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Kracher

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Von: Sylvia Staude

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Gefühlt erst vorgestern haben wir den letzten unserer guten Vorsätze des Jahreswechsels 2021/22 aufgesteckt, uns damit tröstend, dass wir immerhin bis Ende April durchgehalten haben.
Gefühlt erst vorgestern haben wir den letzten unserer guten Vorsätze des Jahreswechsels 2021/22 aufgesteckt, uns damit tröstend, dass wir immerhin bis Ende April durchgehalten haben. © dpa

Böller im Oktober? Sollen sie uns vielleicht an was erinnern? Die Kolumne „Times mager“.

Gestern um kurz nach 21 Uhr zündete eine unbekannte Person ein paar Silvesterböller auf der Gass vor dem Haus. Wir konnten uns daraufhin nicht entscheiden, ob das jetzt doppelt rücksichtslos war (Krachschreck plus Erschrecken, dass das Jahr so plötzlich zu Ende ist) oder doch eine angebrachte Mahnung, auch im so heillosen 2022 an die nötigen Jahresendvorbereitungen zu denken. Zu denen inzwischen gehört, unteure, aber desto wahrhaftiger von Herzen kommende und selbstverständlich total originelle Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Außer für die Kinder, die dürfen sich was wünschen, sei es auch ein pinkfarbenes Dirndl oder ein Modellauto, Porsche, knallrot. Wünsche erfüllen ist das Mindeste, das wir schnell noch für sie tun können – wenn schon die Erde (auch) dank uns inzwischen irreparabel ist.

(Ein Tipp: Besorgen Sie Geschenkanhänger, auf denen Sie Platz haben für eine aufrichtige Entschuldigung: „Liebe C., viel Freude mit dem Dirndl. Und ein Sorry wegen des schlechten Zustands der Erde. Dir wird schon was einfallen, Deine Großtante S.“ W. kann seinen roten Porsche später mal in die Sonne stellen und sich ein Ei drauf backen.)

Böller also gestern – vor allem erinnerten sie ans Verstreichen der Zeit. Gefühlt erst vorgestern haben wir den letzten unserer guten Vorsätze des Jahreswechsels 2021/22 aufgesteckt, uns damit tröstend, dass wir immerhin bis Ende April durchgehalten haben. Gefühlt erst gestern haben wir uns die Bücher zurechtgelegt, die wir unbedingt, gewiss, wenn’s irgendwie geht, noch vor der Buchmesse lesen wollten. Dann haben wir ihr kurz den Rücken zugedreht ...

Okay, nie kann es uns die Zeit recht machen. Wenn wir seit anderthalb Stunden im Wartezimmer sitzen, soll sie nicht so trödeln. Auch könnte sie mal ein bisschen auf die Tube drücken, wenn, man nennt es Besprechung, wieder einmal alle (m.) alles zu allen (m., w., div.) sagen möchten. Dito in dieser Inszenierung, die mit Kaugummi zu vergleichen eine Frechheit gegenüber dem Kaugummi wäre, denn an dem kann sich wenigstens der Kiefer kräftigen.

Dann wieder soll die Zeit eine Weile stillhalten, wir sitzen doch grad so schön in der Sonne auf dem Berg und wollen noch nicht an den Abstieg denken müssen. Oder die beste Freundin guckt auf die Uhr und sagt: Jetzt muss ich aber wirklich ... Warum drängelt sie da so, die Zeit, warum chillt sie nicht überhaupt öfter mal, lässt die Beine baumeln, schaut auf diesen prächtigen Sonnenuntergang überm Meer, öffnet eine Flasche Secco. Oder bleibt daheim auf dem Sofa und guckt fünf Folgen vom jungen Inspektor Morse. Wär das ein Vorschlag, liebe Zeit?

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