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Die Musikerinnen Patti Smith (l) und Joan Baez anlässlich der Verleihung "Ambassador of Conscience Award".

Joan Baez Patti Smith

„Kleiner schwarzer Schmetterling“

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Amnesty International ehrt die Sängerin Joan Baez und den Künstler Ai Weiwei für ihr beispielhaftes menschenrechtliches Engagement.

Wenn ein Saal voller Unterstützer der Kunst wie der Menschenrechte die US-Sängerin Joan Baez begrüßt, weil sie von Amnesty International als Kämpferin für die Bürgerrechte geehrt wird, dann gibt es die Standing Ovations gleich am Anfang: Im Haus der Berliner Festspiele wird es dunkel, als die kleine, große Baez, heute 74 und mit grauer Kurzhaarfrisur, an der Seite ihrer Laudatorin, der nicht minder legendären US-Rockerin Patti Smith, 68, am Donnerstagabend im Schlaglicht zum Nebeneingang eintritt – und das Publikum klatschend aufspringt.

Baez’ Hände sind gefesselt, sie löst sie über der Amnesty-Kerze auf der Bühne, winkt, verschwindet wieder. Es wirkt alles kleiner, als Amnesty sich das wohl dachte, aber Joan Baez hat so viele solcher Befreiungsgesten auf Tausenden Demos und Sit-Ins angeführt, dass sie dem Ganzen trotzdem etwas Pathos verleiht.

Natürlich ist die Baez längst mehr als eine Sängerin. Schon in den achtziger Jahren gesellten sich zu den Musik- erste Menschenrechts-Preise, seit den Neunzigern überwiegen sie. Baez war als junge Folkmusikerin der sechziger Jahre die Ikone der Bewegung gegen Vietnamkrieg und Rassentrennung. Seither wurde sie zur Politaktivistin, gründete Amnesty-Ortsgruppen, ist Lobbyistin gegen die Todesstrafe.

Rührende Momente

Eigentlich erstaunlich, dass Amnesty sie erst 2015 als „Botschafterin des Gewissens“ ehrt – ein Preis, für den man Künstler und Menschenrechtsaktivist zugleich sein muss, wie Amnesty-Generalsekretärin Selmin Çaliskan erklärt, bevor ein langer Musik-, Theater- und Ansprachen-Abend beginnt.

Neben Baez werden auch der inhaftierte saudiarabische Blogger Raif Badawi und der chinesische Künstler Ai Weiwei für ihr „beispielhaftes menschenrechtliches Engagement“ geehrt. Zu den rührendsten Momenten des Abends gehört, als Ai Weiweis fünfjähriger Sohn, der mit seiner Mutter in Berlin lebt, den Preis entgegennimmt. Er habe nur einen Wunsch, sagt er: „Dass Daddy schnell einen Reisepass bekommt.“

In seiner Dankesbotschaft verweist Ai Weiwei darauf, dass es anderen Menschenrechtsaktivisten viel schlechter gehe als ihm. Er dürfte auch an den Saudi Badawi gedacht haben. Für nichts als Texte, die er auf seiner Website veröffentlichte, ist er zu zehn Jahren Gefängnis und 1000 Peitschenhieben verurteilt. Seine Frau, die ihn vertritt, ist den Tränen nahe, als sie davon berichtet.

Und schließlich, und auch das ist rührend, schießt sogar der coolen Patti Smith das Wasser in die Augen, als sie das große Vorbild ihrer Jugend ehrt, die erste junge Frau, die damals für Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit kämpfte: „Das 15. Jahrhundert hatte Joan d’Arc, wir hatten Joan Baez.“ Sie habe nicht gewartet, bis die Zeit reif für weibliche Anführer würde – das Mädchen mit der Gitarre und dem langen schwarzen Haar habe sich einfach selbst erhoben, „unser kleiner schwarzer Schmetterling!“

Die Dankesrede der Geehrten fällt bescheiden und kurz, aber kämpferisch aus – all denen gewidmet, die tatsächlich ihr Leben für ihre Ideale riskierten. „Any day now, I shall be released“, singen alle Künstler zum großen Finale: Sehr bald werde ich frei sein. Und plötzlich steht Joan Baez doch wieder am Mikrofon, wieder Künstlerin und Aktivistin zugleich.

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