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Krieg 37

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Von: Thomas Stillbauer

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„Und, bei euch? Die Heizung? – Immer noch aus!“
„Und, bei euch? Die Heizung? – Immer noch aus!“ © Ulf Mauder/dpa

Er habe sich nicht vorstellen können, dass so etwas geschieht, sagt der Junge. Er ist durch Butscha gefahren. Die Kolumne „Times mager“.

Die Kraniche waren dann mal langsam durch. Die Herbstferien mit der Abendschau der Fledermäuse: auch durch. Das Laub fiel wankelmütig. Der Bücherkater lag wieder auf seiner inneren Fensterbank, mental und gegenständlich.

Dabei war die Heizung immer noch aus. Ob er sich das bewusst machte? Drinnen liegen und nach draußen gucken war im Winter am schönsten, wenn unterm Fenster der Heizkörper den Betrieb aufgenommen hatte. Das hatte die Hausgemeinschaft aber bislang hinausgezögert. Im Treppenhaus halbwöchentlich die Vergewisserung: Und, bei euch? Die Heizung? – Immer noch aus! Das wollen wir doch mal sehen!

Stets mit der gelebten Waghalsigkeit im Hintergrund, dass es Schimmelbildung geben könnte, ja, höchstwahrscheinlich geben würde, irgendwann, ohne Heizung. Schimmelbildung, auch so ein Einsatz des Westens, während weiter östlich bis aufs Blut die freie Welt verteidigt wurde.

Die Heizung noch aus und das elektrische Licht so sparsam, wie es die zunehmende Dunkelheit erlaubte. Hindernisse im Wohnungsflur wurden endlich zum Sperrmüll gebracht, nach mehreren Beinahezusammenstößen im privaten Nahverkehr zwischen Küche und Netflix. Blaue Fußzehen und Schimmelbildung. Und Gaspreisbremse. Unser Einsatz.

37 Wochen Krieg. Nein, es waren immer noch: acht Jahre und 37 Wochen Krieg, daran erinnerte mit Nachdruck der erstaunlich junge politische Korrespondent, geboren in Charkiw und so klar, so fest in Sprache und Haltung, so sicher in seiner Analyse, warum man den Tyrannen im Osten niemals mehr „sein Gesicht wahren“ lassen müsse.

Der Korrespondent war es auch gewesen, der das Kind interviewt hatte, Askold, neun Jahre, auf dem Spielplatz im Schewtschenko-Park in Kiew, mit Zustimmung der Eltern natürlich. Den Jungen Askold, der gesagt hatte: Er habe sich nicht vorstellen können, dass so etwas geschieht. Dass die alte Schaukel irgendwann abmontiert werden würde, das habe er sich vorstellen können. Aber nicht, dass sie explodiert.

Ob er Angst habe, fragte der Korrespondent, nein, sagte der Junge. Warum nicht. Da überlegte er, aber nur kurz, und dann: „Weil ich Ukrainer bin. Und Ukrainer haben vor nichts Angst. Und deswegen habe auch ich vor nichts Angst.“ Er habe schon ganz andere Dinge gesehen, sagte der neun Jahre alte Junge. Er sei durch Butscha gefahren.

Acht Jahre und 37 Wochen Krieg, fast das ganze Leben von Askold hindurch. Zwischen dem Entsetzen und den Tränen das Gute suchen, das Gute finden. Irgendwann wird es wieder heller. Dann kommen wieder Kraniche. Und wen schert schon die Kälte.

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