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Angelika Klüssendorf.

Stadtschreiberin Bergen-Enkheim

Koeppens Lottozahlen

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Im Festzelt von Bergen-Enkheim übernimmt Angelika Klüssendorf das Schreiberamt.

Für einen deutschen Schriftsteller gibt es normalerweise selten Gelegenheit, dem „Berger Handkäsbrot“ zu huldigen. Marcel Beyer hat sie genutzt. Der scheidende Stadtschreiber von Bergen-Enkheim ließ es sich am vergangenen Freitagabend auch nicht nehmen, das Frankfurter Kino „Harmonie“ und Schloss Rumpenhain ins rechte Licht zu rücken. Seine Abschiedsrede war gewitztes Husarenstück und zugleich Türöffner für Angelika Klüssendorf.

Den Schlüssel zum Stadtschreiberhaus übernahm Beyers Nachfolgerin im proppenvollen Festzelt auf dem Berger Marktplatz – sie wird literarische Botschafterin in einem Jubiläumsjahr sein. Zum 40. Mal wurde der begehrte Preis an diesem warmen Augustabend vergeben. Während eine große Ausstellung mit Dokumenten und Bildern gerade vorbereitet wird, durften Appetithäppchen zur Schlüsselübergabe nicht fehlen. Fotografien flimmerten über die Leinwand, Anekdoten machten die Runde: Wie die Dichter und Denker im Wirtshaus „Alte Post“ Sprechstunden abhielten, sich im Haus an der Oberpforte einigelten, ihre Hunde am Berger Hang ausführten.

Unkompliziertes Verhältnis

Ein Name wurde mehrfach genannt: Dankbar erinnerten sich Frankfurts Bürgermeister Olaf Cunitz und Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese an Franz Joseph Schneider, der das Stadtschreiber-Amt ins Leben gerufen hat. Was 1974 begann, ist heute in der deutschen Kulturlandschaft fest verankert. Seine Eigenart hat der Preis bewahrt – nicht ohne Grund lobte Beyer die Offenheit der Bergen-Enkheimer, das unkomplizierte Verhältnis zwischen Bürger und Künstler. Übrigens wurde der angereiste Ex-Stadtschreiber Thomas Rosenlöcher mit dem stärksten und herzlichsten Beifall des Abends bedacht: ein Orkan der Zuneigung.

Dass der 39. Schreiber Beyer trotz mehrmaliger Begehung des nahen Berger Hanges keine Steinkäuze zu Gesicht bekam, lädt ein zur Wiederkehr. Andere Aktivitäten im Jahreskreis ließen sich aus „NSA-Unterlagen“ rekonstruieren: Hessen-Center und Sauerkrautfabrik wurden erforscht, Karl May und der Erste Weltkrieg schriftlich bewältigt. Eine „Parallelwelt“, aus der sich Marcel Beyer schweren Herzens verabschiedet.

Eingetroffen, aber noch nicht angekommen, ist Angelika Klüssendorf. Die 54-Jährige – „Reden zu halten, ist mir nicht vertraut“ – sprach zu ihrem Antritt über das Danken. Und rückte den Vater, einen „jähzornigen Mann“, in den Mittelpunkt. Der sie als Zehnjährige mitnahm, wenn er seine gemalten Schilder in den Kneipen verkaufte und mit anwesenden Frauen in Streit geriet. „Er war ein guter Zeichner, wohl auch ein Heiratsschwindler“. Und sei schließlich derjenige gewesen, der sie zum Schreiben gebracht habe.

Prägnant und knapp wie ihre Erzählungen hielt die neue Preisträgerin auch ihre Ansprache – am Ende dankte sie dem ersten Stadtschreiber Wolfgang Koeppen, mit dessen „Lottozahlen ich jede Woche spiele“. Sie freue sich auf die Zeit in Bergen-Enkheim.

Während der anschließenden Signierstunde kam es jedenfalls zu ersten Annäherungen. Da waren jene Wogen längst geglättet, die Jean Ziegler zuvor aufgewühlt hatte. In seiner Festrede ließ sich der Soziologe und Autor nicht von der allgemeinen Bembel-Seligkeit vereinnahmen. Mit „Eine Milliarde Menschen sind in unseren Tagen ständig unterernährt“ wurde ein Thema ins Feld geführt, das die Feierstimmung deutlich abkühlte. Ziegler nannte Banken und Nahrungsmittel-Spekulanten als Verantwortliche für das ausufernde Verhungern in der Dritten Welt. Obwohl die strukturelle Gewalt global äußerst wirkmächtig sei, könnten westliche Demokratien das Treiben stoppen. Der leidenschaftliche Angriff auf die derzeit herrschende „kannibalische Weltordnung“ brachte das Bergener Stadtschreiberfest nur kurz zum Innehalten: Wütende Zwischenrufer schenkten ihre Aufmerksamkeit schnell und mit Hingabe wieder den Literaten und dem goldgelben Ebbelwoi.

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