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Er konnte alle Masken aufsetzen

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Von: Norbert Mappes-Niediek

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Franz Joseph als Greis.
Franz Joseph als Greis. © Schloss Schönbrunn

Zum 100. Todestag erinnert Wien in einer Dreifach-Ausstellung an Kaiser Franz Joseph I., den Ehemann Sisis. Und widersteht hartnäckig den ans Herz gewachsenen Legendenbildungen.

Unser Kaiser“ heißt die Fotogravur, die wie ein Schnappschuss wirken soll. Franz Joseph schaut vom Balkon seiner Villa in Bad Ischl durch ein Fernglas in die Alpen. Das Gesicht ist abgewandt, aber man erkennt ihn natürlich sofort, am gewaltigen Backenbart, schon an den Konturen seines kahlen Schädels. Die Terrassentür steht halb offen, und von unten ringelt sich ganz vorsichtig eine Kletterpflanze am Geländer empor. Angetan ist die Majestät, dem Anlass entsprechend, mit Lederhose und Lodenjoppe. Jedes Detail stimmt, im Bild wie am Mann. Selbst die kaiserliche Unterhose hatte etwas zu bedeuten. „Es war nämlich eine echte Militärunterhose“, hat Kurt Vocelka herausgefunden, der Doyen der österreichischen Geschichtsforschung. „Nur aus feinerem Stoff.“

Der Kaiser repräsentierte sein Reich nicht nur, könnte man glauben: Er war es. Ganz wie seine Monarchie sprach Franz Joseph Deutsch, Ungarisch, Italienisch, Tschechisch, Polnisch, je nach Anlass. Wenn ein fremder Fürst zu Besuch kam, vertauschte er seine Uniform, je nachdem, wer sich angesagt hatte, gegen eine sächsische, englische, rumänische. Schließlich war er überall in Europa irgendwie Ehrenoberst und hatte eine Paradeuniform des jeweiligen Landes im Schrank hängen. Sommers in Ischl war er der Bergbauer, in der Hofburg zu Wien der Bürger, der brav am Schreibtisch saß und Akten studierte. Er konnte alle Masken aufsetzen und wirkte in jeder überzeugend. Nur wenn man ihm alle abnimmt, bleibt kein Gesicht.

„Mensch und Herrscher“ ist der Titel einer großen Ausstellung, die Österreich dem Kaiser zum 100. Todestag am 21. November gewidmet hat. Gemeinsam mit zwei weiteren, einer im „Hofmobiliendepot“, der großen Garagenhalle auf Schloss Schönbrunn, und einer im Jagdschloss Niederweiden an der slowakischen Grenze, bietet sie der Erinnerung einen reichen Rahmen. Der Herrscher ist vielfältig vertreten. Der Mensch bleibt unsichtbar. Schon gelebt hat Franz Joseph in einer Ausstellung. Kaum ein Monarch vor ihm wurde medial so gründlich inszeniert. Seit Mitte März sind nun wieder 70 000 Menschen aus aller Welt durch die prachtvollen Berglzimmer im Ostflügel der Residenz gezogen, wo sein Sohn, der Kronprinz, wohnte.

68 Jahre saß Franz Joseph auf dem Thron, länger als Queen Elizabeth, selbst als Queen Victoria. Nur Ludwig XIV., der freilich schon im Kindergartenalter gekrönt wurde, Thailands Bhumibol und Weltmeister Subhoza II. von Swaziland übertreffen den Rekord. Das Fotoalbum aus den fast sieben Jahrzehnten ist reich gefüllt. Aber die Seiten im Geschichtsbuch, die der Langzeitherrscher hinterlassen hat, sind merkwürdig leer.

Nicht einmal eine gute Anekdote blieb hängen, kein wirklich markanter Satz ist aus 68 Jahren überliefert. „Mir bleibt doch gar nichts erspart auf dieser Welt!“ hat Franz Joseph ziemlich sicher gesagt, als er 1898 vom Tod seiner Frau, der geliebten Sisi, erfuhr. Nach jedem seiner zahlreichen festlichen Besuche, bei denen ihn die örtliche Blasmusik begrüßte und kleine Mädchen mit Blumen im Haar Gedichte aufsagte, soll er sich mit den Worten verabschiedet haben: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“ Aber selbst das sei bloß ein schönes Bonmot, meint Kurator Vocelka, das erst im späten 20. Jahrhundert auftauche.

Gedacht war der künftige Kaiser als Retortenschöpfung. Schon der Name war Programm: Franz hieß der mutmaßliche Thronfolger nach seinem Großvater, dem angeblich „gütigen“, in Wahrheit autoritären und erzkonservativen Kaiser. Den Namen Joseph bekam er zur Thronbesteigung nach dem Urgroßonkel Joseph II., dem Sohn Maria Theresias. Für polare Gegensätze herrschte unter dem Doppeladler ein ausgeprägter Sinn. Was in Wirklichkeit schlecht zueinander passte, wie der klerikale Franz und der fortschrittliche Joseph oder wie das föderale Österreich und das zentralistische Ungarn, wurde einfach zu einer Einheit schöngeredet.

Die Erziehung des kleinen Franz erfolgte nach dem aufgeklärten Glaubenssatz, dass was man oben hineintut, irgendwann unter wieder herauskommt. Mit dem Ziel, den Output maximal zu steuern, verordnete Mutter Sophie dem Sechsjährigen einen überladenen Stundenplan. Die Lehrerschaft war politisch zusammengesetzt: Auf zwei bis drei Reaktionäre kam ein Liberaler. Das spanische Hofzeremoniell, das in Wien herrschte, sah vor, den Thronfolger weitgehend zu isolieren. Alles an ihm war geplant – alles bis auf die Erotik.

Über Franz Josephs große Liebe zu der bayerischen Prinzessin Sisi, original nur mit einem s, ist die Öffentlichkeit gut unterrichtet, wenn auch nachdrücklich erst seit 1955, als der erste „Sissi“-Film mit Romy Schneider in die Kinos kam. „Streicht man den Kitsch ab“, sagt Vocelka, „sind die Filme erstaunlich gut recherchiert.“ Tatsächlich war es ein kleiner Ausbruch, dass der gerade 23-jährige Kaiser darauf bestand, seine 16-jährige Cousine und nicht deren ältere Schwester zu heiraten. Der zweite Film, „Die junge Kaiserin“, zeigt den Konflikt zwischen dem frei und ungezwungen aufgewachsenen jungen Mädchen und dem steifen Hof, repräsentiert durch Sophie, die strenge Schwiegermutter. Den Hintergrund bildet der Streit des Kaisers mit dem ungarischen Adel, in dem die Kaiserin eine vermittelnde Rolle einnahm.

Im Gedächtnis geblieben ist Franz Joseph in zweierlei Gestalt: Als junger Kaiser in der knappen Uniform, die in den „Sissi“-Filmen der Schauspieler Karlheinz Böhm für ihn trug, und als kahle, bärtige Ikone auf Briefmarken und Porträts in jeder Amtsstube und jedem Klassenzimmer. Tatsächlich trennt die beiden so verschiedenen Figuren ein biografischer Bruch. Er betraf die Ehe mit Sisi ebenso wie die Geschichte seines Reiches.

Mitten in der 1848er Revolution und ohne Pomp und Krone auf den Thron gehoben, hatte der erst 18-jährige Monarch gerade so geherrscht, wie man es nach seiner Erziehung erwarten durfte: hart, reaktionär. Selbst für den Zaren waren es zu viele Todesurteile, die er gegen Revolutionäre verhängte. Fest von seiner göttlichen Sendung überzeugt, traute sich der fesche Kaiser zeitweilig sogar das Alltagsgeschäft des Regierens zu. Für nationale oder gar demokratische Anwandlungen fehlte ihm das Verständnis. Vom Staate Österreich hatte Franz Joseph im Grunde keinen Begriff, urteilte später Friedrich Heer, der Historiker und Chefideologe des österreichischen Nationalismus: Österreich, das waren die Ländereien seiner Familie Habsburg samt lebendem und totem Inventar.

Dann kam es für ihn selber hart. Am 3. Juli 1866 schlugen die Preußen seine Armee bei Königgrätz und warfen Österreich aus dem Deutschen Bund hinaus. Im Jahr darauf musste der Kaiser sich mit den rebellischen Ungarn auf die faktische Teilung des Reiches einigen. In wenigen Monaten zerbarsten gleich drei Träume: Erst der „Reichsgedanke“, wonach der Wiener Kaiserhof den Fürstentümern Deutschlands voranstand, und die Hoffnung, europäische Großmacht spielen zu können. Dann die Idee vom „Gottesgnadentum“, die es dem Monarchen erlaubte, nach Gutdünken und ohne Bindung an eine Verfassung zu herrschen. Ende 1867 gehörte Österreich nicht mehr zu Deutschland, war eine „Doppelmonarchie“ geworden und verfügte über eine Verfassung, an die der Kaiser sich fortan tatsächlich halten musste. Seither wurde der Bart länger und länger, und Franz Joseph begann – mit 37 Jahren – über sein fortgeschrittenes Alter zu lamentieren. Zum Schlafzimmer seiner Frau hatte er schon seit geraumer Zeit keinen Zutritt mehr.

Für ein halbes Jahrhundert wurde aus dem schneidigen Karlheinz Böhm der „Hofrat Prohaska“, wie er ironisch genannt wurde: Ein fader Buchhalter, der von morgens früh bis abends spät Akten mit nichtssagenden Glossen versah und sich seufzend in alles fügte, was seine Minister und Beamten ihm vortrugen. Es sei wohl mehr Pflichtbewusstsein als Resignation gewesen, meint Vocelka, was ihn dazu trieb, sich zurückzuhalten und an die Verfassung nicht mehr zu rühren. Oder auch Einsicht in die Beschränktheit seiner Gaben: Die Zunft ist sich einig, dass Franz Joseph von nur mittelmäßiger Auffassungsgabe, Reflexionsfähigkeit und Tatkraft war. Wenn die Zeitgenossen einem Monarchen gern glaubten, er sei in den Ersten Weltkrieg nur „gestolpert“ war, dann ihm.

Geblieben sind die Bilder, die Schatullen, die festlichen Uniformröcke, die Gedenkmedaillen, Tabaksdosen, Kutschen und Jagdtrophäen. Mehr war da nie. Anzuschauen ist der große historische Screenshot in und um Schloss Schönbrunn.

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