+
Nia Künzer ist erfreulich uneitel.

Fußballfernsehen

Kommentator*innen der Fußball-WM: Präsenz zeigen durch Distanz

  • schließen

Stephanie Baczyk und Nia Künzer sind die Gewinnerinnen der WM in Frankreich.

Wäre das Turnier der Frauenfußball-WM so verlaufen, wie sich das die Fernsehleute von ARD und ZDF vorgestellt hatten, dann würde am heutigen Mittwoch die deutsche Mannschaft gegen die Niederlande antreten. Was hätte es nicht alles zu erzählen gegeben über die Oranjes mit ihren Wohnwagen. Aber nun ist es ganz anders gekommen, auch wenn Bernd Schmelzer das nicht für möglich hielt.

Der ARD-Chefkommentator bei dieser WM hatte sichbeim Viertelfinale gegen Schweden mit der Bemerkung disqualifiziert, dass Spiele der DFB-Frauen gegen die Skandinavierinnen so etwas wie „Dinner for One“ wären. „Man freut sich drauf, obwohl man weiß wie’s ausgeht.“

Auch angesichts der Bilanz der letztjährigen Männer-WM wäre etwas mehr Demut vor der Konkurrenz angemessen gewesen. Es war im vorigen Jahr viel von den Lehren die Rede, die aus dem Abschneiden der Löw-Elf zu ziehen seien. Eine Lehre in Sachen medialer Begleitung wäre es gewesen, Spiele nicht schon vor dem Anpfiff zu gewinnen.

Schmelzer darf bleiben, Stephanie Baczyk geht

In Abwandlung eines beliebten Sprichwortes (Was kümmert mich meine Kommentiererei von gestern) darf Bernd Schmelzer das Halbfinale der Schwedinnen besprechen und am Sonntag wohl auch das Endspiel, während sich seine Kollegin Stephanie Baczyk bereits am Wochenende per Twitter aus dem Turnier verabschiedet hat. „Letzter Tag et au revoir! Hat Spaß gemacht!“

Die ARD-Sportabteilung verpasst damit die Chance, einer Gewinnerin der diesjährigen WM jenes Podium zu bieten, das sie sich mit ihrer sachlichen und zurückhaltenden Art des Kommentierens verdient hat. Die 32-jährige Sportjournalistin, die sich nicht nur im Fußball auskennt, sondern auch Sozialwissenschaften und Kulturmanagement studiert hat, bringt einen Ton in die Live-Übertragungen ein, der sich von dem druckvollen Fabulieren etlicher ihrer männlichen Kollegen und auch ihrer Kollegin Claudia Neumann im ZDF wohltuend abhebt. Stephanie Baczyk begleitet das Spiel mit einer gewissen Gelassenheit, sie analysiert Situationen, erklärt die Regeln und wenn sie sich geirrt hat, scheut sie sich auch nicht, sich zu korrigieren. Dabei achtet sie auf ihre Sprache und tappt kaum mal in die Floskelfalle. Bei ihr brennt es nicht im Strafraum lichterloh und da wird auch keine Zeit von der Uhr genommen.

Wie jede Frau am Fußballmikrofon musste die RBB-Journalistin hässliche Kommentare über sich in den sozialen Medien lesen, als sie 2015 bei der WM in Kanada zum ersten Mal für die ARD kommentierte. Umso besser, dass es diesmal nicht nur einigen Zuspruch vom Fernsehpublikum gab, sondern auch eine Würdigung von berufener Seite: „Einmal mehr ist die Regelsicherheit und -souveränität von ARD-Kommentatorin Stephanie Baczyk auch in strittigen Situationen bemerkenswert“, lobte sie der Schiedsrichter-Podcast „Collinas Erben.“

Nia Künzer mit erfreulicher Distanz 

Was Stephanie Baczyk hinter dem Mikrofon auszeichnet, beweist ihre temporäre ARD-Kollegin Nia Künzer nun schon seit Jahren zuverlässig vor der Kamera. Sie hält eine kühle, aber immer freundliche Distanz zu dieser fußballerischen Welt, die sich aus der TV-Perspektive ansonsten so sehr um die Überwindung jeder Distanz bemüht. Weder macht sie sich mit den Spielerinnen gemein noch mit dem Zuschauer, und sie versucht auch nicht mit ihrem Moderator Claus Lufen diese kleinen ironischen Spielchen zu spielen, mit denen sich Experten gern profilieren.

Lesen Sie auch

- USA zieht nach Sieg gegen England ins Finale ein

Nia Künzer, Weltmeisterin von 2003 und zu ihrer aktiven Zeit mit vier Kreuzbandrissen geplagt, weiß, worüber sie redet, sie weiß aber auch, dass es noch wichtigeres als Fußball gibt. Sie kennt sich mit dem System aus, ohne Teil des Systems zu sein. Nicht nur das unterscheidet sie von ihren männlichen Kollegen. Sie ist auch noch erfreulich uneitel. Nach Beendigung ihrer Karriere hat Nia Künzer Pädagogik studiert, als Unicef-Botschafterin setzt sie sich für Mädchenfußballprojekte in Namibia und für die Schulbildung in Bangladesch ein. Seit zwei Jahren ist Nia Künzer im Regierungspräsidium Gießen als Dezernatsleiterin für den Bereich Integration, Sozialbetreuung und Ehrenamt tätig und somit auch für die Flüchtlingsarbeit.

Man muss das alles nicht wissen, um ihre Präsenz im Studio würdigen zu können, aber wenn man es weiß, findet man eine Erklärung dafür, woher diese Souveränität rühren mag. Kürzlich hat die ARD den Vertrag mit Nia Künzer um weitere zwei Jahre verlängert. Aber zunächst einmal ist sie am Sonntag im Finale dabei.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare