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Krieg 42

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Von: Thomas Stillbauer

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Trauer nach Luftangriffen im ukrainischen Krywyj Rih. „Gerade hatten sie wieder eine ganze Stadt für Monate ins Dunkel geschossen. Warum?, fragte die liebe Leserin, und ob das nie aufhöre.“ Rih
Trauer nach Luftangriffen im ukrainischen Krywyj Rih. „Gerade hatten sie wieder eine ganze Stadt für Monate ins Dunkel geschossen. Warum?, fragte die liebe Leserin, und ob das nie aufhöre.“ © Evgeniy Maloletka/dpa

Ein Wort an die lieben Leserinnen, die nicht müde werden zu schreiben und nicht müde, sich ein Ende des Krieges zu wünschen.

Zweiundvierzig galt unter den einschlägig Belesenen als die Antwort auf alles. Eine literarische Pointe aus einer Zeit, in der vieles besser zu werden schien und manches besser wurde. Douglas Adams’ Romanreihe reiste von 1979 bis 1992 per Anhalter durch die Galaxis. Als sie anhielt, hatte es längst wieder begonnen, schlechter zu werden, auf dem Balkan etwa, und am Golf.

Und nun zweiundvierzig Wochen Krieg, nein, acht Jahre und zweiundvierzig Wochen, in der Ukraine. Immer noch hieß es in einigen rückblickenden Berichten, der Krieg sei im Februar ausgebrochen. Immer noch war die Wahrheit, dass Kriege nicht ausbrachen, sondern von jemandem begonnen wurden. Immer noch träumten die Friedliebenden davon, dass man Kriege endlich einsperrte, in die allersichersten Hochsicherheitsgefängnisse. Aus denen sie nie mehr würden ausbrechen können.

Nach acht Jahren und einundvierzig Wochen Krieg hatten wieder liebe Leserinnen an diese Kolumne geschrieben. Es dürfe nicht enden, schrieben sie, das Zählen der Wochen, das Benennen der Grausamkeit. Das Aufmerksamsein. Das Niemals-niemals-im-Stich-Lassen. Solange nicht der Krieg ende, schrieben sie, dürfe nicht das Wachbleiben enden und nicht die Solidarität.

Eine liebe Leserin schrieb, dass sie nicht aufhören könne zu weinen. Die Leserin hatte schon einen Krieg hinter sich, lang hinter sich. Jung war sie damals gewesen, aber alt genug, um zu begreifen, wie grausam der Krieg war. Sie hatte gedacht, nicht nur sie selbst, sondern wir alle hätten den Krieg hinter uns, für immer. Sie hatte gehofft, wir alle hätten genug gelernt aus den alten Kriegen, genug, um dafür zu sorgen, dass es die neuen Kriege gar nicht mehr geben könne. Wir alle hatten uns getäuscht.

Sie existierten schließlich noch, die Menschen, denen am Krieg gelegen war. Gerade hatten sie wieder eine ganze Stadt für Monate ins Dunkel geschossen. Warum?, fragte die liebe Leserin, und ob das nie aufhöre. Zweiundvierzig Wochen Krieg und so viele Fragen. Als Antwort auf alles konnte keine Zahl mehr herhalten wie vor dreiundvierzig Jahren bei Douglas Adams. Die Antwort auf alles konnten schon gar keine Kanonen, Bomben und Raketen, keine Minen und Drohnen sein.

Die beste Antwort auf alles war immer noch und ewig: Liebe. Man konnte darüber mit den Augen rollen, aber es blieb die Wahrheit. Und wenn es auch Menschen gab, denen am Krieg gelegen war, so gab es doch viel mehr Menschen, die den Frieden liebten, auch in dem Land, das die Raketen zündete. Wenn sie das ihrem Anführer nur klarmachten, wäre nicht der Krieg gewonnen, sondern der Frieden.

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