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G. W. Pabsts „Büchse der Pandora“ von 1929: Neben dem Original gibt es eine digitale Kopie.

Digitalisierung

Vom Korn zum Pixel

Über die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Filmerbe diskutieren Filmfachleute in Paris. Auch Filmmuseen stehen vor zahlreichen Problemen.

Von Gerhard Midding

Auch französische Minister sind nicht immer richtig informiert. Als Eric Besson noch Minister für Integration und nationale Identität war, lösten seine hartleibigen Äußerungen regelmäßig Empörung aus. Er wurde ins Ressort Finanzen und Industrie versetzt, wo er auch für digitale Ökonomie zuständig ist. Als er unlängst auf einem Festival verkündete, das kulturelle Erbe sei durch die Digitalisierung auf alle Zeiten gesichert, erntete er spöttisches Gelächter.

Ein Echo dieser Lachsalve war auch auf dem Kolloquium zu hören, das die Cinémathèque Française am letzten Wochenende mit Experten aus Europa und den USA unter enormem Publikumszuspruch in Paris veranstaltete. Archivare, Historiker und Techniker haben wenig Zutrauen zur Lebensdauer digitaler Datenträger. Sie gehen davon aus, dass sie in zehn Jahren unlesbar sein werden. Die Bewahrung des Filmerbes erfordert eine regelmäßige Datenmigration im Abstand von höchstens fünf Jahren. Dieses Erbe genießt in Frankreich einen beneidenswert hohen Rang. Dort ist die Pflichtabgabe von Filmkopien an Archive gesetzlich festgeschrieben. Und wie groß der Durst auf Filmgeschichte ist, bewies kurz zuvor das von Bertrand Tavernier begründete „Festival Lumière“ in Lyon. Tausende Zuschauer strömten dort in alte Filme von Rex Ingram, Jacques Becker, Kinji Fukasaku und Roger Corman.

Bekenntnis zur Filmgeschichte

Bessons Kabinettskollege Frédéric Mitterand gab ein entsprechend leidenschaftliches Bekenntnis zur Filmgeschichte ab. Aber ebenso wie ein großer Vorgänger im Amt des Kulturministers, André Malraux, weiß auch er, dass das Kino eine Kunst ist, die aus der Technik entstand. Geisterhaft rasch wird in Mitterands Amtszeit die Digitalisierung vorangetrieben. Nur vier Jahre nach der ersten, vollständig entmaterialisierten Vorführung eines Films im Jahr 2008 („Die Klasse“) soll die Umrüstung der Kinos abgeschlossen sein. Dieser Prozess folgt einem ausschließlich ökonomischen und politischen Imperativ: Für die Industrie ist es eine ungeheure logistische Erleichterung, Filme per Satellitensignal oder von kleinen Datenträgern vorzuführen. Für Filmemacher wie Olivier Assayas stellt sie indes einen ästhetischen Rückschritt dar. Er beklagte die katastrophale Projektion, bei der die Lichtverhältnisse nicht reguliert sind. Allzu früh hat man sich auf den Standard 2K (einer Auflösung von ca. 2 Millionen Pixeln) festgelegt; erst allmählich setzt sich das Bewusstsein durch, dass 4K (eine Auflösung von ca. 8 Millionen Pixeln) der Qualität einer guten 35-Millimeter-Kopie angemessen ist.

Dass eine Ko-Existenz von Film- und Digitalvorführung politisch nicht mehr gewünscht ist, stellt Filmmuseen vor zahlreiche Probleme. Dem Stummfilmerbe droht ein zweiter Tod, denn dessen variable Laufgeschwindigkeiten zwischen 16 und 24 Bildern pro Sekunde sind momentan in digitaler Vorführtechnik nicht möglich. Ingmar Bergmans letzter Film „Sarabande“ (aus dem Jahr 2003) ist in Frankreich nicht mehr vorführbar, da dessen High-Definition-Format inzwischen obsolet ist.

Kinematheken, Kopierwerke und Hersteller müssen ihre Rolle neu bestimmen. Bald bleibt ihnen nur noch die Nische als Geschäftsmodell; Expertenwissen wird verloren gehen. Ein Sponsor des Kolloquiums, die Firma Kodak, bekräftigt zwar in seinem Logo „Film. No compromise“ das Festhalten am Filmmaterial. Wie belastbar dieses Versprechen ist, wird sich zeigen, wenn es sich nicht mehr rechnet.

Es ist, darin sind sich alle Archivare einig, das sicherste Aufbewahrungsmedium. Bei sachgemäßer Lagerung (bei 12 Grad Celsius und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit) hält eine Filmkopie mindestens 100 Jahre. Digitale Techniken können hingegen ein nützliches Werkzeug sein. Martin Koerber von der Deutschen Kinemathek führte dies anhand seiner Restaurierung von G.W. Pabsts „Die Büchse der Pandora“ eindrucksvoll vor. Die Arbeit mit einer entmaterialisierten Kopie mindert das Risiko, das analoge Ausgangsmaterial zu beschädigen. Koerber riet zu einer zukunftsgewandten Gelassenheit: Wer Umwälzungen aktiv miterlebt, kann sie auch beeinflussen.

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