Kolumne „Unter Tieren“

Aber was ist mit dem Löwen ...?

  • schließen

In der August-Ausgabe ihrer Kolumne bekommt es Hilal Sezgin mit einem Lieblingsargument von Fleischessern zu tun. Sie ist ein bisschen – genervt. Die Kolumne „Unter Tieren“.

Ich weiß nicht, wie oft in den über 100 Goethe-Instituten rund um den Globus Abende zu „Tierrechten“ veranstaltet werden – aber als ich eine solche Einladung vom Goethe-Institut Ankara erhielt, reiste ich nur allzu gern hin. Mit etwas ungewissen Gefühlen: Ich hatte gehört, dass es in Istanbul eine (kleine?) vegane Szene gibt. Ob sich aber auch in Ankara mehr als eine Handvoll Menschen von dem Thema angezogen fühlen würden, stand dahin.

Was für ein Vorurteil meinerseits! Der Saal war fast voll, vor allem kamen Dutzende von Studentinnen und Studenten. Ganz wundervoll war auch die zweite Rednerin des Abends, nämlich die vegane Journalistin und Moderatorin Nevsin Mengü. Während sie sprach, konnte ich nur staunen, weil ich jeden ihrer Sätze hätte unterschreiben können; umgekehrt ging es ihr anscheinend ähnlich. In kurz: Tiere können fühlen, Tiere wollen leben; es ist Unrecht, wenn wir unsere Stärke und Macht ihnen gegenüber schamlos ausspielen; wir dürfen sie nicht vor Kutschen spannen, nicht in Käfige sperren, nicht töten.

Wo machte sich da der unterschiedliche Background bemerkbar, wo blieb da die oft beschworene Kluft zwischen den Kulturen? Nicht ohne Hochmut nehmen wir von Westeuropa aus gerne an, dass Tierrechte etwas so Modernes, Avantgardistisches seien, dass man sich fast genieren müsse, diese Idee in den Rest der Welt zu „exportieren“... Aber dann kommt man in jenem „Rest“ an und merkt, dass dieselben Ideen dort ebenfalls sprießen. Gibt es also einen Universalismus des moralischen Verstandes und des Gewissens? Das jedenfalls antwortete Nevsin Mengü, als ich sie nach unserem Abschied in einer Whatsapp fragte, ob es sie nicht auch überrascht habe, wie ähnlich wir dächten? Sie schrieb: „Das Gewissen treibt Menschen anscheinend oft zu denselben Schlüssen.“

Lustigerweise allerdings nicht nur das Gewissen, sondern auch der Starrsinn. Fast musste ich laut auflachen, als meine Mitrednerin im Laufe des Abends auf den berühmten Löwen zu sprechen kam, der wohl auch in der Türkei in sämtlichen Diskussionen ums Fleischessen seinen obligatorischen Auftritt hat. Dort wie hier heißt es immer wieder: „Schließlich frisst ein Löwe auch Fleisch; wieso also sollen wir Menschen nur Pflanzen essen?“

Irgendwann, wenn ich viel Zeit und Geld habe, unternehme ich eine Tour zu den Veganern rund um die Welt, zeichne ihre Diskussionen mit Fleischessern auf und schneide daraus ein kleines Filmchen. Man würde darin etwa einen finnischen Veganer sehen, der die bekannten Argumente für den Veganismus vorbrächte; und einen finnischen Fleischesser, der siegessicher seinen genialen Einwand vortrüge: „Aber was ist mit dem Löwen…?“

Schnitt. Chinesischer Veganer (ja, gibt es) in Diskussion mit chinesischem Fleischesser. Letzterer: „Was ist mit dem Löwen...?“ Mexiko City, Rio de Janeiro: Die üblichen Argumente der dortigen Veganer, und dann auf Spanisch bzw. Portugiesisch: „Aber der Löwe ...?“

Ich wurde in den 80er Jahren Vegetarierin und führte die Diskussionen ums Fleischessen mit dem teenagerüblichen Eifer. Aber gewisse Wiederholungen gingen mir doch allmählich auf die Nerven. Und weil in den 1980er Jahren auch Computer an den Schulen Einzug hielten, schrieb ich mit einer Freundin für den C64 ein Programm mit Vegetarismus-Standardargumenten. Das meiste habe ich vergessen, aber ein Element unserer Stichwort-Menge lautete: „Löwe.“

Damals habe ich noch geantwortet, dass der Mensch, anders als der Löwe, keine Reißzähne habe; heute sage ich meist: „Der Löwe leckt sich auch den Po sauber und paart sich mit seinen Töchtern. Seit wann orientieren wir uns an Löwen?“ Doch egal, was man sagt, dieses Mem scheint unausrottbar, in sämtlichen Ländern der Welt, ob löwenlos oder von Löwen besiedelt. Man kann nicht wissen, wann der letzte Fleischesser – hoffentlich! – die Waffen strecken wird. Doch eins ist klar: Noch während er das geliebte Grillbesteck abgibt, wird er mit matter Stimme seufzen: „Aber... der ... Löwe...?“

Die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer in Ankara jedenfalls hatten leuchtende Augen, und viele von ihnen trugen Feuer im Herzen. Eine fragte nach Tipps, wie sie veganes Essen in der Mensa durchsetzen könne. Eine andere will mit ihren Kumpels einen Lebenshof für Schafe eröffnen. Um das Leid der Labormäuse ging es auch. Mir haben diese Begegnungen neue Hoffnung gegeben für eine friedlichere Welt für Menschen und Mäuse, Lamm und Löwe.

Zur Person

Hilal Sezgin, Jg. 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt ist ihr Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ bei DuMont erschienen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion