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Einmal googeln kostet 0,4 Wattstunden Strom. Wer möchte mal hochrechnen?

"Bits und Bäume"

Was kostet ein Bit?

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Das Internet verbraucht weltweit rund zehn Prozent des Stroms – Tendenz steigend. Mit den Folgen der zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens beschäftigt sich eine Konferenz am Wochenende in Berlin.

„Das google ich mal schnell“, sagt man und denkt sich nichts dabei. Ein Klick, und das Girokonto ist gecheckt. Die Mails muss man natürlich auch immer im Blick haben. Zwischendurch, zur Entspannung, wird ein Musikvideo bei Youtube angeschaut. Kein großer Aufwand, wir sind ja sowieso online. Und Shopping ist ja auch ganz einfach, bezahlt wird schnell über den Paypal-Account.

Was so mühelos daherkommt, ist teuer erkauft – mit Energie und Ressourcen. „Wie schwer wiegt ein Bit?“, fragt ein Podium auf dem Kongress „Bits und Bäume“, der an diesem Wochenende in Berlin stattfindet. Das Thema, wie ökologisch, nachhaltig und demokratieverträglich die rasant voranschreitende Digitalisierung ist, treibt immer mehr Menschen um. Das zeigt auch das hohe Interesse an dieser Konferenz, die Umweltverbände und Netzaktivisten gemeinsam ausrichten: Mehr als 1500 Teilnehmer haben sich für die zwei Tage an der TU Berlin angemeldet.

Die WWW-Nutzung hat es tatsächlich in sich. Eine einzige Suchanfrage bei Google kostet nach Angaben des kalifornischen Internetgiganten 0,4 Wattstunden Strom. Stimmt diese Angabe – es gibt auch höhere Kalkulationen –, könnte man mit der Energie für diesen einen Klick eine LED-Birne sechs Minuten lang brennen lassen. Um die vielen Klicks oder Tipper auf Handy und Tablet, sowohl privat als auch in Büros und Industrie, möglich zu machen, muss eine gigantische Infrastruktur unterhalten werden.

Die meiste Energie verschlingen dabei die Rechenzentren und die Übertragungstechnik für die großen Datenmengen. Die Daten liegen auf Tausenden Servern, und damit die Nutzer jederzeit darauf zugreifen können, müssen die Rechenzentren rund um die Uhr online sein. Inzwischen sind weltweit über 2,5 Milliarden Menschen online – und es werden ständig mehr.

Vor zwei Jahren sorgte Greenpeace für viel Aufsehen mit einer Kalkulation zum Energieverbrauch für das Internet. Wäre dass Netz ein Land, käme es in einem Länder-Ranking auf Platz sechs, hieß es damals. Neuere Zahlen zeigen: Es ist sogar noch mehr. Die 2500 Terawattstunden, die pro Jahr dafür eingesetzt werden, bringen es inzwischen sogar auf Platz drei – nach den USA und China. „Weltweit verbraucht das Internet rund zehn Prozent des Stroms, in Deutschland sind es rund acht Prozent“, sagt der Berliner Nachhaltigkeitsforscher Professor Tilman Santarius, einer der Initiatoren der „Bits und Bäume“-Konferenz, der FR.

Bis 2030 wird sich der Verbrauch laut Prognosen weltweit mehr als verdreifachen, auf dann über 8000 Terawattstunden. Nicht eingerechnet ist hierbei der Aufwand für die Herstellung der Geräte, wie Smartphones oder Server. Laut Santarius verschlang alleine die Produktion der rund zehn Milliarden zwischen 2007 und 2017 verkauften Smartphones fast doppelt so viel Strom, wie Deutschland im Jahr verbraucht. 

 Haupttreiber des Zuwachses beim Stromverbrauch sind die Speicherung und Übertragung der wachsenden Datenmengen. Immer mehr Firmen und Privatleute verlagern ihre Daten in die „Cloud“, und das Streamen von Musik und Filmen wird immer beliebter. Videostreaming hatte 2015 bereits einen Anteil von 53 Prozent am globalen Internetverkehr. Und der Stromhunger wächst, je mehr Lebensbereiche „digitalisiert“ und neue Internet-Produkte entwickelt werden.

Das selbstfahrende Auto zum Beispiel, das von Internet- und Autokonzernen mit Hochdruck entwickelt wird und von dem sich viele Politiker eine Lösung der Verkehrskrise in den Städten erhoffen, ist extrem datenhungrig. In ihren Buch „Smarte Grüne Welt“ (Oekom-Verlag, München, 15 Euro) zeigen Santarius und Co-Autor Steffen Lange: Ein einzelner Pkw kann pro Tag locker 4000 Gigabyte an Daten generieren, die alle berechnet und über das Netz geleitet werden müssen.

Am irrwitzigsten ist aber wohl das Beispiel der Kryptowährungen wie Bitcoin, die auf der Blockchain-Technologie beruhen. Eine einzige Berechnung eines „Blocks“ in der „Kette“ ist in etwa 10.000-mal so energieintensiv wie eine Kreditkartentransaktion. Santarius warnt vor Visionen, diese Technologie auch in anderen Bereichen hochzufahren. „Es wäre tatsächlich der Ruin des Planeten, wenn die gesamte Wirtschaft auf Blockchain-Anwendungen basieren würde.“

Umgekehrt stecken in der Digitalisierung aber auch große Potenziale, die zu einem nachhaltigeren Umgang mit Energie und Ressourcen führen können. Ein Beispiel ist eine intelligente „grüne“ Neuorganisation des Verkehrs. Denkbar ist eine Verkehrswende, die für große Teile der Bevölkerung den Verzicht auf das eigene Auto möglich macht. Schon heute ist Carsharing dank digitaler Buchung und Abrechnung viel einfacher und bequemer geworden, als in der analogen Anfangszeit der 1980er Jahre mit Festnetztelefon und Zettelwirtschaft. Künftig können maßgeschneiderte Apps zusammen mit flexiblen Hardware-Angeboten wie dem selbstfahrenden Bus, der zur Haltestelle geordert wird, das Umsteigen auf den „Umweltverbund“ richtig attraktiv machen. 

Auch in anderen Bereichen kann die Digitalisierung Fortschritte zur Nachhaltigkeit bringen, etwa im Energie- und im Nahrungsmittelsektor. Sie ermöglicht es zum Beispiel, dezentrale, nachbarschaftliche Energiesysteme zu betreiben – sogenannte Micro Grids –, die Energieautonomie mit erneuerbaren Quellen erzielen. Auch ein flächendeckender Ausbau des „Food Sharing“ ist denkbar, bei dem Supermärkte abgelaufene, aber noch gut konsumierbare Lebensmittel an „Food Saver“ abgeben, die sie dann verteilen. Kommunale Vernetzungs- und Tauschbörsen wiederum können eine Re-Regionalisierung von Teilen der Wirtschaft befördern. 

Santarius glaubt, dass die Digitalisierung durchaus einen „wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit“ bringen kann. Allerdings müsse die Politik sie dazu viel stärker gestalten und vor allem die positiven Anwendungen fördern. Bisher laufe sie nur den Entwicklungen hinterher, „die vom Silicon Valley als das Beste vom Besten versprochen werden“ – von 5G-Netz über Industrie 4.0 und das selbstfahrende Auto bis zu KI made in Germany. 

Der Professor warnt, das könne zu einer „blinden Durchdigitalisierung aller Lebens- und Wirtschaftsbereiche“ führen, die es am Ende unmöglich mache, die von den UN aufgestellten Klima- und Nachhaltigkeitsziele noch zu erreichen. Politische Regulierung, um Auswüchse zu verhindern, sei durchaus angezeigt.

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