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Vicco von Bülow alias Loriot.

Zum Tod von Loriot

Ein Kosmos verstörter Biederkeit

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Seine Sketche sind Klassiker, seine Cartoons Bestseller. Vicco von Bülow war Deutschlands beliebtester Humorist. Ein Nachruf auf Loriot, den Kenner menschlicher Schwächen.

Vor vier Jahren, nach dem Tod seiner Filmpartnerin Evelyn Hamann, sagte er: „Liebe Evelyn, dein Timing war immer perfekt, aber dieses Mal hast du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte!“

Vielleicht treffen sie sich gerade wieder. Am Montag ist Vicco von Bülow, bekannt als Loriot, im Alter von 87 Jahren gestorben. In einem Ausstellungskatalog zu seinem 70. Geburtstag kommentierte der Geehrte die Stationen seines Lebens mit Texten und Bildunterschriften. Weit vorn im Buch steht eine Karikatur aus dem Jahr 1949: Ein Mann hockt in der Zimmerecke. Auf Schildern an einer Wand steht „Hut“, „Mantel“, „Mehl“, „Gäste“. Das jeweils Zutreffende hängt über dem Schild an Flaschenzügen unter der Decke. Der Mann ist Zeichner, und er wohnt beengt. „Da das Blatt etwas abseits meiner künstlerischen Ziele lag, signierte ich es mit LORIOT. Es war das erste Mal.“

Vicco von Bülow ist ein armer Student an der Landeskunstschule Hamburg und bewohnt ein Zimmer von acht Quadratmetern, das er bei einem Friseur gemietet hat. „Loriot“ benutzt er als Pseudonym – der französische Name des Pirols, Wappentier derer von Bülow. Er will Künstler werden, kein Witzzeichner.

Fünf Seiten später ein Foto: Loriot steht mit seiner Frau, den beiden blonden Töchtern, mit zwei Ponys und zwei Möpsen im Garten vor einer schönen Villa. Hier, in der Nähe des Starnberger Sees, ist die Familie 1963 eingezogen. Loriots Kommentar im Katalog: „Möge mir das Streben nach irdischem Besitz, diese bedenkliche Schwäche eines sozialkritischen Zeichners, dereinst verziehen werden.“ Was geschah zwischen den beiden Bildern?

Das Benehmen wird Loriots Thema

Zwischen diesen Bildern ist Vicco von Bülow durch das Zeichnen von komischen Männchen, Weibchen und Tieren zu Loriot geworden. Er ist jetzt vierzig Jahre alt. Ein schlanker Herr mit gesträubten Augenbrauen und Lachfalten. Das Pseudonym hat seine Existenz gesichert.

Die Freundin Romi heiratet er 1951 noch im geborgten Smoking und geborgten Hemd. Seine wöchentliche Serie für die Illustrierte Stern – „Auf den Hund gekommen“ – wirft der Chefredakteur Henri Nannen nach sieben Folgen raus. Wahrscheinlich wegen solcher Leserbriefe: „Lassen Sie doch endlich die blöden und abstoßenden Hundebilder aus Ihrer Zeitung. Diese heben das Niveau des Stern sicher nicht. Ein Dauerabonnent.“ Nannen stellt Loriot später wieder ein.

Der merkt langsam, dass er sich auf seinen Blick und Strich und Fleiß verlassen kann. In den Fünfzigern zeichnet er fast jedes Jahr ein Cartoon-Buch, das ihm und dem Diogenes-Verlag Ruhm und Geld bringt. „Unentbehrlicher Ratgeber für das Leben in feiner Gesellschaft“ von 1955, „Der gute Ton. Das Handbuch der feinen Lebensart in Wort und Bild“ von 1957 oder „Für den Fall. Der neuzeitliche Helfer in schwierigen Lebenslagen“ von 1960.

So und so ähnlich heißen seine Bücher. Zu besonderen Anlässen – runde Geburtstage, Filmpremieren – werden sie sich auf den besten Tischen der Buchhandlungen als Werk versammeln.

Loriot setzt seine sofort erkennbaren Figuren nicht einfach so in die Welt. Er arbeitet mit Wort und Bild. Der kommentierende Zusammenhang ist das eigentliche Komische. Auf einer frühen Zeichnung steht ein Mann in einem kleinen Gitter. Unterschrift: „Grundstückskauf ist keine Frage des Einkommens. Auch für Sie ist der Betrag von DM 80.- für einen Quadratmeter in vornehmer Villengegend erschwinglich (A).“ Auf der Zeichnung daneben verliert sich ein Mann in der Weite eines umzäunten sandigen Geländes, in dem fern ein Kaktus steht. Text: „Sollten Sie jedoch mehr Auslauf benötigen, bietet sich Ihnen zum selben Preis etwas außerhalb das gewünschte großzügige Objekt (B).“

Einleuchtende, aber aussichtslose Alternativen sind eine seiner Spezialstrecken. Loriots Hauptperson wird ein Männchen mit Hut, schwarzer Jacke und gestreiften Hosen, ein Einfaltspinsel, umweht von Mittelstand und Anpassung. Seine Ehefrau, eher üppig als schlank, trägt oft Geblümtes. In den Gesichtern dieser Geschöpfe gibt es keine Bewegung, ein Rezensent nennt die Physiognomie einmal „eine entschlossene Ausdruckslosigkeit?… Sie sind wie ewig, diese Schafsschädel oder Neandertaler, unzerstörbar und irreparabel“.

Das Benehmen wird Loriots Thema und seine Passion: der Umgang zwischen Menschen. Missverständnisse, Fettnäpfchen, gestörte Kommunikation von Männern und Frauen, Eltern und Kindern, Gästen und Gastgebern, Käufern und Verkäufern. Lebensart für Lebensarten.

1967 geht Loriot ins Fernsehen. Er sitzt mehr als vier Jahre lang alle drei Monate auf einem geschwungenen Sofa, von dort aus zeigt und kommentiert er internationale Zeichentrickfilme. Aber der Vorrat ist nicht unerschöpflich. „Das bedeutete: mehr eigene Filme, mehr eigene Ideen, weniger im Starnberger See schwimmen. Sehr bedauerlich.“
Die Sendung heißt „Cartoon“. „Das anglophile Wort gab zu Missverständnissen Anlass. So schrieb ein Herr, dass er sehr bedaure, die Sendung nicht gesehen zu haben, da er selbst Kartonagen fabriziere. Wir beruhigten ihn mit dem Hinweis, rein beruflich habe er nichts versäumt.“

Während der „Cartoon“-Folgen zeigt Loriot Bereitschaft, ein weiteres seiner Talente preiszugeben – den Verwandlungskünstler. Dazu benötigt er die Hilfe begnadeter Maskenbildner, aber unter Brillen, Glatzen, Perücken, Bärten und einem spektakulär verlängerten Kinn in seiner Rolle als Peter Merseburger findet der Menschenkenner Loriot einen unsichtbaren Zugang. Er nistet sich in fremder Leute Denken und Sprechen ein. Natürlich übertreibt er, das muss er auch, der Karikaturist.


Manchmal übertrifft er die Figuren und echten Personen, weil er sie besser versteht als sie sich selbst. Loriot wird Bundestagsredner, Literaturkritiker, Jungfilmer, wird Karajan, Werner Höfer, Horst Stern oder Professor Grzimek. „Ende 1972 geschah es, dass unsere Panorama-Parodie mit Peter Merseburger von vielen verstörten Zuschauern für das Original gehalten wurde.“

Kann sogar stimmen, und ist nicht mehr zu steigern. Jedenfalls wird „Cartoon“ dann eingestellt. Loriot bestimmt allein, wann er Schluss macht. Wenn es am schönsten ist.

Seine Texte wanderten in den deutschen Sprachschatz


Später nimmt er die Fernseharbeit wieder auf. Für seine Reihe „Loriot“ sucht er eine Dialogpartnerin, ihm schwebt eine kleine, pummlige, blonde Hausfrau vor. Er engagiert eine schlanke, große Brünette. Evelyn Hamann. „Sie war es!“

Texte dieses Paares und seiner Mitspieler wandern in den deutschen Sprachschatz. „Ein Klavier, ein Klavier!“ „Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann.“ „Wenn Sie da mal reinschlüpfen wollen?“ „Da hab ich was Eigenes. Da hab ich mein Jodeldiplom.“ „Kosakenzipfel! Den müssen Sie probieren!“ „Sie haben da was am Mund.“ „Renate, lassen Sie uns zur Sitzgruppe gehen.“ „Sie machen mich noch ganz verrückt, Herr Meltzer.“ In kurzen Dramen umarmt dieses erwachsene Paar den Kosmos verstörter Biederkeit.


Für Loriot wird es wieder Zeit, etwas Neues zu machen, er folgt seiner Leidenschaft: „Musik ist nun mal das, was ich am meisten liebe.“ Er führt Opernregie, Flotows „Martha“, Webers „Freischütz“. Er zeichnet Bühnenbilder, Kostüme und sucht den „alten, verlockenden, sündigen Reiz der Opernbühne“. Von Provokationen des Regietheaters hält er wenig. Loriot sagt, „dass man dem Publikum nicht alles vorenthalten muss, wovon man befürchtet, es könnte ihm gefallen“. Die Oper, vor allem Wagner, wird ihn bis ins hohe Alter begleiten.
Zwischendrin kommt der Film, wieder eine andere Addition von Wörtern und Bildern zu etwas Eigenem. Jahrelang hatte ihn der Produzent Horst Wendlandt angebettelt. Nach Loriots Zusage nimmt er dessen Überschreitungen von Drehtagen und Budgets erst aufgeregt, dann ohnmächtig hin. Wer je mit Loriot arbeitet, begeistert sich für seinen Perfektionsdrang, klagt aber auch über die eigene Erschöpfung.

Fernsehen ohne Quotendruck

Am 9. März 1988 hat der Film „Ödipussi“ Premiere und zwar, das ist damals eine große und einmalige Sache, eine Doppelpremiere im Osten und im Westen Berlins. Loriots Publikum ist durch den Fernsehempfang schon längst gesamtdeutsch. 1977 war zudem „Das dicke Loriot-Buch“ im Ost-Berliner Eulenspiegelverlag erschienen.

Loriots erster offizieller Empfang in der DDR findet 1985 statt, bei einer Ausstellung in seiner Geburtsstadt Brandenburg. Als er dort 1993 Ehrenbürger wird, erinnert er sich an jenen Tag zu Mauerzeiten: „Weil es unter dem Dach des Doms von Brandenburg geschah, hatten wir dafür gemeinsam dem lieben Gott zu danken und seinen Vorgesetzten in Ost-Berlin.“ Als Loriot 1987 im Theater im Palast liest, stehen die DDR-Bürger bis zu 17 Stunden Schlange, um eine Karte zu ergattern. Viele gehen leer aus.

Auch die zweite Komödie, „Pappa ante Portas“ wird 1993 ein großer Erfolg. Danach will Loriot nicht mehr Kino machen. Horst Wendlandt beauftragt Autoren, sich für den Unvergleichlichen gute Filmgeschichten auszudenken. Absage folgt, ein für alle Mal. 1996 verkündet Loriot einen weiteren Abschied: Das Fernsehen sei für seine Art Humor und Komik zu schnell geworden. Loriot hat im Fernsehprogramm eines anderen Zeitalters arbeiten dürfen – selbstbestimmt und ohne Quotendruck.

Der Lotse geht von Bord, die Comedians übernehmen. Keiner seiner Nachfolger auf dem Gebiet des Komischen beruft sich auf ihn. Kaya Yanar, ein türkischstämmiger Comedian, wird in einem Radiobeitrag deutlich: „Loriot ist unangreifbar in Deutschland! Da kotze ich, wenn meine Wenigkeit und Komikerkollegen immer an Loriot verglichen werden.“

Loriot arbeitet weiter auf der Bühne, liest Voltaire, er erklärt Wagner und hat mehr Privatleben. Spazieren geht er mit Emil, dem achten Familienmops in Folge.
Aber auch, als er immer mehr aus der Öffentlichkeit verschwindet, bleibt er als Figur im Hintergrund präsent, die nicht nur für ein älteres Publikum die Maßstäbe setzt: Seine Sorgfalt, die Intelligenz, die Menschenliebe, die noble Haltung, sein Umgang mit der Sprache sind beispielhaft. Zuletzt lebte er zurückgezogen in Ammerland am Starnberger See.
Der Unvergleichliche ist Geschichte.

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