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Wie Konfetti im Wind

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Von: Sylvia Staude

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"Spermini" von Maurizio Cattelan.
"Spermini" von Maurizio Cattelan. © Maurizio Cattelan

„Unendlicher Spaß“: Eine Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt lässt sich vom Roman von David Foster Wallace inspirieren. Eine pessimistische und ernüchternde Schau über den Menschen und seine Obsession mit den Dingen.

Um die offenbar drängendste Frage gleich zu beantworten: Nein, man muss David Foster Wallaces Roman „Unendlicher Spaß“ („Infinite Jest“) nicht gelesen haben, ehe man in die gleichnamige Ausstellung in der Frankfurter Schirn geht. Zwar hat Kurator Matthias Ulrich die Werke von 18 zeitgenössischen Künstlern mit Blick auf den Roman ausgewählt; aber umgekehrt haben diese Künstler sie nicht mit Blick auf den Roman geschaffen. Vielmehr ist der Roman für Ulrich Inspiration und Folie gewesen, vor deren Hintergrund es nun in der Ausstellung um Themen wie die Erlebnis- und Spaßgesellschaft, das Streben nach Selbstoptimierung und das Scheitern gehen soll. Letzteres lässt sich rückbeziehen auf das Buch: Es ist durchaus umstritten, ob „Infinite Jest“ ein großer oder vor allem ein außergewöhnlich umfangreicher Roman ist. 2008, mit 46, nahm sich der unter Depressionen leidende David Foster Wallace das Leben.

Während in der Schirn-Rotunde Menschen auf großen grauen Kissen lümmeln und tatsächlich Spaß zu haben scheinen, nimmt die ziemlich enge, ziemlich labyrinthische Ausstellung, wie der Roman, ironisch Bezug auf den Titel. Im Roman ist „Unendlicher Spaß“ ein Film, der so famos wie tödlich unterhält, indem man sich nämlich davon partout nicht mehr losreißen kann. Kanadische (!) Terroristen versuchen, diesen Film aufzutreiben, um damit der Spaßgesellschaft den Rest zu geben. Wallace lässt den 1996 erschienenen Roman übrigens in einer nahen Zukunft spielen – plus 18 Jahre wollen einige errechnet haben, was also just 2014 wäre.

Der Tanz des Konfettis

Das vergleichsweise größte Vergnügen könnte einem noch Lara Favarettos „Tutti gìu per terra“ machen. Konfetti wird in dieser Installation von vier Ventilatoren aufgewirbelt, tanzt durch die Luft, legt sich an anderer Stelle wieder ab. Allerdings bleibt man ausgeschlossen, kann das muntere Papierschnipsel-Spiel nur durch eine Scheibe betrachten. Interessanterweise scheint die Arbeit mal bunt gewesen zu sein, auch die Schirn wirbt mit einem bunten Konfettibild, ist aber nun schlicht und schön königsblau.

Einen Strauß verschiedenfarbiger Luftballons lässt Peter Coffin in einer raumfüllenden, titellosen Installation mittels eines metallenen Beförderungssystems langsam durch den Raum ruckeln. Die Symbole für Kinderglück und Festfreude wirken, derart mechanisch dauerbewegt, so trostlos wie vergeblich. Und biegt man ums nächste Eck, hängen dort, aufgespannt wie Lampions, lauter Kruzifixe („Festum“ von Kris Martin). Alle industriell hergestellt, alle in ungefähr der gleichen Größe.

 Überhaupt scheint die mechanische und biologische Vervielfältigung, die dem Klonen von Dingen und Lebewesen innewohnende Unheimlichkeit, eines der drängendsten Themen der vertretenen Künstler zu sein. Maurizio Cattelan hat seinen eigenen schmalen Kopf mit der prominenten Nase in unterschiedlichen Hauttönungen und insgesamt 250 Mal in Gummi herstellen lassen. Als „Spermini“ schauen die Köpfe nun aus der Schirn-Wand. Kris Martin lässt seinen einzigartigen Fingerabdruck immer blasser werden und schließlich, jedenfalls fürs bloße Auge, verschwinden. Joep van Liefland hat als Verschachtelung in der Verschachtelung einen Raum mit einem Mini-Labyrinth gefüllt, dessen Wände von oben bis unten mit Regalen und diese wiederum mit Videokassetten gefüllt sind. Die Zahl der dort codifizierten, inzwischen mangels Abspielgeräten weitgehend nutzlosen Bilder muss Legion sein.

Scheußliche Zierkissen

Ryan Trecartin sperrt seinen Reizüberflutungs-Videospot namens „Ready (Re’Search Wait’s)“ nicht auf Kassette. Großformatig flimmert das enervierende Geplapper, Gezappel, Grimassieren zweier Personen über eine Wand seines „Living Comp“, in dem hässliches Mobiliar – die großen Teile je doppelt – befremdlich aufgebaut und befestigt ist. Auf einem Bettgestell steht eine kleine Ledercouch, hochsteigen müsste man (so man das dürfte und wollte) über eine Trittleiter, wie sie Lastwagen zum Beladen haben. Kunststoff-Gartenbänke sind mit Riesenmetallklammern gesichert. Und wirklich scheußliche Zierkissen hat der Künstler auch beschafft.

Es tönt und flimmert aus ziemlich vielen Ecken in dieser Ausstellung. Eine computergenerierte Whitney Houston wird interviewt (Josh Kline, „Forever 48“). Andrea Fraser sitzt sich in einer Videoinstallation selbst gegenüber zu einem psychoanalytischen Gespräch. Francis Alÿs lässt einen Zeichentrickfilm doppelt ablaufen, in dem ein Mann einen Stock über einen Zaun klackern lässt. Das Klackern rhythmisiert den simplen Trickfilm-Loop auf fast hypnotische Weise.

Der Mensch und seine Obsession mit den Dingen, könnte man die Ausstellung aber auch überschreiben. Judith Hopfs „Erschöpfte Vasen“, nüchtern weiße Standardformen, tragen schon ganz müde, mürrische Gesichter. Und in Helen Martens computeranimiertem Video „Evian Disease“ kriecht nicht nur eine doch sehr künstlich aussehende Schnecke durchs Bild, sondern ist das bisschen Welt, das der Film zeigt, vollgestellt mit quietschegrünem Plastiksessel, einer 08/15-Katzenfigur, einem blitzenden Herd, einer bestimmt abwaschbaren Zitronennachahmung. Wo nur soll all der Schrott hin, wenn wir unseren unendlichen Spaß mit ihm gehabt haben?

Es ist, aber das war bei ihrem Roman-Bezugspunkt allemal zu erwarten, eine mindestens ernüchternde, wenn nicht ziemlich pessimistische Ausstellung.

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