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Joachim Nimtz und Ursula Höpfner-Tabori in "Fatzer" am Berliner Ensemble.
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Joachim Nimtz und Ursula Höpfner-Tabori in "Fatzer" am Berliner Ensemble.

Berliner Ensemble: Fatzer

Auf Kopfbeinpflaster

Das Berliner Ensemble stellt in der Regie von Manfred Karge Bert Brechts „Fatzer“ in die Vitrine.

Von Ulrich Seidler

Britzelnde Wunderkerzen schreiben den Namen „Fatzer“ ins Berliner Ensemble. Es gibt eine Explosion, dass die Schädeldecken splittern. Nicht die der Zuschauer, sondern die der kahlen Totenköpfe, mit denen der BE-Ausstattungsleiter Karl-Ernst Herrmann die Bühne ausgelegt hat: Kopfbeinpflaster. Es ist Erster Weltkrieg, aus dem Loch, das in den Boden gesprengt wurde, krabbeln, ächzend und Staubwolken verbreitend, vier Soldaten mit Gasmasken und Sturmgepäck. Das sind die Deserteure, die es in Bertolt Brechts Fragment gebliebenem Lehrstück „Fatzer“ nach Mülheim verschlägt, wo sie sich in der kleinen Wohnung des einen verstecken und warten, bis der Krieg endet und die Revolution beginnt. Allein, sie lässt sich Zeit, die neue Zeit. Und der neue Mensch ist auch noch althergebracht. Fatzer zum Beispiel ist zwar der intelligenteste und der stärkste der vier, aber auch ein Schläger, Egoist und Frauenverbraucher, der seine Kameraden in Gefahr bringt und im Stich lässt, wie es ihm passt, bis sie ihn erschießen.

Einsichtsvoll im Kollektiv

Gedacht war das Stück für Brechts „Pädagogien“, Theatereinrichtungen ohne Zuschauer, in denen die zwar jungen, aber noch nicht neuen Menschen für den Kommunismus üben können sollten, zum Beispiel wie man einsichtsvoll im Kollektiv aufgeht. „Jene Stellen des Kommentars, die die Lehrer als schwierig erkennen, sollen die Schüler, vor sie sie begreifen, auswendig lernen“, weist Brecht im „Fatzerkommentar“ an.

Und auch wenn Karge den Kommentar gestrichen hat, spielen sie am Berliner Ensemble genau so: auswendig und ohne jede erkennbare Beteiligung von Hirn oder Herz. Am schlimmsten ist es, wenn laut der auf die Fabel zusammengebürsteten Fassung von Karge und seinem Dramaturgen Hermann Wündrich gelacht werden soll. Sogar für das Lachen scheinen die Spieler erst einmal ganz tief hinab in den Haha-Fundus klettern zu müssen. Jeder Satz wird mit Anlauf genommen und silbenweise durchbetont, ein zerhackter Ansagebrüllbrei mit Konsonanten, die wie Zeigestöcke hervorstechen. Und weil man auf den Schädeln schlecht laufen kann, steht man meistens in stämmiger Positur, führt illustrierende Gebärden sowie Grimassen aus und stampft zur nächsten Markierung. Das rumpelt wie bei einer dampfbetriebenen Auskunft-Erteil-Maschine, bei der der Treibriemen klemmt.

Präideologisch

Es sollte sich doch eigentlich eine Verbindung zur Geschichte, zumindest zur Theatergeschichte spüren lassen an diesem Tag. Schließlich hat Karge 1978 zusammen mit Matthias Langhoff die Heiner-Müller-Fassung „Fatzer-Fragment“ im Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt. Und jetzt kriegt er die große Bühne im Brecht-Tempel. Müller war es, der „Fatzer“ als zentrales Werk von Brecht wiederentdeckte: „Der Text ist präideologisch, die Sprache formuliert nicht Denkresultate, sondern skandiert den Denkprozess. Er hat die Authentizität des ersten Blicks auf ein Unbekanntes, den Schrecken der ersten Erscheinung des Neuen.“

Dieser „Fatzer“ mit Joachim Nimtz in der Titelrolle ist das genaue Gegenteil: so betuliches wie pathetisches Deklamiertheater.

Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm, Berlin: 1., 10. Juli, 2., 29. September. www.berliner-ensemble.de     

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