserable Leben in Afghanistan – diese Bilder sind so oft gezeigt worden, dass sie bereits zum Klischee geworden sind. Ich möchte lieber eine positive Botschaft senden. Wenn du jemanden anlächelst, schenkst du Frieden. Diese Friedensbotschaft möchte ich in die Welt senden, auch wenn jenseits dieses Lächelns natürlich das schlimme, das harte Leben existiert. Täglich sterben in Afghanistan Menschen bei Anschlägen. Ich meine, auch das ist in meinen Bildern sichtbar. Hinter ihrem Lächeln kann man erkennen, was die Menschen durchgemacht haben.

War es nicht schwierig, in einem von Gewalt gebeutelten Land auf lächelnde Menschen zu stoßen?
Rahimi: Es war nicht einfach. Selbst wenn man mit Kindern und Jugendlichen in Afghanistan spricht, kommt direkt nach dem „Hallo, wie geht’s?“ die politische Situation zur Sprache, die Attentate, das Morden. Aber obwohl diese Menschen so viel Hartes durchmachen, passiert es trotzdem in manchen Momenten, dass sie von Herzen lächeln. Das habe ich versucht einzufangen.

Herr Katan, auch auf einigen Ihrer Fotografien habe ich Menschen lächeln sehen – beispielsweise eine Gruppe Kinder, die in einem Autowrack spielen. Aber meist überwiegen Trauer, Schmerz, Angst. Wie sind Sie emotional damit umgegangen, solche Momente mit der Kamera einzufangen?
Katan: Die ersten Male, wenn ich nach einem Bombenangriff vor Ort war, musste ich selbst weinen. Aber mit der Zeit gewöhnst du dich an solche Situationen, es wird zu einem Teil deines Alltags. Ich möchte es nicht als Normalität beschreiben, es berührt mich noch immer, aber ich habe gelernt, meine Gefühle zu kontrollieren. Weinend kann ich nicht fotografieren. Aber es bleibt hart, wenn du vor dir einen Schwerverletzten siehst oder ein totes Kind. Natürlich ist meine Arbeit auch riskant – aber ich bin dort, um Bilder zu machen, sie der Welt zu zeigen. Ich muss so handeln.

Sie sind erst 22 Jahre alt. Ist es schon immer Ihr Ziel gewesen, Fotojournalist zu werden oder hat erst der Krieg Sie dazu gemacht?
Katan: Als die syrische Revolution begann, war ich 17. Mit 18, 19 habe ich dann begonnen als Fotograf zu arbeiten. Natürlich hat der Krieg mich dazu gemacht. Vor der Revolution hatte ich ganz andere Träume, ich wollte Jura studieren und Anwalt oder Richter werden. Zu Beginn der Revolution wurden Menschen wie ich von internationalen Journalisten gebraucht, weil es keine freien Medien vor Ort gab. Wir haben mit unseren Handys die Proteste gefilmt und über die Sozialen Netzwerke im Internet publiziert, damit die ganze Welt weiß, was passiert. Von 2012 an habe ich begonnen, mit dem Aleppo Media Center zu arbeiten um zu zeigen, wie die Zivilbevölkerung vom Assad-Regime bombardiert wird.

Wie war das bei Ihnen, Herr Rahimi? Warum sind Sie Journalist geworden?
Rahimi: Weil ich als junger Mensch das Gefühl hatte, dass viele Probleme meines Landes auf eine Weise thematisiert werden sollten, die Menschen meines Alters auch anspricht. Meistens stehen nur der Krieg und all die Probleme Afghanistans im Vordergrund. In den Nachrichten hören die Leute immer nur: Es gab wieder eine Explosion mit 50 Toten – und dann trinken sie ihren Tee und essen zu Abend. Ich bin Journalist geworden, um zu berichten, was wir, die junge Generation in Afghanistan, fühlen und brauchen. Also habe ich fotografiert und geschrieben, auch satirisch. Ich sehe mich auch als Aktivisten, das gibt mir mehr Freiräume.

Warum sind Sie geflohen?
Rahimi: Die Situation für Journalisten in Afghanistan ist sehr schwierig. Erst im Januar haben die Taliban acht Mitarbeiter von Tolo TV, einem Sender, für den ich früher auch gearbeitet habe, in die Luft gesprengt. Auch die Regierung sperrt kritische Journalisten ein und foltert sie.

Wurden Sie selbst auch bedroht?
Rahimi: Ja, ich habe nie mit meiner Meinung hinter dem Berg gehalten. Ich habe über Korruption bei den Präsidentschaftswahlen geschrieben, aber auch religiöse Dinge öffentlich kritisiert. Ich halte zum Beispiel gar nichts davon, dass Menschen aus einem bitterarmen Land wie Afghanistan nach Mekka pilgern. Ich habe todkranke Frauen gesehen, deren Männer das wenige Geld der Familie für die Hadj ausgegeben haben. Für solche Äußerungen habe ich Drohungen der Taliban erhalten. Nach einem Überfall auf unser Haus warnte mein Vater mich, das nächste Mal kämen sie um zu töten. Es mag sinnvolle Wege geben, für sein Land zu sterben, aber von diesen Feiglingen ermordet zu werden, gehört nicht dazu. Ich bin meinem Land von größerem Nutzen, wenn ich lebe.

Herr Katan, Sie wurden bei Ihrer Arbeit angeschossen. Verspüren Sie keine Angst?
Katan: Ich wurde am 27. Mai 2015 von einem Scharfschützen erwischt und war dem Tod nahe. Niemand kam mir zu Hilfe. Einer versuchte es, aber als der Schütze auch ihn ins Visier nahm, hatten alle anderen Angst. Die ersten Minuten dachte ich, das war’s, ich werde sterben. Aber dann hatte ich weniger Angst davor zu sterben, als davor, dass Assads Truppen mich gefangen nehmen und mir noch Schlimmeres antun würden. Irgendwie habe ich es ins Krankenhaus geschafft. Und da ich für Reuters gearbeitet habe, wurde ich zur weiteren Behandlung in die Türkei gebracht. Wieder genesen, war es mir unheimlich wichtig, weiter zu arbeiten. Schon im Oktober bin ich zurück nach Syrien gegangen.

Hat die Arbeit Ihnen geholfen, mit dem Krieg umzugehen?
Katan: Ja, durchaus. So schwierig es ist, der Krieg ist zu einem Teil meines Lebens geworden. Zwar möchte ich jetzt erstmal Fotojournalismus in Hannover studieren, aber danach werde ich weiter als Kriegsjournalist arbeiten. Es ist nicht nur mein Traum, den Krieg in Syrien zu dokumentieren, sondern auch in andere Kriegsregionen zu fahren. Wenn du im Frieden lebst, denkst du, alles ist schön und normal, so wie es ist. Aber während du hier in Deutschland auf einer Party tanzt, werden Menschen in Kriegsländern bombardiert, haben Todesangst und Hunger. Ich möchte dieses andere Gesicht der Welt zeigen. Was ich in Syrien getan habe, reicht mir nicht, das war nur ein Anfang.

Warum sind Sie nach Deutschland gekommen?
Katan: Die Agenturen und großen Medienhäuser haben mich immer als Medienaktivisten gesehen, nicht als professionellen Fotojournalisten, weil mir die formale Ausbildung fehlt. Dabei habe ich über Reuters schon mehr als 1250 Fotos veröffentlicht, sie sind im „Stern“, in der „New York Times“, im „Telegraph“ erschienen. Aber ich bin noch jung. Deshalb will ich mehr über Journalismus lernen, um meinen Traum verwirklichen zu können, weltweit als Kriegsfotograf zu arbeiten.

Herr Rahimi, wo sehen Sie Ihre Zukunft?
Rahimi: Ich glaube nicht daran, dass Afghanistan in näherer Zukunft wirklichen Frieden erlebt. Ich würde gerne als Fotografie-Dozent arbeiten und Brücken zwischen afghanischen und deutschen Hochschulen schlagen. Ich hatte immer den Traum, mein Wissen weiterzugeben. Weil ich glaube, dass nur Wissen meinem Land helfen kann. Analphabeten lassen sich leicht von jenen ködern, die unser Land zerstören wollen.

Wie sieht Ihr Leben in Deutschland aktuell aus?
Rahimi: Ich lebe mit 130 Menschen unter einem Dach in einer Gemeinschaftsunterkunft und führe ein Lagerleben, wie es viele andere Geflüchtete auch führen. Hier herrscht kein Krieg, keine Bedrohung, keine Gewalt, kein Morden und Blutvergießen, aber es fühlt sich nicht wie ein Zuhause an. Aber natürlich bin ich sehr glücklich, dass ich nicht mehr vom Tode bedroht, dass ich am Leben bin und meine Träume leben kann. Meine erste Foto-Ausstellung in Deutschland, die ich jetzt eröffne, ist der erste Schritt.

Ihre Bilder waren bisher eng an die Situation Ihrer Heimatländer gebunden. Was fotografieren Sie in Deutschland?
Rahimi: Wie Hosam bin ich aktuell Gasthörer an der HfG Offenbach. Ich würde gerne wieder mehr fotografieren. Ich habe meine Kamera aber bei Verwandten in Hamburg lassen müssen, damit sie mir in der Gemeinschaftsunterkunft nicht abhanden kommt – und ich vermisse sie fast mehr als meine Familie. Sobald ich wieder mein eigenes Zuhause habe, werde ich auch wieder fotografieren.
Katan: Ich habe bereits zwei Projekte im Kopf, die ich hier umsetzen möchte, aber sie sind noch in meinem Kopf. Sobald es an der Zeit ist, wird die Welt sie zu sehen bekommen.

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