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Die Selbstüberschätzung der Europäer ist untrennbar verbunden mit der kolonialen Vergangenheit: Szene aus Namibia, um 1900.

„Der lange Abschied von der weißen Dominanz“

Kolonialismus: Historischer Abstieg der Weißen

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In „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ arbeitet die Autorin Charlotte Wiedemann heraus, wie der Kolonialismus bis heute fortwirkt. Ein Auszug.

Als ich vor dem Schädel stand, es war ein Totenschädel aus Namibia, von frischen weißen Lilien umrahmt für eine würdige Heimreise, sah ich die Nummer. Der Schädel hatte eine Inventarnummer auf der Stirn, eine bläuliche Ziffernfolge, Zeichen der Ordnung auf den einstigen Regalen des deutschen Kolonialismus.

Ich muss nicht erklären, wie mich eine Nummer auf einem Menschen berührt.

Aber da ist noch etwas anderes, und das möchte ich mitteilen: Welche Chancen sich auftun in einem solchen Moment. Die Chance zu verstehen, zu begreifen, uns neu zu betrachten und uns nach Möglichkeit zu befreien von dem, was wir waren und in einem gewissen Maße immer noch sind.

Dies kann nur ein langer Abschied sein. Von einer Prägung, die über Jahrhunderte entstand, kann sich niemand leichthin lösen.

Weiße Dominanz zeigt sich im Verbrauch von Ressourcen

Abschied also. Das Wort setzt voraus, dass es Abschiednehmende gibt, Handelnde. Andernfalls wäre nur von der Vertreibung aus der weißen Dominanz zu reden, ein Prozess, der ohnehin im Gange ist. Ich möchte zu einem tätigen, reflektierten Abschiednehmen ermuntern und zum Annehmen von Neuem, ohne Furcht.

Weiß ist mehr als eine Hautfarbe, es handelt sich um eine soziale Position, um Haltungen und Deutungsmuster. Weiße Dominanz zeigt sich im Verbrauch von Ressourcen, in Wirtschaftsmacht und Finanzströmen, in der Deutung von Konflikten, in der Geschichtsschreibung. Auf all diesen Feldern bricht ein neues Zeitalter an. Der Westen bestimmt nicht mehr die Ordnung der Welt, und wir können anderen unsere Definitionen von Fortschritt, Entwicklung oder Feminismus nicht länger aufzwingen.

Charlotte Wiedemann ist freie Autorin. Sie schreibt unter anderem für „Geo“, die „Zeit“ und die „taz“. Ihre Recherche-Reisen haben sie in 26 außereuropäische Länder geführt, vor allem in Afrika und Asien. Zuletzt hat sie Mali und den Iran besucht. Als Schwerpunkt ihrer Arbeit nennt sie das Thema „Wir und die Anderen“.

Was wir gegenwärtig als turbulente Entpuppung einer Einwanderungsgesellschaft erleben, steht in Zusammenhang mit größeren Fragen, die unser Weltbild und unser Bild von uns selbst betreffen. Wer wir sind und wie wir das „Wir“ bestimmen, das lässt sich nicht mehr allein in den Grenzen des Nationalstaats beantworten. Die Vorstellungen vom Eigenen und vom Fremden sind gleichermaßen Phantasien über unseren Platz auf dieser Erde, ob bewusst oder unbewusst.

Weiße Europäer und Europäerinnen müssen heute einen historischen Abstieg verkraften, und sie werden das hoffentlich tun, ohne in Faschismus zu verfallen.

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Auf den Landkarten, wie sie üblicherweise benutzt werden, erscheint Europa größer als es ist. Sobald die Erdkugel zweidimensional verflacht wird, entstehen Verzerrungen, und je näher es dem Äquator zugeht, desto mehr weicht die dargestellte Fläche eines Landes vom tatsächlichen Maßstab ab. Von dieser geistigen Geografie sind wir geprägt. Unsere Größe zu überschätzen ist essenzieller Teil des europäischen Lebensgefühls und untrennbar verbunden mit der kolonialen Vergangenheit. Ende des 19. Jahrhunderts befand sich ein wesentlicher Teil der Erde unter der Herrschaft der einen oder anderen europäischen Macht. Allein die Briten beherrschten auf dem Höhepunkt ihres Empires ein Viertel der Menschheit, so seltsam das bei einem Blick auf den gegenwärtigen Zustand ihrer Insel erscheinen mag.

1850 lebte in Europa doppelt so viele Menschen wie in Afrika

Die meisten Menschen, denen man heute auf der Erde begegnen kann, waren in der Geschichte ihrer Gesellschaften auf die eine oder andere Art mit europäischer Vorherrschaft konfrontiert. Zeugnisse davon finden sich in den Überresten kolonialer Altstädte in tropischer Kulisse, und ich kenne sehr wohl das spontane Gefühl von Zuhause-Sein, das unsereinen an diesen Orten überkommt. Es ist leicht, derartige Hinterlassenschaften für den Ausweis kultureller Größe zu halten und dabei zu übersehen, mit wie viel Gewalt im Geleitzug europäische Architektur und Stadtplanung verbreitet wurde.

Sammelbild von Aecht Franck Kaffeezusatz, 1905: „Herero-Aufstand in Deutsch-Südwest-Afrika“.

Noch etwas ganz anderes ist aus dem Blick geraten: wie groß die Bevölkerungen Europas einmal waren, im Vergleich mit anderen Erdteilen. Inmitten heutiger Ängste vor Einwanderung ist kaum mehr vorstellbar, dass 1850 in Europa doppelt so viele Menschen lebten wie in Afrika; die Relation war zweihundertsechsundsiebzig Millionen zu etwa hundertzehn Millionen. Und ein Jahrhundert später, 1950, gab es immer noch zwei Mal mehr Europäer. Durch die beschleunigte Alterung im wohlhabenden Norden hat sich die Demografie heute zugunsten des Südens umgekehrt. Im 19. Jahrhundert aber, als das Zeitalter der Industrialisierung aufkam, wurden Teile der Bevölkerung Europas als ökonomisch überschüssig betrachtet; die Auswanderung und die Kolonisierung entlegener Gebiete halfen, sich ihrer auf kontrollierte Weise zu entledigen.

Einige Jahrhunderte lang fühlte sich Europa berechtigt, mit einer gottgleichen Geste Bevölkerungen auf dem Planeten umzuschichten: Einerseits wurden mindestens zwölf Millionen Afrikaner in die überseeischen Besitzungen gezwungen, andererseits der für überflüssig befundene einheimische Mensch als tendenziell gewaltbereiter Siedlungskolonist in die Ferne geschickt.

Blutige Massaker im Ringen um die Kolonien

Was war die Quelle dieser Selbstermächtigung? Welches Selbstbild trieb die immense Expansion voran? Hören wir einen der angesehensten Repräsentanten der europäischen Idee: Paul Valéry, geboren 1871, französischer Dichterfürst, Intellektueller und alles andere als ein Nationalist. Nach dem Ersten Weltkrieg, als er Europas Kultur von innen her bedroht sieht, meißelt er noch einmal ihre Sonderstellung heraus. „Die anderen Weltteile hatten wohl bewundernswerte Kulturen“, schreibt Valéry in seinem Essay ‚Die Krise des Geistes‘. „Aber kein anderer Teil der Erde besaß diese seltsame physische Eigenschaft: intensivste Ausstrahlungskraft, verbunden mit intensivstem Absorptionsvermögen. Alles kam nach Europa und alles kam von Europa. Oder doch fast alles.“

Natürliche Reichtümer seien zu gering, um die Vormachtstellung zu erklären, es müsse also an der Art der Menschen liegen. „Ich kann diese Art nicht im Einzelnen analysieren; aber ein rascher Überblick ergibt, dass unersättlicher Tätigkeitsdrang, glühende und rein sachliche Neugier, die glückliche Verbindung von Phantasie und logischer Strenge, Skepsis ohne Pessimismus, Mystik ohne Resignation die spezifisch wirksamen Kräfte der europäischen Psyche sind.“

Der utopische Raum

Am Donnerstag, 17. Oktober 2019,  ist Charlotte Wiedemann in Frankfurt live zu erleben: Die Stiftung medico international lädt zu Lesung und Gespräch mit der Autorin ein. Es moderiert Katja Maurer von medico international.

Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Osthafenforum im medico-Haus, Lindleystraße 15 (gegenüber Haus Nummer 11). Der Eintritt ist frei.

„Der utopische Raum“ heißt die von der medico-Stiftung initiierte Reihe, die mit diesem Abend fortgesetzt wird. Nach dem Auftakt Ende September unter dem Titel „Es geht auch anders!“ (die FR berichtete) soll nun der „utopische Raum“ in monatlicher Folge anhand einzelner Beispiele vermessen werden – diesmal verbunden mit Wiedemanns Appell, das Ende der weißen Dominanz „als Befreiung zu denken“.

Die Frankfurter Rundschau tritt bei der Veranstaltungsreihe als Kooperationspartnerin der Stiftung medico international auf. FR

Selbst in diesem dunkelsten Moment, nach den Gräueln des großen Krieges, nach Giftgas in Schützengräben und blutigen Massakern im Ringen um die Kolonien, hat der Glaube an die eigene Singularität überlebt. Valéry war kein Rassist im engeren Sinne, er warb für die Aussöhnung der Kriegsgegner, gehörte einer Kommission des Völkerbundes an. Für ihn waren die Europäer nur schlicht überlegen. Europa war das Gravitationszentrum der Welt. Hier entsprang die Zentralperspektive, hier lag der natürliche Mittelpunkt aller Betrachtung.

Davon ist noch viel in uns Heutigen, in jedem und jeder Einzelnen, gerade in den liberalen intellektuellen Kreisen. Dieser spezielle Zentrismus, in dem wir uns als Weiße und Europäer neutral und voraussetzungslos fühlen, am Nullpunkt des Koordinatensystems, von wo aus unser Blick freundlich interessiert alle anderen streift, die nun einmal da sind, ohne dass wir sie brauchen würden für die Interpretation der Welt. (…)

Es besteht deshalb ein eigentümliches, kompliziertes und widersprüchliches Verhältnis zwischen zwei Varianten von Europäer-Sein. Auf der nationalen Bühne tritt „der Europäer“ kühl und fortschrittlich auf, als Gegner dumpfer Ressentiments. Im selben Augenblick kann diese Gestalt mit ihrem geschliffenen Selbstbild durchaus weiße Dominanzkultur verkörpern. Es handelt sich dann um monochrome Kosmopoliten, ihr Europa, genauer gesagt Westeuropa, ist immer noch die Verkörperung von Vernunft und Freiheit, und sie sind Repräsentanten einer Kultur, zu der sich der Rest der Welt komplementär verhält.

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Was sagt es über uns, wenn uns gelänge, tatsächlich alle Kunstwerke zurückzugeben, von der Afrikaner und Afrikanerinnen mit gutem Grund annehmen, sie seien unrechtmäßig nach Europa gelangt?

Die Frage auf diese Weise zu stellen, führt auf die Gebiete des Rechts, der Kunstauffassung und der Psychologie, und jedes Mal treffen wir auf gedankliche Hierarchien, aus denen wir uns zum eigenen Nutzen befreien könnten.

Zunächst: Können rechtliche Prinzipien, die anderswo erdacht werden, für das Verhalten von Europäern bindend sein? Die Antwort der Kolonialzeit war ein klares Nein: Nicht-westliche Rechtsvorstellungen wurden der Mythologie oder dem Religiösen zugeordnet. Und noch heute wird in der Diskussion, ob ein Erwerb damals legal gewesen sei, oft ausschließlich unsere Vorstellung von Eigentum herangezogen.

Grundlage der Moral von Schwächeren

Ob in den 1930er-Jahren einem bedrängten jüdischen Sammler Gemälde genommen wurden oder zur gleichen Zeit einem bedrängten kolonisierten Dorf seine Skulpturen: unterschiedliche Formen des Besitzens machen eine Tat nicht weniger schändlich. 1907 gab der Reichstag eine Erhebung in Auftrag, die einheimisches Recht in den Kolonien zum Thema hatte. Europäer ahnten sehr wohl, dass es Unrecht war, wenn sie als unverkäuflich betrachtete sakrale Objekte von einem Einheimischen erwarben. Sie nahmen die Hehlerware gern, ähnlich wie es heute eine stille Komplizenschaft gibt, wenn korrupte Regierungen Rohstoffe zu Niedrigstpreisen feilbieten.

Der Starke lässt sich nicht auf Grundlage der Moral von Schwächeren verurteilen. Dieses Prinzip hat sich in den afrikanischen Objekten gewissermaßen verdinglicht und blickt uns aus ihren toten Augen an. (…)

Berlin, 2011: Ein Schädel aus Namibia.

Der Begriff von Eigentum, wie er sich aus römischen und später europäisch-nationalstaatlichen Rechtsordnungen entwickelt hat, ist nicht so universell, wie wir meinen. „Dinge sind nicht überall entweder das Eigentum eines Individuums oder eines Kollektivs“, schreibt die Ethnologin Larissa Förster. In einem Objekt können sich unterschiedlichste Ansprüche auf Miteigentümerschaft bündeln: Rechte an Mustern und Motiven, Rechte des Aufbewahrens, des Zeigens, ein Recht der Nachahmung, des Vererbens, des Veräußerns, gar des Zerstörens. Dimensionen, die mit einem kapitalistischen Eigentumsbegriff nicht zu fassen sind.

Vernetzte Ansprüche – klingt das nicht womöglich auch nach Zukunft?

Könnte aus einem großen europäischen Akt der Rückgabe ein neues Verständnis von Kulturerbe als universellem Gemeingut hervorgehen, mit vielen verschiedenen Zugängen? Gewiss – doch bevor Modelle von sharing und Zirkulation entwickelt werden, müssen die Werke zurückerstattet, ihre Rückgabe zumindest angeboten werden. Auf die Idee, cultural heritage für die gesamte Menschheit zu bewahren, kann man sich leicht einigen. Aber nicht alle verstehen darunter eine globalisierte Rotations-Kunst, die heute hier, morgen dort den Augen einer anonymen Masse präsentiert wird.

Charlotte Wiedemann: Der lange Abschied von der weißen Dominanz. dtv, München 2019, 288 Seiten 18 Euro.

Lange Zeit waren Museen Orte, an denen gelernt wurde, dass es hohe und niedere Kulturen gibt: Europäische Kunst kam in die Kunstsammlung, außereuropäische ins Völkerkundemuseum. Manche sprechen heute von „Weltkunst“, analog zur Weltmusik, beides große Behältnisse für alles Nicht-Westliche. Wie bei den vermeintlich segregierten Stadtteilen, wo mehr Migranten leben als Langheimisch-Deutsche, hat das, wo wir nicht dabei sind, immer eine unsichtbare Gemeinsamkeit – das Nicht-Wir.

In den Foyers heutiger Museen stehen nicht mehr die sogenannten Schaugruppen, in denen sich kaum bekleidete lebensgroße schwarze Figuren harmonisch zu Tier und Pflanze fügten. Aber etwas scheint im weißen Menschen zu rumoren und immer wieder ein Bedürfnis nach nackter schwarzer Haut zu wecken. Ob es der wohlgestaltete dunkle Oberkörper eines Tänzers auf einem Werbeplakat ist oder die hinfällige Gestalt einer Hungernden, die in einem angesehenen Magazin so abgebildet wird, dass der Blick als Erstes auf ihre Brustwarzen fällt.

Der Kolonialismus, schreibt Achille Mbembe, habe seine überschießende Energie aus seiner Verbindung zu allen möglichen Triebregungen gezogen, „zu mehr oder weniger eingestandenen Wünschen und Begierden, die meist außerhalb des bewussten Ich der Beteiligten blieben“.

Die Vitrinen öffnen, könnte ein Signal an diese Begierden sein: Wir sehen euch, ihr seid nicht mehr unerkannt. Dies aber ist das Schwerste überhaupt: das eigene Begehren zu durchschauen.

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